Hilfsbereite Schweizer: «Wir wollen Flüchtlingen helfen, dürfen aber nicht»
Aktualisiert

Hilfsbereite Schweizer«Wir wollen Flüchtlingen helfen, dürfen aber nicht»

Über hundert Schweizer Familien würden syrische Flüchtlinge bei sich wohnen lassen - doch sie blitzen bei den Behörden ab. Noch kein einziger Flüchtling wurde privat untergebracht.

von
J. Büchi
Im Haus des Ehepaars Rüfenacht wäre alles bereit für den Gast aus Syrien.

Im Haus des Ehepaars Rüfenacht wäre alles bereit für den Gast aus Syrien.

Das Ehepaar Rüfenacht aus Murten wartet seit bald einem Jahr auf einen Gast, der einfach nicht kommt: Die pensionierten Musiker Hans Jakob und Susanne Rüfenacht hatten sich bereit erklärt, einen syrischen Flüchtling bei sich aufzunehmen. Ein Studio mit Bett, Schwedenofen, Küche und Bad steht seither in ihrem Einfamilienhaus für den Besuch aus Syrien bereit. Doch dieser ist noch nicht eingetroffen.

«Es ist traurig, in dieser ganzen Sache geht rein gar nichts», sagt Hans Jakob Rüfenacht gegenüber 20 Minuten. Eigentlich hatten er und seine Frau damit gerechnet, im Februar Bescheid zu bekommen. Doch auf Nachfrage hiess es, ein politischer Entscheid zur privaten Unterbringung von Flüchtlingen stehe noch aus. Weder konnte das Ehepaar in Erfahrung bringen, ob noch ein Flüchtling kommt, noch wann dies der Fall sein wird. «Dabei ist die Situation im Nahen Osten schlimmer denn je - diese Menschen brauchen dringend Hilfe», sagt auch Ehefrau Susanne.

«Mühsamer» Prozess

Die Rüfenachts sind nicht die Einzigen, die vergebens ein Zimmer freihalten. Obwohl die Flüchtlingshilfe bereits im letzten Herbst ein entsprechendes Projekt gestartet hatte, habe man noch keine einzige Person so unterbringen können, bestätigt Sprecher Stefan Frey. Grund dafür seien die kantonalen Unterschiede in der Asylgesetzgebung. «Wir müssen mit jedem Kanton einzeln klären, ob und unter welchen Bedingungen private Unterkünfte an Flüchtlinge vermittelt werden dürfen.»

Diese Prozesse liefen sehr langsam und zögerlich ab. «Das ist mühsam - und angesichts der Tatsache, dass die Plätze für Flüchtlinge generell knapp sind, auch sehr schwierig nachzuvollziehen.» Es sei paradox, wenn notleidende Menschen hier mit offenen Armen empfangen würden und sich die Behörden aus bürokratischen Gründen querstellten.

Pilotprojekt geplant

Margrith Hanselmann, Generalsekretärin der Konferenz der kantonalen SozialdirektorenInnen (SODK), weist die Kritik zurück: Der Idee einer privaten Aufnahme von Flüchtlingen stehe die SODK zwar positiv gegenüber, die Machbarkeit müsse aber zuerst im Rahmen eines Pilotprojektes geprüft werden. «Es stellen sich Fragen wie: Ist die Aufnahmefamilie den Herausforderungen im Umgang mit kriegsgeschädigten Menschen gewachsen? Was passiert, wenn eine Familie ihr Zimmer plötzlich wieder selber braucht?» Es sei zudem zentral, dass diese Art von Unterbringung von Syrern in Abstimmung mit den bestehenden Asylstrukturen erfolge.

Die empfohlenen Testplatzierungen will die Flüchtlingshilfe nun in naher Zukunft vornehmen. In welchem Kanton, will Frey nicht sagen - zu sensibel sei das Projekt im jetzigen Stadium. Denn die Zeit eilt: Von den rund 150 Haushalten, die sich zur Aufnahme eines Flüchtlings bereit erklärt hatten, sind einige bereits wieder abgesprungen. «Viele wollen nicht ewig ein leerstehendes Zimmer in ihrem Haus», so Frey. Er rechne damit, dass aus diesem Grund bald noch weitere Interessenten zurückbuchstabieren werden.

Auch das Ehepaar Rüfenacht hat das Studio, das nach dem Auszug ihrer Söhne frei wurde, letzte Woche zur Vermietung ausgeschrieben. Leicht gefallen ist dies den beiden nicht. «Wir wären auf jeden Fall auch weiterhin offen dafür, einen Flüchtling aufzunehmen», betont Susanne Rüfenacht. Sie frage sich oft, wo die Menschen, die in ihrem Heimatland alles zurücklassen mussten, jetzt sind. «Es belastet mich sehr, dass wir ihnen nicht helfen können, obwohl wir dazu bereit wären.»

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