29.07.2020 19:03

Sommerhits 2020

Wir wollen uns aus der Krise tanzen

Corona hat sogar die Sache mit den Sommerhits durcheinandergebracht. Warum es jetzt gleich mehrere davon gibt und die Tracks euphorischer sind.

von
Melanie Biedermann
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Immer dem Licht entgegen: The Weeknd frönt in seinem Hit «Blinding Lights» dem Hedonismus.

Immer dem Licht entgegen: The Weeknd frönt in seinem Hit «Blinding Lights» dem Hedonismus.

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Dabei hat der R’n’B-Star im dazugehörigen Musikvideo sichtlich Spass.

Dabei hat der R’n’B-Star im dazugehörigen Musikvideo sichtlich Spass.

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Er tanzt auch dann noch, wenn er blutet – oder gerade deshalb. Das lodernde Feuer hat er schliesslich hinter sich gelassen. Es ist eine Story, wie wir sie in Krisenzeiten hören wollen.

Er tanzt auch dann noch, wenn er blutet – oder gerade deshalb. Das lodernde Feuer hat er schliesslich hinter sich gelassen. Es ist eine Story, wie wir sie in Krisenzeiten hören wollen.

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Darum gehts

  • Wegen Lockdowns und Versammlungsverboten vertagten Labels grosse Album-Releases.
  • Ohne Ferienreisen gibt es keine Sommerhits.
  • In der Folge sind Charts so wechselhaft wie seit 1990 nicht mehr.
  • Hits entstehen derzeit via Tiktok und an Protesten.
  • Auch die Sehnsucht nach einer besseren Welt spiegelt sich in den Hörgewohnheiten.

Der Sommerhit, wie wir ihn kennen, fällt 2020 ins Wasser. «Mitte Juli ist normalerweise klar, wer das Rennen macht», schreibt der «Guardian». Labels lancieren ihre Anwärter oft im Winter oder Frühling, sodass sie im Sommer peaken. Doch Corona-Lockdowns und Versammlungsverbote zersetzten klassische Muster.

Es gibt keinen Song, den wir zurück aus den Badeferien in jeder zweiten Bar hören, wir beschallen auch keine Küchen und Balkone mit den Lieblingsliedern des letzten Festivals. Das Musikhören findet 2020 in erster Linie in den eigenen vier Wänden statt. Das Teilen passiert über soziale Medien, vornehmlich via Tiktok.

Dauerbrenner wie «Despacito» wird es 2020 nicht geben

Die Störung des normalen Laufs spiegelt sich auch in den Charts. Statt einzelner Titel, die monatelang die Topplätze besetzen, preschen punktuell Hypes vor. Die US-Billboard-Hot 100 sahen im Frühjahr 2020 so viele Wechsel wie seit 1990 nicht mehr.

«Ferien- und Festivalabsagen gaben Tiktok-Challenges und der Aktivismuswelle Raum», so der «Guardian». Dazu kommt: Labels vertagen infolge abgesagter Tourneen grosse Releases, und Künstler halten Veröffentlichung in Solidarität mit BLM-Protesten zurück.

Der Trend geht zu euphorischer Clubmusik

Doch individuell und virtuell findet das grosse Tanzen weiter statt – das Bedürfnis ist da, und es spiegelt sich in unseren Hörvorlieben. Eine Analyse der «BBC» kam zum Schluss: Die Top 20 sind 2020 so euphorisch wie lange nicht. Mit durchschnittlich 122 Schlägen pro Minute gleichen die Tempi der derzeitigen Hits Clubtracks. Songtexte sind augenscheinlich optimistisch.

Nach Jahren, in denen Anxiety-Pop und tendenziell trägere Hip-Hop-Beats die Charts dominierten, sei der Wandel relativ plötzlich und überraschend gekommen, so die BBC-Experten. Nach dem Zweiten Weltkrieg habe es ein ähnliches Phänomen gegeben: «Wir brauchen einmal mehr Musik, die uns den Weg in eine Welt aufzeigt, die besser ist als die, in der wir leben.»

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2 Kommentare
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Karlheinz

30.07.2020, 06:42

So ein sinnloses Gehopse für ein Mittel hinzustellen, das aus der Krise helfen soll, das kann ich nur milde belächeln.

Veronica

29.07.2020, 19:52

Das ist genau das, was ich schon lange predige. Ob es eine Krise überhaupt gibt, sei dahingestellt