Jugendsprache: «Wir wollen zeigen, dass wir gut Englisch können»
Aktualisiert

Jugendsprache«Wir wollen zeigen, dass wir gut Englisch können»

Ob am Telefon, im Chat oder in der Pause: Junge Schweizer reden und schreiben untereinander Englisch. Sie orientieren sich dabei auch an Hollywoodstars.

von
Annette Hirschberg

«Where are you?» «In the bus.» «About 10 min and I'm there.» Diesen Whatsapp-Austausch führten zwei Schweizer Jugendliche. Sie schreiben einander nicht nur auf Englisch, sie reden auch eine Mischung aus Schweizerdeutsch und Englisch, wenn sie gemeinsam unterwegs sind.

«Wir wollen zeigen, dass wir gut Englisch können», sagt die 15-jährige Noemi*. Ihre Freundin Michèle* (15) sagt: «Wir ahmen schon die Stars nach.» Beide Mädchen betonen, dass in ihrem Umfeld jeder so viel Englisch rede und schreibe, wie er könne. «Das machen alle Kolleginnen und Kollegen.» Tatsächlich scheint das Phänomen weitverbreitet zu sein: In sozialen Netzwerken wie Instagram etwa kommentieren junge Schweizer zu einem grossen Teil in Englisch.

Spielerei und Wettkampf mit der Sprache

Auch der Psychologe Allan Guggenbühl hat beobachtet, wie häufig Jugendliche miteinander Englisch sprechen. «Sie reden oft ein vom Deutschen her interpretiertes Englisch. Das heisst, sie verwenden nicht alle Begriffe richtig.» Guggenbühl gefällt aber, wie die Jugendlichen mit der Sprache umgehen. «Sie haben eine andere Einstellung zu Sprache – viel flexibler und kreativer.» Sie nähmen alles auf, was es in ihrem Umfeld an Sprache gebe, und setzten es beliebig ein.

Ähnlich sieht dies der Linguist Stephan Schmid von der Universität Zürich. «Es ist ein Ausdruck von Spielerei mit der Sprache. Das sieht man auch bei den Emojis.» Schmid interpretiert das aber auch als spielerischen Wettkampf: «Man will einander zeigen, was man alles kann.» Und: Die Jugendlichen würden so untereinander eine Verbindung schaffen und sich von der Erwachsenenwelt abgrenzen.

Besser fluchen auf Englisch

Daniel Stotz, Professor an der Pädagogischen Hochschule Zürich, geht eher von einem urbanen Phänomen aus, das sich nur bei Jugendlichen zeige, die eine bessere Bildung hätten. «So unterscheiden sie sich auch von Jugendlichen, die nur einzelne Wörter kennen.» Auch die sozialen Netzwerke erachtet er dabei als wichtig: «So suchen die Jugendlichen vielleicht auch eine erweiterte Leserschaft.»

Stotz stellt ausserdem fest, dass mit englischen Wörtern gern Emotionen wie Wut oder Liebe ausgedrückt werden. «Es scheint einfacher und unverfänglicher zu sein, ‹Shit› oder ‹Oh my God› zu sagen.»

*Namen geändert

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