Polizisten-Beschimpfungen: «Wir wünschten, das wäre nie geschehen»
Aktualisiert

Polizisten-Beschimpfungen«Wir wünschten, das wäre nie geschehen»

Dass FCSG-Fans Polizisten verhöhnten, die um einen getöteten Kollegen trauerten, gilt als Schande von Bern. Die Reaktionen sind entsprechend heftig. Der Klub zeigt sich bestürzt.

von
Felix Burch

«Solche Leute sollten hinter Gitter», «Zwangsabstieg aus der Challenge League», «Verein auflösen». Dies sind nur einige von weit über 100 zum Teil zornigen Reaktionen auf die Schande von Bern. Als solche gilt das Verhalten von rund 100 FC St. Gallen-Fans, die in Bern randalierten, Polizisten verletzten und diese verspotteten mit Sprüchen wie «Ich wünschte mir, wir wären hier im Emmental». Mit dieser Anspielung auf das Drama von Schafhausen, bei dem am Dienstag ein Polizist getötet wurde, ist selbst auf Fussballchaoten-Niveau ein neuer Tiefpunkt erreicht worden.

Markus Scherrer, Pressesprecher des FC St. Gallen, entschuldigt sich deshalb am Freitag ein weiteres Mal für das, was ein paar wenige in Bern angerichtet haben. «Dafür findet man fast keine Worte», sagt Scherrer gegenüber 20 Minuten Online. Solche Beleidigungen seien unterste Schublade. «Wir wünschten, wir könnten zurücknehmen, was diese Personen den Polizisten entgegengeschrien haben», so Scherrer.

«Wir wurden lange nicht aus dem Stadion gelassen»

Einer, der dabei war am Mittwoch, ist der 20-jährige G.N..* Er behauptet, er sei selber nicht aktiv gewesen, habe aber im St. Gallen-Sektor gestanden. Schon früh seien sanitäre Anlagen zerstört worden, nach dem Spiel habe die Polizei die FCSG-Fans «aussergewöhnlich lange nicht aus dem Stadion gelassen». Dadurch habe sich die Stimmung aufgeheizt. «Einige rasteten aus, begannen Kübel in Brand zu stecken und Türen zu beschädigen», so G.N.. Als dann endlich die Ausgänge geöffnet worden seien, habe die Polizei schon gewartet und rasch Tränengas und Gummischrot eingesetzt. «Ich finde, sie haben überreagiert, auch Unbeteiligte seien angegangen worden.» Dem widerspricht die Polizei vehement. Sie sei zuerst angegriffen worden und habe darauf reagiert.

Für die 20-Minuten-Online-User ist der Fall indes klar: «Solche Chaoten müssen härter bestraft werden», lautet der Tenor. Oft bezeichnen die User die Politiker als Sündenböcke.

«Wir ertragen es, wenn man uns ins Gesicht spuckt»

Mehrere Polizisten äussern sich in den Kommentaren zur Schandtat und kritisieren die Justiz. «Wir ertragen es, wenn man uns beschimpft, bedroht, mit Steinen oder Flaschen bewirft oder ins Gesicht spuckt, denn wir haben breite Schultern», schreibt Polizist «Roger». Er könne sich gar vorstellen, dass die Frau des verstorbenen Kollegen zu hören kriege, dass sie den Verlust ertragen müsse, denn sie sei ja die Frau eines Polizisten. «Vielen Dank an die Justiz für den enormen Rückhalt», so «Roger» weiter. Andere Polizisten pflichten ihm bei.

Zahlreiche User sprechen der Familie des getöteten Polizisten ihr Beileid aus. Stellvertretend für viele schreibt «Christine» zudem: «Ich schäme mich, St. Gallerin zu sein.»

*Name der Redaktion bekannt

Olma und Bratwurst sind wichtiger als der FC St. Gallen

Der in die Challenge League abgestiegen FC St. Gallen lässt eine Mehrheit der Stadt St. Galler Bevölkerung ziemlich kühl: Gemäss einer Umfrage von Studierenden der Universität St. Gallen (HSG) hält nur ein Drittel der Befragten den FCSG für bedeutend. Das Flaggschiff des Ostschweizer Fussballs befindet sich «nicht nur sportlich im Tief», wie es im Communiqué der HSG vom Freitag heisst. In der repräsentativen Umfrage zur Bedeutung des FC St. Gallen im vergangenen April beurteilte eine Mehrheit der 240 Befragten den FC St. Gallen als nicht herausragend wichtig. Auf einer Liste von zwölf Institutionen landete der FCSG zusammen mit dem Kinderfest auf Platz 8. Als am wichtigsten wurden die Olma- Messen, die St. Galler Bratwurst, der Klosterbezirk und die Universität eingeschätzt.

Deine Meinung