Ex-Verkäufer von Krypto-Abos: «Wir wurden ausgebildet, um die Leute zu verarschen»
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Ex-Verkäufer von Krypto-Abos«Wir wurden ausgebildet, um die Leute zu verarschen»

Das grosse Geld mit Krypto-Coins und gratis Hotelübernachtungen versprachen sie ihren Opfern: Zwei ehemalige Verkäufer der Krypto-Abos packen aus. Pro Unterschrift erhielten sie 80 Franken.

von
Daniel Krähenbühl
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Die Verkäufer gingen von Tür zu Tür und verkauften ein überteuertes Krypto-Abo (Symbolbild). 

Die Verkäufer gingen von Tür zu Tür und verkauften ein überteuertes Krypto-Abo (Symbolbild).

Getty Images/iStockphoto
«Wir wurden dazu ausgebildet, die Leute nach Strich und Faden zu verarschen», sagt ein ehemaliger Verkäufer.

«Wir wurden dazu ausgebildet, die Leute nach Strich und Faden zu verarschen», sagt ein ehemaliger Verkäufer.

20min/Michael Scherrer
Sie hätten die Kunden mit dem grossen Krypto-Gewinn und gratis Hotelübernachtungen für 125 Franken überzeugt.

Sie hätten die Kunden mit dem grossen Krypto-Gewinn und gratis Hotelübernachtungen für 125 Franken überzeugt.

20min/Michael Scherrer

Darum gehts

  • Die Zuger Firma Blockchain Services AG verkauft im Tür-zu-Tür-Verkauf ein Krypto-Abo namens «Blockchain Package».

  • Der Preis des Abos: 125 Franken. Dass diese Gebühr monatlich anfällt, ist den Kunden oft nicht klar. Das Abo kostet demnach 1500 Franken pro Jahr.

  • Zwei ehemalige Krypto-Verkäufer berichten, wie sie beim Abo-Verkauf vorgegangen sind und was die Kundschaft überzeugte.

  • Die Firma Blockchain Services AG verspricht, den Vorwürfen nachzugehen.

Ihre Zielgruppe seien Sozialhilfebezüger und andere weniger gut verdienende Personen gewesen: Zwei Männer erzählen von ihren Maschen als Krypto-Hausierer. Von ihrem Verkaufsmodell berichtete 20 Minuten vor wenigen Tagen: Junge Verkäufer gehen von Tür zu Tür und verkaufen 1500 Franken teure Krypto-Abos der Zuger Firma Blockchain Services AG. Vermittelt wird das Personal von der Schwyzer DC Design + Consulting SA. Auf den Artikel meldeten sich zwei Ex-Verkäufer. Aufgrund einer unterzeichneten Geheimhaltungsvereinbarung wollen sie anonym bleiben.


Ex-Verkäufer A*: «Holt euch die Leute, holt euch das Geld»

«Wir wurden ausgebildet, die Leute nach Strich und Faden zu verarschen: So überredeten und drängten wir so lange, bis sie ihre Karte gezückt, die Kreditkartennummer angegeben und unterschrieben haben. Die Masche an der Tür lief immer gleich ab. Der Einstieg verlief folgendermassen: ‹Guten Tag, wir müssen eine ganz kurze Umfrage machen. Keine Angst - wir wollen nichts verkaufen. Je nachdem, wie sie antworten, könnten Sie sogar noch einen richtig coolen Preis gewinnen.› Danach lässt man der Person keine Zeit, nachzudenken, sondern stellt gleich die ersten Fragen. Etwa, ob sie gerne in die Ferien gehen möchten oder wie viel sie im Jahr sparen können: 1500, 3000 oder 6000 Franken. Und am Schluss fragt man: Post- oder Bankkonto?

Die ‹Umfrage› ist so ausgelegt, dass man die Leute derart überrumpelt, dass sie jedwede Warnsignale ignorieren. So wird als Zückerli neben den Krypto-Tokens auch ein Hotelgutschein in Aussicht gestellt. Gleichzeitig sichert man den Leuten eine Zufriedenheitsgarantie zu: Falls sie das Paket nach einem Jahr bereuen, könnten sie ihr Geld zurückfordern. Was man dabei verschweigt: Wenn man auch nur einen Token benutzt oder den Hotelgutschein einlöst, verfällt dieser Anspruch.
Der Chef – im Audi RS 6 unterwegs und mit einer teuren Uhr am Arm – hatte uns jede Woche zu mehr Verkäufen gepusht: ‹Lasst euch nicht abwimmeln, holt euch die Leute, holt euch das Geld›, sagte er uns immer. Die Teamleiter kriegen von allen Einnahmen einen Anteil, die Chefs verdienen sich eine goldene Nase.

Verschiedene Vorfälle während der Corona-Zeit gaben mir schliesslich den Anstoss, den Job zu kündigen: So mussten wir – gemäss Vorgabe der Firma – auch bei Personen auf Kundenfang gehen, die in Quarantäne waren. Corona und unsere Gesundheit war ihnen offensichtlich egal. Dieser Job hat mich psychisch mitgenommen: Die ganze Zeit Leute belügen und täuschen zu müssen, hat Spuren hinterlassen. Ich will nie wieder im Aussendienst arbeiten.»


Ex-Verkäufer B.*: «Eine Verkäuferin verdiente mehr als 10’000 Franken pro Monat»

«Ich war arbeitslos und brauchte das Geld. Zwar verdiente man im ersten Monat keinen Grundlohn, die Firma lockte aber mit grossen Provisionen: Bei sechs Abschlüssen pro Tag verdient man knapp 10’000 Franken. Da dachte ich mir, ich werde reich - super. Eine 25-jährige Verkäuferin verdiente sogar noch mehr. Sie war extrem gut darin, die Leute um den Finger zu wickeln. Sogar ich hätte bei ihr unterschrieben.

Doch schon bald zeigte sich, dass das verkaufte Produkt doch nicht so seriös ist, wie angepriesen. So betont die Firma, dass man den einbezahlten Betrag von 1500 Franken nach einem Jahr zurückverlangen kann. Obwohl das so nicht ganz stimmt, tönt das Package so natürlich verlockend: Gratis Ferien machen und gratis Krypto-Tokens – ohne Risiko.

Dass wir während der Corona-Zeit mit in Quarantäne stehenden Personen reden mussten, hat mich gestört. Doch unsere Bedenken wurden von der Firma nie ernst genommen. Im Gegenteil: Uns sagte man immer, dass jetzt alle im Homeoffice sitzen und wir richtig verkaufen könnten. Ein Teil der Mitarbeitenden hat sich das zu Herzen genommen.

Ich hatte da mehr Skrupel: So wurden wir vor allem in Häuserblocks geschickt, um neue Kunden anzuwerben. Wir hätten Sozialhilfebezüger und andere weniger gut verdienende Personen überreden sollen, uns Geld zu geben. Etwa eine Frau aus Eritrea, die am Ende des Monats noch 300 Franken zum Leben übrig hatte. Als sie mich ernsthaft fragte, ob sie in das Krypto-Paket investieren sollte, konnte ich sie nicht anlügen. Mit der Zeit konnte ich auch nicht mehr gut schlafen, die Arbeit ging mir an die Substanz. Kurz darauf kündigte ich den Job – und bin nun froh, dass ich nicht mehr dabei bin.»


Die Schwyzer Firma DC Design + Consulting SA (DCSA) nahm zu den Aussagen auf Anfrage von 20 Minuten keine Stellung. Das Zuger Unternehmen Blockchain Services AG betont, dass es sich bei der DCSA um einen eigenständigen Subauftragnehmer einer beauftragten Werbeagentur handle. Auch die Schulung der Mitarbeiter laufe über die Firma DCSA. «Wir selbst führen weder Beratungsgespräche durch noch beschäftigen wir Aussendienstmitarbeiter.» Im Rahmen der Zusammenarbeit seien die geschilderten Methoden nicht zulässig. Bisher habe es im Rahmen des Projektes jedoch keine Auffälligkeiten mit angestellten Mitarbeitern der DCSA gegeben.

Das Thema Corona nehme die Blockchain Services AG «äusserst ernst». So hätten Geschäftspartner im Aussendienst ein Massnahmen-Konzept erarbeiten und dieses zur Freigabe ermitteln müssen, was im Fall der Firma DCSA auch passiert sei. «Eine Anordnung, Personen in Quarantäne vorsätzlich zu kontaktieren, ist absurd und können wir uns nicht vorstellen.» Die Anwerbung von Sozialhilfebezügern oder generell schlechter gestellten Menschen sei nicht das Ziel: «. Bei fehlender Bonität kommt kein Vertrag zustande und wir können dem Kunden die versprochenen Leistungen nicht zur Verfügung stellen.» Die Unterstellungen und die Verallgemeinerung, dass wir unsaubere Beratungsgespräche oder gar Betrug billigen würden, treffe nicht zu. «Wir nehmen jede Reklamation und jedes Signal ernst und gehen - falls nötig - dagegen vor.»

*Namen der Redaktion bekannt

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