Leser bezeugen: «Wir wurden blutig entlassen»
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Leser bezeugen«Wir wurden blutig entlassen»

Kaum operiert, schon wieder rausgeworfen: Zahlreiche Leser berichten von frühzeitig beendeten Spitalaufenthalten. Die Verbände wiegeln ab: Die Zufriedenheit sei gleich hoch geblieben.

von
A. Hirschberg
Immer wieder werden Patienten zu früh aus dem Spital entlassen.

Immer wieder werden Patienten zu früh aus dem Spital entlassen.

Dass Patientenstellen vermehrt Beschwerden wegen so genannten «blutigen Entlassungen» haben, hat zu einer Flut von Rückmeldungen von 20 Minuten-Lesern geführt. Viele haben das Gefühl, mit Opfer der Fallpauschalen geworden zu sein. So berichtet Heinrich Reich*, er habe seine mit Morphium vollgepumpte Frau am Tag der Operation mit nach Hause nehmen müssen. Einen Tag später sei sie wegen starken Schmerzen per Ambulanz wieder ins Spital gebracht worden. Für ihn ist dies klar eine Folge der Fallpauschale.

Nach einem Unfall war Daniel Zürcher* drei Tage im Spital. Am dritten Tag habe es plötzlich geheissen, dass er innert dreissig Minuten sein Zimmer verlassen und nach Hause gehen müsse. Reklamationen hätten nichts genützt. Später hiess es es habe ein Kommunikationsproblem gegeben.

Zu früh in der Reha

Der Vater von Sarah Bauer (Name geändert) musste notfallmässig ins Spital, weil er mit einem Glas in der Hand gestürzt war. Der Chirurg, der ihn an der rechten Hand operierte, rief Bauer am selben Tag an und teilte ihr mit, dass sie ihren Vater am nächsten Tag bereits mittags wieder abholen müsse, was ihr jedoch nicht möglich war. Nach Hause konnte ihr Vater jedoch nicht gehen. «Mein Vater ist alleine und die Spitex konnte noch nicht aufgeboten werden.» Der Arzt meinte ihr gegenüber aber, das sei nicht sein Problem. Sie habe aber dann erreicht, dass ihr Vater bis am Abend im Spital bleiben konnte. «Als Angehöriger muss man sich auf die Hinterbeine stellen und sich vehement wehren», sagt Sarah Bauer.

Auch Ralf Meier* war im Spital. Er wurde am Herz operiert und bekam einen Bypass. Nach rund einer Woche, während der er am Anfang an der Herz-Lungen-Maschine auf der Intensivstation lag, wurde er entlassen, obwohl er kaum laufen konnte. Ein Taxi fuhr ihn in die nächste Rehabilitationsklinik. Dort war man mit ihm laut seinen Aussagen überfordert, weil er noch ein Pflegefall war und noch nicht bereit für die Reha.

Besorgnis auch beim Personal

Doch nicht nur Patienten reklamieren. Auch das Pflegepersonal zeigt sich besorgt. «Immer wieder wird in den Aufenthaltsräumen des Pflegepersonals getuschelt, dass jemand viel zu früh und in bedenklichem Zustand gehen muss», erzählt eine Spitalsekretärin, die anonym bleiben möchte. Sie habe solche Fälle auch persönlich mitbekommen. Und: «Ich weiss, dass andere Abteilungen die gleichen Probleme haben», sagt sie.

Gemäss dem Verband der Schweizer Ärzte (FMH) gibt es noch keine Studie, die die Verweildauer in den Spitälern unter der Fallpauschale untersucht habe. Der Kostendruck auf die Spitäler sei aber hoch und es werde weiter daran geschraubt. «Dies führt dazu, dass in den kommenden Jahren der Druck auf die Spitäler, ihre Ärzte und Pflegenden weiter zunimmt», sagt Mediensprecherin Jacqueline Wettstein. Zentral sei, dass der Arzt entscheide, wann der Patient aus dem Spital austritt. «Es darf nicht sein, dass er von der Spitalleitung oder den Krankenversicherern dazu gedrängt wird.»

Bei Santésuisse, dem Branchenverband der Krankenkassen, kann man sich vorstellen, das die Spitäler noch nicht überall eine Routine entwickelt haben und es darum zu frühzeitigen Entlassungen komme. «Vielleicht muss auch eine Zwischenlösung aufgebaut werden, wo eine Akutpflege nicht mehr nötig ist», sagt Mediensprecherin Anne Durrer. Dies sei aber Aufgabe der Kantone.

Eine Million Patienteneintritte pro Jahr

Der Spitalverband Hplus wiegelt ab. Es gebe Richtlinien, die eine so genannte «blutige Entlassung» verhindern. «Wird ein Patient zu früh entlassen und muss deswegen danach nochmals hospitalisiert werden, so kann ein Spital die erneute Hospitalisierung nicht nochmals verrechnen», sagt Direktor Bernhard Wegmüller.

Bei SwissDRG, das die Fallpauschalen erarbeitet hat und weiterentwickelt, geht man von Einzelfällen aus, die sich leider nie gänzlich vermeiden lassen. In der Schweiz gebe es pro Jahr etwas mehr als eine Million Patienteneintritte. Und: «Eine erste Auswertung hat gezeigt, dass die Zufriedenheit mit dem Gesundheitssystem nach wie vor sehr hoch ist», sagt Geschäftsführer Simon Hölzer. Ausserdem hätten alle bisherigen Ergebnisse der Begleitforschung ein positives Bild gezeichnet.

*Namen geändert.

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