Einmal um die Welt: «Wir wurden unterwegs zur Familie»

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Einmal um die Welt«Wir wurden unterwegs zur Familie»

Gwendolin Weisser und Patrick Allgaier waren 3,5 Jahre auf Weltreise. Erst als Paar, dann mit Söhnchen Bruno. Im Interview erzählen sie von ihrem Abenteuer.

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Gwendolin Weisser und Patrick Allgaier, mit welchem Ziel sind Sie losgezogen?

Allgaier: Wir wollten mal sehen, wie gross die Welt ist, wenn man sie über Land und zu Wasser bereist. Wir betrachteten das Ganze weniger als eine Reise denn als einen Lebensabschnitt, in dem wir unterwegs sind. Ich hatte immer schon davon geträumt, das Reisen zu meinem Alltag zu machen.

Wie wichtig war es, langsam zu reisen?

Allgaier: Ganz wichtig, weil wir uns Zeit nehmen wollten, um flexibel zu sein, uns treiben zu lassen. Trampen war die ideale Reiseform dafür. Da wird man schon mal spontan mit nach Hause genommen oder zu einem Wochenendausflug in die Berge Kirgistans eingeladen.

Weisser: Ausserdem hat man nie einen Kulturschock, da sich alles langsam verändert. Wir konnten uns vorzu an das Klima und neue Situationen gewöhnen. Als wir dann in Indien ankamen, hat sich das gar nicht so krass angefühlt. Es hat irgendwie einfach Sinn gemacht.

Hat sich Ihre Beziehung durch die Reise verändert?

Allgaier: Klar, man lernt sich noch einmal tiefer kennen. Wir waren ein Team. Trotzdem blieb die Romantik nicht auf der Strecke, denn wir waren uns total nah. Wir hatten viel Zeit füreinander. Mehr als zu Hause.

Weisser: Wir kannten uns erst ein Jahr, bevor wir los sind. Natürlich gab es Reibungspunkte. Diese waren meist durch äusserliche Faktoren wie etwa Kälte oder Hunger bedingt. Grundsätzlich hat uns die Reise extrem zusammengeschweisst. 3,5 Jahre haben wir jeden Tag gemeinsam erlebt, wir teilen so viele Erinnerungen, wurden zur Familie.

Sie bereisten auch eine Grenzregion Pakistans, wo es schon zu Entführungen kam. War das nicht etwas leichtsinnig?

Allgaier: Manche nennen es mutig, andere naiv. Für uns hat es sich einfach normal angefühlt. Je näher wir zur Grenze kamen, desto mehr Positives hörten wir von anderen Touristen, die schon dort waren. Wir hatten ein Urvertrauen in unsere Reise, das sich jeden Tag bestätigt hat, und folgten unserer Intuition.

Frau Weisser, wären Sie auch allein so viel getrampt?

Wir haben Frauen getroffen, die ähnlich gereist sind, allerdings muss man schon ein dickes Fell haben. Ich wäre allein wahrscheinlich anders gereist. Einerseits weil es vorkommen kann, dass man belästigt wird, andererseits weil man teilweise zu sehr behütet wird und sich nicht mehr wirklich frei bewegen kann. Das haben wir vor allem im Iran gehört.

Wie hat sich die Reise mit der Schwangerschaft verändert?

Weisser: Natürlich haben sich einige Dinge verändert. Ich hatte weniger Kraft und auch weniger Energie, um mich auf Leute einzulassen. Aber ich habe es trotzdem genossen. Vor der Reise mit dem Containerschiff machte ich in Sibirien einen Ultraschall, bei dem alles unauffällig war. Und ich fühlte mich die gesamte Zeit gut. Ich würde es wieder so machen.

Allgaier: Uns beiden war schnell klar, dass wir auch mit Kind weitermachen. Alles andere wäre eine Vollbremsung gewesen. Das Reisen war uns näher als ein geregeltes Leben. Allerdings haben wir nach Brunos Geburt auf das Trampen verzichtet. Unser Bus wurde zum Nest. Wir waren nicht mehr so tief in den Kulturen drin, und uns war es dann auch nicht mehr so wichtig, auch noch Südamerika zu bereisen.

Der Film zeichnet ein sehr positives Bild der Welt. War das bewusst?

Allgaier: Nein, es kommen auch schwierige Situationen oder Herausforderungen vor. Aber die Reise war keine Challenge. Es ist ein positiver Film entstanden, weil die Reise überwiegend positiv war. Wir waren insgesamt in 667 Autos und hatten nur eine Handvoll unangenehme Situationen. Natürlich passieren zum Beispiel in Pakistan schlimme Dinge. Wir haben dort aber ganz normale, nette Leute getroffen und wollten ihnen eine Plattform geben. Das Fremde ist nicht mehr so fremd, wenn man ein Stück darauf zugeht.

Was ist die wichtigste Lektion, die Sie gelernt haben?

Allgaier:Dass es sich lohnt zu träumen und Träume in die Tat umzusetzen. Ausserdem erkennt man, dass es auf der Welt so viele unterschiedliche Lebensmodelle gibt, wenn man nicht nur unter seiner Glocke sitzt.

Weisser: Genau. Auf einer Reise lernt man, dass es immer einen Weg gibt. So habe ich auch keinerlei Existenzängste, obwohl ich kein Studium absolviert habe.

Haben Sie schon wieder Fernweh?

Allgaier: Das Reisen wird uns bestimmt unser Leben lang begleiten. Ob wir jedoch noch mal für so eine lange Zeit losziehen werden, können wir noch nicht sagen.

«Weit. um die Welt» Patrick Allgaier (Jahrgang 1983), freier Kameramann, und Gwen Weisser (Jahrgang 1992) brechen 2013 zur grossen Weltreise gen Osten auf, um 1207 Tage später aus dem Westen mit ihrem gemeinsamen Sohn Bruno wieder heimzukehren. Während der gesamten 3,5 Jahre bestiegen sie kein einziges Mal das Flugzeug. Stattdessen waren sie per Anhalter, in öffentlichen Verkehrsmitteln, mit dem Containerschiff und dem eigenen VW-Bus unterwegs.

«Weit. um die Welt» Patrick Allgaier (Jahrgang 1983), freier Kameramann, und Gwen Weisser (Jahrgang 1992) brechen 2013 zur grossen Weltreise gen Osten auf, um 1207 Tage später aus dem Westen mit ihrem gemeinsamen Sohn Bruno wieder heimzukehren. Während der gesamten 3,5 Jahre bestiegen sie kein einziges Mal das Flugzeug. Stattdessen waren sie per Anhalter, in öffentlichen Verkehrsmitteln, mit dem Containerschiff und dem eigenen VW-Bus unterwegs.

Aktuell sind die beiden mit der Live-Reportage «Weit. um die Welt» auf grosser Schweiz-Tournee und erzählen von ihren Erlebnissen. Daten und Tickets auf Explora.ch

Der Film zur Reise («WEIT.») war letztes Jahr ein Riesenerfolg in Deutschland und kommt am 1. März in die Schweizer Kinos. In Zürich, Bern, Basel und Wil wird das Paar seinen Film persönlich vorstellen. Weitere Infos und das Magazin, das ebenfalls aus der Reise entstanden ist, findet man auf: Weitumdiewelt.de

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