Aktualisiert 14.09.2016 07:26

Angehende Tierärzte

«Wir wurden von der Uni brutal ausgenutzt»

Tiermedizin-Studenten an der Uni Zürich mussten im Praktikum fünf 14-Stunden-Schichten pro Woche schieben. Betroffene packen nun über die illegalen Praktiken aus.

von
20M
1 / 3
Angehende Tierärzte an der Uni Zürich mussten im Praktikum 14-Stunden-Nachtschichten absolvieren - und dies fünf Tage hintereinander. Laut Arbeitsrechtler Martin Farner verstiess die Uni damit gegen Arbeitsrecht. (Symbolbild)

Angehende Tierärzte an der Uni Zürich mussten im Praktikum 14-Stunden-Nachtschichten absolvieren - und dies fünf Tage hintereinander. Laut Arbeitsrechtler Martin Farner verstiess die Uni damit gegen Arbeitsrecht. (Symbolbild)

Keystone/Alessandro Della Bella
Auch 20-Minuten-Leserin M. C.* musste während drei Jahren ihres Studiums regelmässig Einsätze im Tierspital leisten. «Nach meiner ersten Nachtschicht war ich so kaputt, dass ich nach dem Nachtdienst nur noch weinen konnte.» (Symbolbild)

Auch 20-Minuten-Leserin M. C.* musste während drei Jahren ihres Studiums regelmässig Einsätze im Tierspital leisten. «Nach meiner ersten Nachtschicht war ich so kaputt, dass ich nach dem Nachtdienst nur noch weinen konnte.» (Symbolbild)

Keystone/Alessandro Della Bella
Die Universitätsleitung reagiert nun auf den «Kassensturz»-Bericht: Ab dem Herbstsemester gilt ein neuer Schichtbetrieb mit sieben statt 14 Stunden. (Symbolbild)

Die Universitätsleitung reagiert nun auf den «Kassensturz»-Bericht: Ab dem Herbstsemester gilt ein neuer Schichtbetrieb mit sieben statt 14 Stunden. (Symbolbild)

Keystone/Alessandro Della Bella

Was Studierende der tiermedizinischen Fakultät der Universität Zürich in der neusten «Kassensturz»-Sendung vom Dienstagabend erzählen, lässt aufhorchen: Als Pflichtbestandteil ihres Studiums absolvieren sie ein Praktikum beim Tierspital Zürich, in welchem die angehenden Tierärzte eine 14-Stunden-Nachtschicht schieben müssen – und dies gleich fünfmal pro Woche. Bezahlt werden sie dafür mit 20 Franken pro Nacht, am Wochenende gibt es noch weniger Lohn.

Die Studenten wehren sich nun gegen diese Nachtdienste: «Man kommt am Abend um 17 Uhr, arbeitet durch bis morgens um 7 Uhr», erzählt eine Betroffene, die aus Angst vor Schikanen anonym bleiben möchte. Nach 14 Stunden könne sie sich nicht mehr konzentrieren. «Es sind ja fünf Nächte am Stück und in der zweiten und dritten Nacht ist es dann richtig schlimm, dann merke ich, dass ich kleine Fehler mache.»

Uni verstösst mehrfach gegen Arbeitsrecht

Wenn die Intensivstation voll sei, müsse ein Student innerhalb einer Stunde zehn Tiere versorgen, sagen andere Studenten. Da die Zeit dazu kaum reiche, bleibe auch keine Zeit für eine richtige Pause. «Man kann vielleicht in zehn Minuten etwas essen, aber dann muss man gleich weitermachen.»

Laut Arbeitsrechtler Martin Farner ist dies illegal: Die Nachtdienste seien zu lang, die Erholungszeit zwischen den Nachtdiensten zu kurz. Auch werde die Höchstarbeitszeit von 50 Stunden pro Woche überschritten, und es müsse bezahlte Pausen geben. Die Uni verstosse mit ihren Praktiken gegen Arbeitsrecht, dem die Studenten unterstellt seien. Ebenfalls stört er sich daran, dass die Studierenden für diesen 14-stündigen Nachteinsatz mit lediglich 20 Franken entschädigt werden.

«Ich konnte auf dem Heimweg nur noch weinen»

Auch 20-Minuten-Leserin M. C.* musste während drei Jahren ihres Studiums regelmässig Einsätze im Tierspital leisten. Die 14-Stunden-Schichten liessen die Studentin an die Grenzen ihrer Kräfte stossen. «Nach meiner ersten Nachtschicht war ich so kaputt, dass ich nach dem Nachtdienst nur noch weinen konnte.» Der ehemaligen Studentin blieben nur wenige Stunden Freizeit, um zu essen und zu schlafen, dann musste sie wieder arbeiten. «Meine Konzentration litt extrem unter dem Schlafmangel, ich fühlte mich wie ein Zombie.» Etwas dazuzulernen sei unter diesen Umständen auch nicht möglich gewesen. «Ich habe zum Schluss einfach versucht, alles auf den Untersuchungs- und Medikamenten-Plänen wie am Fliessband abzuarbeiten. Ich hatte weder Zeit noch Energie oder Motivation mir Gedanken über die Behandlung zu machen.»

Noch schlechter bezahlt als ein Einsatz unter der Woche seien zudem die Wochenendeinsätze von zweimal 14 Stunden gewesen: 25 Franken gab es – weniger als einen Franken Stundenlohn. «Wir wurden von der Uni brutal ausgenutzt», sagt C. Gelernt habe man dabei nur anfangs etwas. «Wir waren fürs Tierspital einfach extrem günstige Arbeitskräfte, denn wenn ein Tierarzt die Nachtschicht übernimmt, kostet das viel mehr.» Zwar hätte man sich unter den Studenten oft beschwert, doch bis vor kurzem habe sich niemand getraut, sich zu laut zu äussern. «Wir waren nach den Einsätzen einfach nur froh, dass es vorbei war.»

Die Universität reagiert auf Bericht

Die für die Fakultät zuständige Dekanin Brigitte von Rechenberg sagt, dass es für die Ausbildung äusserst wichtig sei, dass die Studierenden Nacht- und Notfalldienste am Wochenende leisten würden. Denn die Fälle, die von der Strasse kämen, ereigneten sich vor allem dann. «Das ist das, was sie danach in der Regel auch in der Praxis draussen machen müssen», so Rechenberg.

Trotzdem reagiert die Universitätsleitung auf den «Kassensturz»-Bericht: Ab dem Herbstsemester gilt ein neuer Schichtbetrieb mit sieben statt 14 Stunden. Weil das Tierspital dadurch aber zu wenig Personal für die Nacht- und Wochenenddienste habe, müssten die Studierenden nun mehr Dienste übernehmen. Diese würden dafür neu gemäss den kantonalen Vorschriften für Praktika entlohnt, also deutlich besser. Aber: Die Universität bezahlt jetzt nur noch Einsätze ab einer gewissen Anzahl geleisteter Stunden. Die Studenten müssen neu erst einmal 60 Stunden gratis arbeiten, um sich die geforderten ECTS-Punkte zu verdienen.

*Initialen geändert

Werden Sie im Praktikum ausgenutzt oder haben Sie so etwas schon erlebt? Erzählen Sie uns Ihre Geschichte:

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.