Aktualisiert 27.03.2013 07:21

Pipi liefert Daten

Wird Abwasser bald auf Drogen getestet?

Experten befassen sich mit der Frage, ob Abwässer systematisch auf Drogenrückstände untersucht werden sollten. So könnten neue Drogen-Trends schneller erkannt werden.

von
D. Sutter/D. Wild
Forscher untersuchen die Transformation von Mikroverunreinigungen und Nanopartikeln im Abwasser.

Forscher untersuchen die Transformation von Mikroverunreinigungen und Nanopartikeln im Abwasser.

An einer nicht öffentlichen Tagung haben gestern Dienstag Vertreter der Polizei, der Suchtprävention und Wasserforscher der Eawag über die Möglichkeiten von Abwasseranalysen zur Einordnung des Drogenkonsums diskutiert – und wie die daraus gewonnenen Daten ausgewertet werden könnten. Ziel der Erhebungen: Ein gesamthafteres Bild über die Situation in der Schweiz. Laut Christoph Ort von der Eawag liesse sich zudem ein Frühwarnsystem einführen: «Angenommen wir könnten das Abwasser täglich testen, könnten wir etwa Trends im Bereich Drogen schneller aufspüren – aber auch Krankheiten wie zum Beispiel die Vogelgrippe liessen sich rascher erkennen.»

Zuverlässige Schätzungen bezüglich der Konsumierenden und ihrem Verhalten gibt es kaum. Dass in der Schweiz aber viel Drogen genommen werden, zeigte die Universität Bern bereits 2011 mit einer Studie in der Fachzeitschrift Water Research über Kokain im Abwasser der Städte Bern, Genf, Luzern und Zürich. «Die Kokainmengen im Abwasser lagen dort im gleichen Bereich wie bei jenen europäischen Städten mit dem höchsten Konsum», sagte Christoph Ort damals. Dabei war die Belastung an Wochenenden und während bestimmter Anlässe wie der Zürcher Street Parade oder Musikfestivals zwei- bis viermal so hoch wie an gewöhnlichen Wochentagen.

Phänomen Drogenkonsum besser verstehen

Konkret beschlossen worden sei am Dienstag nichts, so Ort. «Wir wollen aber Synergien nutzen, um das Phänomen Drogenkonsum in der Schweiz besser verstehen zu können.» Um Trends über längere Zeiträume studieren zu können, wäre es hilfreich, wenn regelmässig und systematisch Abwasserproben genommen und analysiert werden könnten. «Dies lieferte ein weiteres Puzzleteil an Erkenntnissen – sei es im Bereich Prävention oder auch für die Polizeiarbeit», so Ort.

Denn: Im Gegensatz zu den herkömmlichen Methoden zur Datenerhebung in diesem Bereich sei man nicht auf die Einwilligung und Mithilfe des Einzelnen angewiesen. «Das Abwasser ist ja einfach vorhanden und anonym.» Es sei aber keinesfalls geplant, einzelne Quartiere oder Häuser zu testen: «Da bräuchten wir einerseits ja wieder eine Einwilligung, andererseits ist es rein physikalisch und logistisch gar nicht möglich.»

Die beteiligten Fachleute seien an einem Gesamtbild der Drogenlandschaft interessiert – mit den Abwasseranalysen sind einzelne Konsumenten oder gar Dealer nicht identifizierbar. Ort: «Proben aus Kläranlagen erlauben keine Rückschlüsse auf bestimmte Gruppen, liefern aber zusätzliche Informationen.»

«Macht Präventionsarbeit nicht einfacher»

Den Nutzen der Abwasseranalyse beurteilen Experten jedoch unterschiedlich: «Im Bereich der Strafverfolgung bringt uns dies nichts, da wir durch die Spuren im Abwasser ja nicht auf die Täter schliessen können», meint etwa der St. Galler Staatsanwalt Thomas Hansjakob. Die Analyse brächte lediglich ein Indiz für den Drogenkonsum.

Im Bereich Prävention könne dies aber durchaus interessant sein. «Das Instrument ist sinnvoll, um etwa Veränderungen beim Konsum einer bestimmten Substanz festzustellen», sagt Christian Kobel, Leiter der Jugendberatung Streetwork in Zürich. Er ist aber skeptisch: «Da diese Daten keine Rückschlüsse auf das Konsumverhalten bestimmter Altersgruppen zulassen, macht es unsere Präventionsarbeit nicht einfacher.» Der Nutzen wäre in der Praxis demnach gering.

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