Nächtliche ExzesseWird Alkohol in Zügen ab 22 Uhr verboten?
Alkohol trinkende Fahrgäste soll es nachts in Zügen nicht mehr geben. Dies fordern Politiker und eine Gewerkschaft. Doch nicht bei allen kommt dies gut an.
- von
- J. Furer
Ein Glas Wein oder ein Feierabendbier im Bordrestaurant auf einer Zugfahrt geniessen: Das soll in Deutschland bald nicht mehr möglich sein. Zumindest wenn es nach dem Vorsitzenden der Eisenbahnergewerkschaft GDL, Claus Weselsky, geht. «Alle wissen, dass Alkohol enthemmt. Wir müssen den Alkoholausschank auf den Prüfstand stellen, aus Fürsorgepflicht für unsere Mitarbeiter», sagte Weselsky der «Heilbronner Stimme».
Wäre solch ein Verbot auch in der Schweiz denkbar? Bruno Zeller, Branchenleiter Öffentlicher Verkehr bei der Gewerkschaft Transfair, findet: «Im Speisewagen sollte das Ausschenken von Alkohol nicht verboten werden.» Denn so würde man Genusstrinkern den Alkohol in Zügen grundsätzlich verbieten und zudem würden die Leute so den Alkohol von ausserhalb mitbringen und im Zug konsumieren. Dennoch sieht auch er die Problematik von alkoholisierten Menschen, die in Zügen aggressiv werden: «Es wäre deshalb wünschenswert, dass zu gewissen Zeiten und auf Problemstrecken kein Alkohol ausgeschenkt oder konsumiert wird», so Zeller.
«Entlastung für das Zugpersonal»
So fordert er, dass spätabends bis frühmorgens auf den Strecken im Grossraum Zürich oder in der Westschweiz das Alkoholausschenken und -konsumieren verboten wird. «Es wäre insbesondere für das Zugpersonal eine Entlastung, wenn auf gewissen Problemstrecken zu Problemzeiten auf Spät- oder Frühzügen kein Alkohol konsumiert oder ausgeschenkt wird», sagt Zeller.
Noch weiter geht EVP-Nationalrätin Maja Ingold: «Von 22 Uhr bis 6 Uhr soll kein Alkohol mehr in den Zügen konsumiert werden.» Denn um diese Zeit würden viele bereits alkoholisierte Menschen in den Zug steigen, und wenn diese zusätzlich mitgebrachten Alkohol tränken, sei das für alle anderen Zugpassagiere und für das Zugpersonal unangenehm und könnte ausarten. Sie überlegt sich nun einen Vorstoss zu lancieren, um das Alkoholverbot nachts in Schweizer Zügen politisch zu durchzusetzen.
«Leute nehmen bewusst den Zug, damit sie Alkohol trinken können»
Einen ähnlichen Vorstoss hat CSP-Nationalrat Karl Vogler bereits im Jahr 2012 eingereicht. Er forderte, dass der Konsum von Alkohol von 21 bis 8 Uhr in Fahrzeugen des öffentlichen Verkehrs – mit Ausnahmen in Speisewagen – sowie auf Bahnhofanlagen und bei Bushaltestellen verboten wird. Im März 2014 lehnte der Nationalrat das Begehren jedoch ab. Doch auch heute noch fordert Vogler: «Nächtliche Exzesse in Zügen müssen unterbunden werden. Das geht nur, wenn es ein entsprechendes Alkoholverbot gibt.» Damit könne das Sicherheitsgefühl und der Komfort der Bahnreisenden, die sich zu benehmen wissen, verbessert werden. Auch er prüft, ob ein erneuter politischer Vorstoss Sinn machen würde, um das Problem in den Griff zu bekommen.
Für Kopfschütteln sorgt die Forderung bei Gregor Rutz, SVP-Nationalrat und Mitglied der Verkehrskommission des Nationalrates: «Das ist völlig absurd. Viele Leute nehmen bewusst den Zug, damit sie an einem Anlass Alkohol trinken können. Das ist der Sinn von öffentlichen Verkehrsmitteln.» Solche Verbote würden die Allgemeinheit bestrafen, und damit auch viele Leute, die nichts dafür können, wenn ein paar wenige ausfällig werden. Rutz: «Solche Einzelfälle wird es immer geben, diese kann man auch mit Verboten nicht verhindern.»
«Es wird ja trotzdem getrunken »
Ähnlich tönt es bei der Gewerkschaft des Verkehrspersonals (SEV): «Wenn man den Leuten verbietet, ein Bier im Zug zu trinken, werden wir endgültig zum Polizeistaat», sagt Sprecher Peter Anliker. Zudem denke er nicht, dass ein Alkoholverbot zur Lösung beitragen würde: «Es würde ja trotzdem getrunken – beispielsweise, bevor man in den Zug steigt.»
Was hält die SBB vom Alkoholverbot?
Was hält die SBB vom Alkoholverbot?
Für die SBB kommt ein Verbot von Getränken jeglicher Art nicht in Frage: «Die SBB sorgt durch ein abgestimmtes Sicherheitskonzept dafür, dass alle Leute in der Schweiz den öffentlichen Verkehr auch zu Randzeiten sicher nutzen können», sagt Sprecher Christian Ginsig. Zudem sei durch die Präsenz von Sicherheitspersonal an Bahnhöfen und in Zügen und weiteren Massnahmen das subjektive Sicherheitsempfinden gleich wie im übrigen öffentlichen Raum.
Auch sei es so, dass es meistens nicht nur wegen Alkohol, sondern meist im Zusammenhang mit Fahrausweiskontrollen und Reisen ohne gültigen Fahrausweis zu Zwischenfällen komme. Auf solche Situationen sei das Zugpersonal vorbereitet: «Es wird zum Verhalten in Zügen regelmässig geschult.»