«Time-Out»: Wird der SCB langsam und langweilig?
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«Time-Out»Wird der SCB langsam und langweilig?

Die Zuschauerzahlen sind rückläufig und Ivo Rüthemann kriegt einen Rentenvertrag: Jetzt kommt es auf die Ausländer an, ob die SCB-Spiele wieder unterhaltsamer werden.

von
Klaus Zaugg
Der SCB - nachlassende Leistung wird mit politischem Einfluss kompensiert.

Der SCB - nachlassende Leistung wird mit politischem Einfluss kompensiert.

Der britische Historiker Paul Kennedy hat mit seinem Klassiker «The Rise and Fall of the Great Powers» in weltgeschichtlichen Dimensionen analysiert und beschrieben, was jedem Hockeyunternehmen blüht: Aufstieg und Fall. Keine Mannschaft kann dauerhaft eine Liga dominieren. Wer es schafft, vier Titel hintereinander zu gewinnen, gilt bereits als Dynastie und seit Einführung der Playoffs (1985/86) hat nur der EHC Kloten mit den Titeln von 1993, 94, 95 und 96 eine Dynastie aufgebaut.

Jeder Sportchef muss also seine Mannschaft erneuern. Schwierig ist es unter dem Druck des Misserfolges. Einfacher ist es, wenn ein kluger Sportchef sein Team freiwillig laufend erneuert.

Das Problem erfolgreicher Teams: Verdienstvolle Spieler werden bei Vertragsverlängerungen ab einem gewissen Alter teuer für das bezahlt, was sie geleistet haben. Aber nicht für das, was sie in Zukunft noch leisten können. Solche Stars neigen dazu, nachlassende sportliche Wirkung durch politischen Einfluss zu kompensieren. In diesen Tagen erleben wir in Lugano, was passiert, wenn zu viele Spieler, die ihre Zukunft hinter sich haben, die Gegenwart bestimmen.

Ist der SC Bern auf dem Weg dazu, ein neues Lugano zu werden? Die Gefahr ist grösser, als Sportchef Sven Leuenberger ahnt.

Einige SCB-Schlüsselspieler haben die grossen Erfolge schon gefeiert, aber ihre Position durch lang laufende Verträge zementiert: Ivo Rüthemann wird am 12. Dezember 34 und hat soeben einen Dreijahresvertrag bekommen. Ryan Gardner ist 32 und ruht in der Sänfte eines bis 2014 laufenden Kontraktes. Marco Bührers Status als Nummer eins ist mit einem Vertrag bis 2013 plus Option unantastbar. Das bedeutet: Wenn Leuenberger auch noch weiteren «Alphatieren» den auslaufenden Vertrag für mehrere Jahre verlängert - beispielsweise Martin Plüss (33), Christian Dubé (33), Jean-Pierre Vigier (34), Simon Gamache (29), Brett McLean (32) oder Marc Reichert (30) - dann wird die Mannschaft erstens langsamer, zweitens (fast) «uncoachbar» und die Spiele werden, drittens, noch langweiliger.

Hat Leuenberger den Mut, Ende der Saison auf einige der alternden Stars zu verzichten? Wenn ja, dann gelingt ihm die Erneuerung der Mannschaft ohne schwere Krise. Wenn nein, dürfen wir uns auf ein SCB-Krisenspektakel freuen (oder wir müssen es fürchten, je nach Sichtweise).

Der SCB kann sein Team durch den Einbau junger Spieler zwar laufend dynamisieren. Aber die eigenen Jungen verändern die Spitze der Teamhierarchie nicht. Es ist eine Veränderung am Rande, nicht im Zentrum der Mannschaft. Für eine wirkungsvolle Erneuerung braucht es neue «Alphatiere».

«Alphatiere» mit Schweizer Pass sind nach den Vertragsverlängerungen von Rafael Diaz, Damien Brunner (in Zug) oder Steve Hirschi (in Lugano) nicht mehr viele zu bekommen. Nun ist der Zeitpunkt beim SCB gekommen, den vollen Tresor zu öffnen und sich himmelhohe Transferziele wie die Verpflichtung von Peter Guggisberg, Severin Blindenbacher oder Roman Wick zu setzen. Der Zirkus Knie ist so erfolgreich, weil er jedes Jahr neue Artisten in sein Programm einbaut. Wenn in Bern zum Derby gegen Biel weniger als 15 000 Fans kommen (wie am letzten Dienstag), dann ist es im Zirkus SCB Zeit für neue Artisten.

Berns Vorteil: Es bleibt viel Spielraum bei der Besetzung der Ausländerpositionen. Aber auch da ist ein Umdenken notwendig. Die Philosophie «der Star ist die Mannschaft» hat zwar dem SCB im letzten Frühjahr den Titel beschert. Aber um den Preis von ein bisschen viel Langeweile während der Qualifikation und rückläufigen Zuschauerzahlen.

Zuschauertrends wieder umzukehren ist so schwierig, wie einen Öltanker anzuhalten. Es dauert Ewigkeiten, bis ein Bremsmanöver Wirkung zeigt. Berns Zuschauerschnitt ist rückläufig und diese Saison sind so wenig Zuschauer in Europas grösste Arena gekommen wie nie mehr seit dem vorletzten Titel von 2004. Obwohl bereits drei Derbys plus eine Partie gegen Davos gespielt worden sind.

15 621 in der Saison 2004/05

15 944 in der Saison 2005/06

15 692 in der Saison 2006/07

15 939 in der Saison 2007/08

16 172 in der Saison 2008/09

15 709 in der Saison 2009/10

15 421 in der laufenden Saison

Der SCB braucht mindestens auf den Ausländerpositionen wieder grosse Namen. Es muss wieder rocken und rollen. Mit dem Rentenvertrag für den properen Musterschüler Ivo Rüthemann und unspektakulärem Resultathockey sind die Fans nicht ins Stadion zurückzuholen. Der SC Bern ist zwischen Grauholz und Bareggtunnel das wichtigste Unternehmen der Unterhaltungsindustrie. Leicht angepasst sei SCB-General Marc Lüthi in Erinnerung gerufen, was der deutsche Dichter Carl Zuckmayer über das Theater gesagt hat: Die PostFinance-Arena ist weder eine Schulstube noch ein Priesterseminar. Die Leut' sollen entweder jubeln oder flennen. Oder beides.

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