An Weihnachten im Gefängnis gestorben: Wird der Tod von Kilian S. (20) bald in Strassburg verhandelt?
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An Weihnachten im Gefängnis gestorbenWird der Tod von Kilian S. (20)
bald in Strassburg verhandelt?

An Weihnachten 2018 verstarb Kilian S. (20) in einer Gefängniszelle der Kapo Bern. Die Familie fordert eine Aufklärung der Ereignisse, die Staatsanwaltschaft will das Verfahren einstellen. Nun schaltet sich ein bekannter Menschenrechtsanwalt sein.

von
Christian Holzer
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Seit Ende 2018 steht ein Mahnmal vor der Polizeiwache Waisenhaus in Bern.

Seit Ende 2018 steht ein Mahnmal vor der Polizeiwache Waisenhaus in Bern.

Foto: Facebook
Kilian S. wurde dort am 26. Dezember tot in seiner Zelle gefunden.

Kilian S. wurde dort am 26. Dezember tot in seiner Zelle gefunden.

Foto: Keystone
Der 20-Jährige war nach einer Goa-Party von der Polizei aufgegriffen worden. Er hatte Partydrogen intus und auf sich.

Der 20-Jährige war nach einer Goa-Party von der Polizei aufgegriffen worden. Er hatte Partydrogen intus und auf sich.

Darum gehts

  • Kilian S. (20) verstarb an Weihnachten 2018 in Polizeigewahrsam.

  • Der Berner hatte Partydrogen eingenommen.

  • Ein Arzt erlaubte dennoch der Polizei, S. in eine Zelle zu stecken.

  • Die Mutter kämpfte bisher vergebens dafür, dass der Tod von S. aufgeklärt wird.

  • Nun schaltet sich ein bekannter Menschenrechtsanwalt ein.

  • Er will notfalls bis vor den Europäischen Gerichtshof in Strassburg gehen.

Mit 20 Jahren verstarb Kilian S. in einer Gefängniszelle der Kantonspolizei Bern. Der Vorfall ereignete sich an Weihnachten 2018. Seither kämpft seine Mutter für eine detaillierte Aufklärung der Ereignisse jener Nacht.

Im Februar 2019 entschied das Obergericht des Kantons Bern zuletzt, dass ein involvierter Arzt unschuldig ist. Der Mediziner erlaubte der Kapo, den jungen Mann in eine Gefängniszelle anstelle einer speziellen Überwachungsstation im Berner Inselspital zu verbringen. Dies, obwohl S. erkennbar lebensgefährliche Partydrogen eingenommen hatte, die gesundheitliche Probleme auslösten, wie «Der Bund» berichtet. Der junge Mann verstarb schliesslich an deren Folgen.

Menschenrechtsanwalt will Fall aufklären

Die Hinterbliebenen geben sich mit dem Urteil nicht zufrieden und fordern eine lückenlose Aufklärung der Vorfälle. Derzeit kämpfen sie vor Bundesgericht dafür, dass die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft nicht eingestellt werden. Gemäss dem «Bund» hat sich nun der berühmte Menschenrechtsanwalt Philip Stolkin
der Sache angenommen.

«Wenn in den Händen des Staates jemand stirbt, ist dies das Schlimmste,
was in einer Demokratie passieren kann.»

Philip Stolkin, Top-Anwalt aus Zürich

Ein solcher Todesfall müsse akribisch und unabhängig untersucht werden. Und dies sei im Fall von Kilian
in keiner Weise geschehen.

Gemäss Stolkin sind bei den Ermittlungen mehrere Fehler geschehen. So seien etwa die beiden Polizisten, welche alle zwei Stunden nach S. sehen sollten, nie befragt worden. Ausserdem stütze sich die Staatsanwaltschaft beim Entscheid zur Ermittlungseinstellung nicht auf ein vollständiges Gutachten: «Für ein korrektes Gutachten müssen beide Seiten im Vorfeld ihre Fragen stellen können.» Dies sei nicht geschehen. Sein grösster Kritikpunkt: Die Berner Staatsanwaltschaft darf nicht gegen ihre eigenen Arbeitskollegen ermitteln. «Man kennt sich, ist aufeinander angewiesen, so ermittelt niemand gern», sagt Stolkin.

Gang zum Europäischen Gerichtshof?

Bereits viermal hat der Zürcher vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg gegen den Staat Schweiz gewonnen. Sollte er im Fall von Kilian S. vor dem Bundesgericht keinen Erfolg haben, will er erneut nach Strassburg gehen. «Leider besteht in der Schweiz meist die Tendenz, die Verwaltung vor Rechtsstaatlichkeit zu schonen, insbesondere, wenn Polizisten involviert sind», sagt Stolkin gegenüber dem «Bund».

Der Tod von Kilian S.

Der Fall Kilian S. schlug 2018 hohe Wellen. Am 24. Dezember hatte der 20-Jährige eine Goa-Party besucht, die bis in die frühen Morgenstunden dauerte. Unweit der Party im Berner Tscharnergut wurde er am Morgen des 25. Dezember von einer Polizeipatrouille aufgegriffen und auf den Polizeiposten gebracht. Gemäss einer Mitteilung der Kapo Bern setzte sich S. gegen die Polizisten zur Wehr, stand S. unter Drogeneinfluss und trug Drogen auf sich. Auf der Polizeiwache Waisenhaus attestierte ein Arzt die Haftfähigkeit des Berners, verfügte jedoch, dass alle zwei Stunden nach dem jungen Mann gesehen werden müsse. Am Morgen des 26. Dezember fanden Beamte S. leblos in seiner Zelle. Jede Hilfe kam zu spät. Seither steht ein Mahnmal mit Kerzen, Fotos und Botschaften vor der Polizeiwache Waisenhaus, wo S. verstarb.

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