Religion: Wird die Schweiz zum Land der Ungläubigen?
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ReligionWird die Schweiz zum Land der Ungläubigen?

Laut Prognosen soll es in der Schweiz bald kaum mehr Gläubige geben. Dafür erleben Esoterik-Angebote einen Aufschwung. Die Kirche will nun mit Wald-Gottesdiensten Gegensteuer geben.

von
Ph. Flück
Die Zeiten, in denen die Kirchen zumindest an Heiligabend noch voll sind, dürften bald vorbei sein.

Die Zeiten, in denen die Kirchen zumindest an Heiligabend noch voll sind, dürften bald vorbei sein.

Die Zeiten, in denen die Kirchen zumindest an Heiligabend noch voll sind, dürften bald vorbei sein. Religionssoziologe Jörg Stolz geht davon aus, dass schon in 15 Jahren in der Schweiz nur noch eine Minderheit in irgendeiner Form an Gott glaubt. Seinen Prognosen zufolge dürfte nicht nur die Zahl der streng Religiösen weiter sinken, sondern auch die Zahl jener, die entfernt an einen Gott glauben und beispielsweise an Weihnachten noch in die Kirche gehen, schreibt die «NZZ am Sonntag». Der grosse Teil der Menschen werde mit Religion nichts mehr zu tun haben wollen.

Dafür steigt laut dem Bericht die Zahl der Menschen, die sich von spirituellen Angeboten angezogen fühlen. Ob Meditationen, Wanderungen oder Feng-Shui: Esoterik werde zum Massenphänomen, heisst es. Die Tourismusbranche hat bereits auf den Trend reagiert: Sogenannte «Kraftorte» boomen als Reiseziele. Tourismus Obwalden etwa preist auf seiner Website Orte an, die «in Resonanz zu Gott, Naturgottheiten und Ritualen» stehen sollen.

Alternative Religionen weniger verbindlich

Religionswissenschaftler Georg Schmid bestätigt: «Während die Zahl der ‚Hardcore-Esoteriker' stabil bleibt, entscheiden sich heute immer mehr Durchschnittsbürger für alternative Glaubensrichtungen.» Die Gründe für die Entwicklung sieht er darin, dass spirituelle Angebote weniger verbindlich seien als die klassischen Religionen und weniger Verpflichtungen mit sich brächten.

Reta Caspar, Geschäftsführerin der Freidenker-Vereinigung Schweiz, beobachtet diese Entwicklung mit Skepsis: «Ich finde dieses Marketing der Tourismusbranche ziemlich lächerlich.» Den Veranstaltern gehe es wohl vor allem darum, aus den Hoffnungen der Menschen Profit zu schlagen. Dass solche Angebote boomen, erstaunt sie dagegen nicht. Die Kirche erhebe den Anspruch auf ein in sich stimmiges Weltbild, welches schon seit über einem Jahrhundert in Frage gestellt werde. «Weil dieses Weltbild immer weniger überzeugt, suchen wohl viele Leute die Erlösung ausserhalb der Kirche.»

Bauernhof- und Waldgottesdienste

Nicolas Mori, der Sprecher der reformierten Landeskirche Zürich, will allerdings nicht davon sprechen, dass die alternativen Glaubensrichtungen das Christentum verdrängen. «Der Esoterik-Boom ist vielmehr ein Zeichen dafür, dass das Bedürfnis nach Religion und Ritualen nicht abnimmt.» Es sei nun die Aufgabe der Kirche, zeitgemäss auf diese Bedürfnisse zu reagieren.

Viele Leute wollten beispielsweise Rituale wie Hochzeiten feiern – würden dies heute aber ausserhalb der Kirche tun. Ziel müsse es sein, diese Personen wieder besser abzuholen. «Beispielsweise durch Street Churches mit Hip-Hop-Musik anstelle von Kirchengesängen.» Auch Bauernhofgottesdienste, Waldgottesdienste und Seegottesdienste seien eine Möglichkeit, sich an die Leute zu richten.

Mori bedauert, leider gebe es intern auch Stimmen gegen eine solche Öffnung. Für einige Mitglieder der Kirche sei dies einem Verlust der Identität der Kirche gleichzusetzen. «Entsprechend werden Vorschläge zu einer Erweiterung unseres Angebotes bekämpft.» Mori ist aber überzeugt: «Will die Landeskirche in der Schweiz bedeutend bleiben, muss sie in diesem Bereich dringend zulegen.»

Kirche nicht existenzgefährdet

Auch Schmid ist der Meinung, dass die christliche Kirche noch lange nicht dem Untergang geweiht ist: «Der Boom alternativer Glaubensrichtungen ist eigentlich schon seit 30 Jahren ein grosses Thema in der Schweiz.» Er gehe davon aus, dass die Bewegung ihren Höhepunkt bald erreicht habe.

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