Geldpolitik: Wird eine «Taube» neue Fed-Chefin?
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GeldpolitikWird eine «Taube» neue Fed-Chefin?

Der Verzicht von Lawrence Summers ebnet Janet Yellen den Weg an die Spitze der US-Notenbank. Die derzeitige Fed-Vizepräsidentin gilt nun als Favoritin für den Posten.

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sda/sza

Nach dem überraschenden Verzicht des früheren Finanzministers Lawrence Summers ist der Weg für Janet Yellen an die Spitze der US-Notenbank Fed frei. Damit könnte erstmals eine Frau die mächtigste Zentralbank der Welt führen und damit die Nachfolge von Ben Bernanke antreten. Die Vize-Präsidentin der Fed ist eine ausgewiesene Arbeitsmarktexpertin.

Yellen gilt als überzeugte «Taube», was im Jargon der Notenbanker so viel heisst wie: Sie sorgt sich eher um die Arbeitslosigkeit als um die Inflation. Und sie wird alles tun, um mit den Mitteln der Geldpolitik Wachstum zu generieren. Für Yellen spricht, dass sie am meisten Kontinuität bringen würde und dass sie die erste Frau an der Spitze der fast 100 Jahre alten Institution wäre.

Vor allem aber hat sie eine erstklassige Biografie als Ökonomin. Ihr Mentor an der Universität Yale war der spätere Nobelpreisträger James Tobin, Erfinder der so genannten Finanztransaktionssteuer. Verheiratet ist Yellen mit dem Wirtschaftsnobelpreisträger von 2001, George Akerlof.

Die Logik der Finanzkrise

Yellen war oberste Wirtschaftsberaterin von Präsident Bill Clinton. Als Chefin der Federal Reserve Bank of San Francisco drängte sie den damaligen Fed-Chef, Alan Greenspan, zu schnellen Zinserhöhungen, um die Spekulation zu dämpfen. Und sie warnte früh vor dem Zusammenbruch des US-Immobilienmarktes.

Im Juni 2007 sagte sie: «Ich spüre immer noch die Gegenwart eines 600-Pfund-Gorillas im Raum, und das ist der Wohnungsbausektor.» Im Dezember 2007 rief sie, wie das «Wall Street Journal» berichtet, als eine der ersten zu Zinssenkungen auf.

Nach dem Zusammenbruch der Investmentbank Bear Stearns im März hatte sie ein möglicherweise entscheidendes Gespräch mit dem damaligen Senator von Illinois, Barack Obama. In einer halben Stunde soll sie dem US-Präsidenten die Logik der beginnenden Finanzkrise erklärt haben. Sie war eine der wenigen Experten, die der Kandidat damals zu Rate zog.

Der Dollar taumelt

Aber was wird die Fed nun tun, unter Yellen oder vorher? Viele Ökonomen erwarten, dass die Notenbank noch in diesem Jahr damit beginnen wird, den Prozess des Gelddruckens zu verlangsamen. Die USA haben heute - im Gegensatz zu Europa und Japan - einen langsamen aber stabilen Aufschwung.

Der Internationale Währungsfonds sagt für dieses Jahr 1,9 Prozent Wachstum voraus. Wenn der Effekt der erzwungenen staatlichen Sparmassnahmen gegen Jahresende ausläuft, könnten es noch mehr werden.

Yellens möglicher Aufstieg zur Fed-Chefin hatte bereits Auswirkungen auf den Greenback: Der Euro stieg auf ein Zweieinhalb-Wochen-Hoch von 1,3382 Dollar nach 1,3292 Dollar im Schlussgeschäft vom Freitag. Zur japanischen Landeswährung fiel die US-Währung zeitweise auf 98,53 Yen zurück und war damit so billig wie zuletzt Anfang September.

Weiterer möglicher Kandidat

Als Nachfolger Bernankes käme auch noch Fed-Veteran Donald Kohn infrage, der nach 40 Jahren in der US-Notenbank 2010 in den Ruhestand ging. Sollte ihn Obama zur Rückkehr bewegen, wäre er mit diesem Kandidaten auf der sicheren Seite: Fachlich geniesst der 70-jährige Ökonom noch immer höchstes Ansehen.

Obama selbst hatte angekündigt, sich erst im Herbst zur Nachfolge Bernankes zu äussern, dessen Amtszeit Ende Januar 2014 endet. In einem zweiten Schritt muss der Senat der Personalie zustimmen.

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