Vier Drogentote in Luzern: Wird in der Prävention vor den falschen Drogen gewarnt?
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Vier Drogentote in LuzernWird in der Prävention vor den falschen Drogen gewarnt?

Innert zweier Jahre starben in Luzern mindestens vier Jugendliche an Drogencocktails. Jetzt wird das Thema politisch.

von
Martin Messmer
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Seit 2018 sind in Luzern mindestens vier Jugendliche wegen Drogencocktails gestorben.

Seit 2018 sind in Luzern mindestens vier Jugendliche wegen Drogencocktails gestorben.

Symbolfoto: Keystone
«Die Jugendlichen sind sich nicht bewusst, was sie ihrem Körper mit dem Drogenkonsum zumuten», sagt Simon Kopp, Sprecher der Staatsanwaltschaft.
«Die Jugendlichen sind sich nicht bewusst, was sie ihrem Körper mit dem Drogenkonsum zumuten», sagt Simon Kopp, Sprecher der Staatsanwaltschaft.Symbolfoto: Keystone
Nun muss sich in Luzern die Regierung mit dem Thema befassen: Eine grüne Kantonsrätin reichte eine Anfrage zu den Drogen konsumierenden Jugendlichen ein.

Nun muss sich in Luzern die Regierung mit dem Thema befassen: Eine grüne Kantonsrätin reichte eine Anfrage zu den Drogen konsumierenden Jugendlichen ein.

Foto: Keystone

Darum geht es

  • Die grüne Politikerin Rahel Estermann hat in Luzern einen Vorstoss eingereicht, nachdem im Kanton mehrere junge Menschen starben, weil sie Drogencocktails konsumiert hatten.
  • Estermann sagt, die Drogenprävention müsse sich den neuen Realitäten anpassen, etwa dem Umstand, dass Jugendliche Hustensaft und Beruhigungsmittel missbrauchen.
  • Im Kanton Luzern stehen bei der Drogenprävention nicht die einzelnen Substanzen an sich im Vordergrund. Es geht darum, generell die Lebenskompetenz junger Menschen zu stärken,

Kürzlich wurde bekannt, dass in Luzern ein 20-Jähriger sowie eine 18-Jährige an Drogencocktails gestorben waren. Bereits 2018 starben hier zwei junge Menschen an einem Drogenmix. Welche Substanzen sie genau genommen hatten, sagte die Staatsanwaltschaft Luzern nicht.

Auch sonst sind viele Fragen offen. Zum Beispiel, ob Luzern ein spezifisches Problem hat mit Jugendlichen, die verschiedene Drogen nehmen. «Es sind jetzt vier Personen gestorben, das wirft natürlich Fragen auf. Ich glaube zwar nicht, dass Luzerner Jugendliche andere Probleme haben als an anderen Orten. Aber dennoch ist die Häufung auffällig, ich kann mir das nicht erklären», sagt Kantonsrätin Rahel Estermann (Grüne), die deshalb einen Vorstoss an die Luzerner Regierung eingereicht hat. «Ich möchte etwa wissen, ob Luzern besonders betroffen ist und was die Gründe dafür sein könnten.» Auch solle untersucht werden, ob im Lockdown das Problem noch grösser geworden sei.

«Prävention muss flexibel sein, wenn neue Drogen auftauchen»

Aus ihrem privaten Umfeld hätte sie Reaktionen von jungen Menschen, die teilweise noch in die Schule gehen. «Sie sagen mir, dass all die bei Jugendlichen neuerdings beliebten Substanzen wie Medikamente oder Hustensaft in der Prävention noch nicht angekommen sind. Dabei müsste die Prävention doch flexibel sein, wenn neue Drogen auftauchen.» Persönlich glaubt Estermann, dass junge Menschen zu Medikamenten wie Amphetaminen, Marihuana, Kokain, Ecstasy oder Benzodiazepine greifen, um sich aufzuputschen und wieder zu beruhigen – und dass sie dies möglicherweise tun, weil sie unter Leistungsdruck stehen. Ebenfalls möchte Estermann, dass man beim Drug-Checking nicht nur Partydrogen, sondern vermehrt auch niederschwellig Beruhigungsmittel testen kann, die sich Jugendliche illegal im Darknet beschaffen.

Drogenring mit 50 jungen Menschen

Vom Kanton will Estermann explizit wissen, «inwiefern das Problem des neuartigen Drogenmissbrauchs durch Jugendliche in die bestehenden kantonalen Programme zur psychischen Gesundheit aufgenommen werden kann». Und mit welchen Präventionsmassnahmen der Kanton das Problem angeht. «Welche Ressourcen stehen den Schulen auf Sekstufe 1 und 2 zur Verfügung? Welche Beratungs- und Betreuungsangebote könnten die Situation verbessern? Bezieht sich die Prävention auch auf die Internetkriminalität, welche den Handel im vorliegenden Fall ermöglichte?» Bei letzterer Frage bezieht sich Estermann darauf, dass im Kanton Luzern im Herbst 2019 ein Drogenring ausgehoben wurde, dem 50 junge Menschen angehörten.

«Präventionsverständnis ist nicht in erster Linie substanzbezogen»

Im Kanton Luzern kümmert sich die Institution Akzent Luzern um die Suchtprävention an der Volksschule. Bereichsleiterin Jacqueline Mennel sagt zum Einwand der Jugendlichen: «Unser Präventionsverständnis ist nicht in erster Linie substanzbezogen, sondern ganzheitlich. In erster Linie versuchen wir, via Schlüsselpersonen wie Lehrpersonen, Jugendarbeit, Arbeitgebende und so weiter die Lebenskompetenz von Jugendlichen zu stärken, ihnen zu zeigen, welche Schutzfaktoren es gibt und wie man Risikofaktoren minimiert.» Über alle möglichen Substanzen könne man sich bei Akzent zwar schon auch informieren und zum Beispiel auch bei Sucht Schweiz. «Aber es geht uns um den Grundsatz, dass die Jugendlichen keinen oder wenn, dann einen verantwortungsvollen Umgang mit Suchtmitteln pflegen, egal, um welche Substanzen es sich handelt. Dazu sind Informationen über die Substanzen und deren Wirkung wichtig, aber auch Früherkennung und Frühintervention im näheren Umfeld. Und vor allem, wie man Herausforderungen unabhängig von Substanzen gut bewältigen und wo Hilfe geholt werden kann.»

Konsumierst du auch Drogencocktails?

Die Redaktion von 20 Minuten möchte mit jungen Menschen reden, die ebenfalls schon Drogencocktails genommen haben. Selbstverständlich kannst du uns anonym über deinen Drogenkonsum Auskunft geben. Hier kannst du uns kontaktieren, wenn du deine Geschichte erzählen möchtest.

Kombination von codeinhaltigem Sirup und Alkohol birgt Todesgefahr

Der Konsum von codeinhaltigem Sirup ist gefährlich: Einerseits entstehen schnell Entzugserscheinungen wie Schmerzen, Krämpfe und Übelkeit. Ein Entzug von Codein kann sogar schmerzhafter und länger als ein Heroinentzug sein. Andererseits kann der Stoff mit Alkohol kombiniert zum Tod führen. Dies, weil beide Mittel dämpfend auf die Körperfunktionen wirken. Hoch dosiert können sie einen Atemstillstand verursachen. Wer über längere Zeit codeinhaltigen Hustensaft konsumiert, dem drohen zudem Libidoverlust und Unfruchtbarkeit.

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