Aktualisiert 26.10.2010 13:32

Münchner Schläger

Wird Ivan Z. als einziger nicht aussagen?

Sieben Monate schwiegen die Schläger von München vor Gericht. Heute schweigt nur noch einer - Ivan Z. Doch schon Anfang November könnte sich das ändern.

von
Ronny Nicolussi

Lange hatte er geschwiegen, am Dienstag knickte jedoch auch Mike B. vor dem Landesgericht in München ein. Er gab eine Erklärung ab, in der er seine Sicht der Dinge schilderte, sagte Gerichtssprecherin Margarete Nötzel. Ein Geständnis habe er jedoch nicht abgelegt. «Wer ein Geständnis macht, der sagt, es stimme, was in der Anklage steht», erklärte Christian Bärnreuther, Anwalt von Mike B. auf Anfrage von 20 Minuten Online. Das könne Mike aber nicht machen, denn ein Teil der Anklage sei frei erfunden: «Ich würde gewisse Passagen sogar in die Rubrik Märchen tun.» Nicht einverstanden sei Mike etwa mit der Stelle der Anklageschrift, an der es heisst, er habe das Hauptopfer, Wolfgang O., mindestens einmal getreten.

Vorerst weiterhin nicht geäussert hat sich Ivan Z. Allerdings hätte die Zeit für eine weitere Aussage gar nicht gereicht, so Bärnreuther. Es ist also nicht auszuschliessen, dass Ivan Z. am 11. November, dem nächsten Verhandlungstag, ebenfalls eine Aussage machen wird. Dem Gericht liege eine entsprechende Information zwar nicht vor, sagte Gerichtssprecherin Nötzel: «Sein Verteidiger sagte aber, sie seien noch nicht am Ende ihrer Überlegungen.» Das Gericht hatte die Verteidiger von Mike B. und Ivan Z. aufgefordert, möglichst vor dem heutigen Verhandlungstag bekannt zu geben, ob Aussagen zu erwarten sind. «Mike liess gestern Abend über seinen Verteidiger ausrichten, dass er heute aussagen wolle, von Ivan haben wir bisher nichts gehört», so Nötzel.

Die drei ehemaligen Schüler der Berufswahlschule Küsnacht (ZH) sollen während der Klassen-Abschlussreise nach München Ende Juni 2009 fünf Passanten grundlos brutal zusammengeschlagen haben. Zwei Opfer wurden dabei lebensgefährlich verletzt. Seit der Tatnacht sind die heute 18-Jährigen in Haft.

Benjis Aussage beeinflusste Mike

Für Mike D. und Ivan Z. ist die Luft seit dem vergangenen 14. Oktober dünner geworden. Damals sagte ihr Kollege Benji D. überraschend vor Gericht aus und zerstörte die zuvor während Monaten aufrechterhaltene Verteidigungslinie der Angeklagten. Alle drei hatten auf Anraten ihrer Anwälte seit Prozessbeginn am 8. März geschwiegen.

Kurz vor den geplanten Plädoyers wechselte Benji D. jedoch seinen Anwalt und damit auch seine Strategie. Sein neuer Verteidiger, der Staranwalt Steffen Ufer, kritisierte die Strategie seines Vorgängers als «Mafia-Verteidigung» und empfahl Benji D. vor Gericht auszusagen. Gemäss Gerichtssprecherin Nötzel hat Mike B. deutlich gemacht, dass auch er sich gerne schon früher geäussert hätte. Letztlich habe die Aussage von Benji D. den Ausschlag für seine eigene Aussage gegeben. Laut Nötzel sagte Mike zudem, er könne es sich heute nicht mehr erklären, wie es zur Gewalttat kommen konnte.

Wird Ivan Z. auch aussagen?

Mitte Oktober hatten Mike B. und Ivan Z. auf Benjis Geständnis noch mit Kopfschütteln reagiert. Mittlerweile dürften Mike B. und sein Anwalt aber zur Einsicht gekommen sein, dass sich nach Benjis Aussage ihre Strategie nicht mehr halten lässt. Verteidiger Bärnreuther will allerdings nichts von einer Strategieänderung wissen. Nur weil die Angeklagten so lange geschwiegen hätten, könne man nicht davon ausgehen, dass sie bis zum Prozessende geschwiegen hätten. «Eine Erklärung von Mike war bereits am ersten Verhandlungstag geplant», so der Anwalt. Ob auch Ivan Z. aussagen wird, wird sich Anfang November zeigen. Sein Anwalt, Titus Boerschmann, wollte sich wie bis anhin gegenüber den Medien nicht zum Fall äussern. Ob die Verteidiger der drei Angeklagten eine gemeinsame Verteidigungslinie hätten, mochte Bärnreuther nicht sagen. Uneinigkeit herrscht offensichtlich darüber, wer Wolfgang O. gegen den Kopf trat.

Die drei Jugendlichen sind des gemeinschaftlich versuchten Mordes und der gefährlichen Körperverletzung angeklagt. Bei einem Schuldspruch drohen ihnen bis zu zehn Jahre Freiheitsentzug. Am vergangenen 14. Oktober wären bereits die Plädoyers vorgesehen gewesen. Mit ihren Aussagen haben sich Benji D. und Mike B. im letzten Moment in eine bessere Position gebracht. Ein Geständnis, auch wenn es spät erfolgt, muss gemäss deutschem Recht beim Strafmass zu Gunsten des Geständigen berücksichtigt werden. Die Verhandlung geht laut Gericht am 11. November mit dem Abschluss der Beweisaufnahme und den Plädoyers weiter. Dann stellen die Parteien auch ihre Strafanträge. Spätestens zehn Tage nach den Parteienvorträgen muss das Urteil eröffnet werden.

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