Aktualisiert 12.05.2020 18:32

RestpostenWird jetzt die Frühlingskollektion geschreddert?

Kaum haben Kleiderhändler geöffnet, erscheint schon die neue Kollektion. Experten befürchten, dass die übrig gebliebene Ware vernichtet wird. Die Kleiderketten widersprechen.

von
Fabian Pöschl
1 / 8
Nach dem Lockdown haben die Kleiderläden wieder geöffnet, aber die Lager sind voll, und die Sommerkollektion ist auch da.

Nach dem Lockdown haben die Kleiderläden wieder geöffnet, aber die Lager sind voll, und die Sommerkollektion ist auch da.

KEYSTONE
Experten befürchten nun, dass die übriggebliebene Ware vernichtet wird.

Experten befürchten nun, dass die übriggebliebene Ware vernichtet wird.

KEYSTONE
Seit Ausbruch der Corona-Pandemie wurden die Aufträge bei mehr als der Hälfte der Zulieferer in Bangladesch storniert.

Seit Ausbruch der Corona-Pandemie wurden die Aufträge bei mehr als der Hälfte der Zulieferer in Bangladesch storniert.

KEYSTONE

Darum gehts

  • In den Kleiderläden ist die Frühlingskollektion wegen des Corona-Lockdown liegen geblieben.
  • Experten befürchten, dass die fabrikneuen Restposten vernichtet werden.
  • Händler widersprechen und wollen die Ware mit Rabatten oder zu einem späteren Zeitpunkt verkaufen.
  • Auch Spenden kommen infrage.

Die Kleiderläden haben nach dem Corona-Lockdown einen massiven Überschuss. «Unsere Lager sind derzeit besonders voll», sagt Pascal Weber, Sprecher der Modehauskette Chicorée, zu 20 Minuten. Die Frühlingskollektion sei grösstenteils zurückgezogen worden, und die Sommerware warte auf die Auslieferung.

«Alle Kleiderläden haben derzeit übrig gebliebene Ware, weil sie wochenlang schliessen mussten», sagt der Textilexperte Peter Frank von der Firma BBE Handelsberatung: «Die Monate März und April sind die wichtigsten im Kleidergeschäft.» Nun stehen die Händler vor dem Problem, die Frühlingskollektion bei wärmeren Temperaturen zu verkaufen.

Restposten werden weiterverarbeitet, rezykliert oder entsorgt

Es ist gut möglich, dass die Kleiderhändler einen grossen Teil der Frühlingskollektion nicht mehr loswerden. Laut Professorin Andrea Weber Marin von der Hochschule Luzern erreichte bei normalem Geschäftsgang etwa ein Drittel der produzierten Kleidung nie den Kunden. Nun rechnet sie damit, dass der Anteil übrig gebliebener Ware nach der Krise substanziell höher sein wird.

Was geschieht mit den Kleidern? Ein Teil wird weiterverarbeitet oder rezykliert, manches aber auch entsorgt, insbesondere Markenkleider, wie Weber Marin sagt. Auch Oliver Classen befürchtet, dass Kleider ungenutzt vernichtet werden, und prangert insbesondere Fast-Fashion-Händler an, die ihre Kollektion laufend ändern. «Da Überproduktion, genauso wie schneller Kollektionswechsel, ein integraler Bestandteil des Fast-Fashion-Geschäftsmodells ist, wird Neuware regelmässig zu Abfall – jetzt sieht man diese perverse Logik einfach besonders deutlich», sagt der Sprecher der Menschenrechtsorganisation Public Eye.

Classen befürchtet vor allem, dass primär jene Berge von Kleidern auf dem Müll landen, die bei den Zulieferern in den Produktionsländern geblieben sind, weil viele Firmen ihre bereits in Produktion befindlichen Bestellungen storniert hätten. Er verweist auf Studien, die zeigten, dass seit Ausbruch der Corona-Pandemie die Aufträge bei mehr als der Hälfte der Zulieferer in Bangladesh storniert wurden.

Outlet, online oder Osteuropa

Die Händler wehren sich. Der Textilriese Inditex, zu dem die Kleiderkette Zara gehört, bezeichnet Berichte, dass die Firma ihre Kollektionen verbrennen soll, auf Anfrage als «Falschinformationen». Auch H&M-Sprecherin Sileia Urech sagt auf Anfrage: «Wir werfen definitiv keine Kleider weg, das widerspricht unserer Geschäftsphilosophie.» Gleich tönt es bei Chicorée oder Manor. Ganz im Gegensatz zum ehemaligen Luis-Vuitton-Chef Philippe Schaus, der einst an einem Forum unverblümt zugab, dass das Unternehmen Restposten verbrennt.

Laut dem Textilexperten Peter Frank schreddern Kleiderhändler ihre übrig gebliebene Ware aber nicht so häufig, wie das in anderen Branchen der Fall ist. «Es gibt profitablere Ventile, um übrig gebliebene Ware loszuwerden», sagt Frank. Ob via Fabrik-Outlet, online oder in Märkten wie Osteuropa. Die Branche spreche auch darüber, ob sie die Sommerkollektion bis im September verkaufen wolle.

Langsamkeit statt Fashion-Trend

Einige Händler haben Rabattaktionen begonnen. Später werden wohl alle Preisreduzierungen anbieten, glaubt Frank. Andere würden die Kollektion einlagern und im nächsten Jahr wieder verkaufen. So will etwa Chicorée die Frühlingskollektion zu einem späteren Zeitpunkt wieder anbieten. Das könnte sich aber negativ auf die Motivation der Mitarbeiter auswirken, wenn sie alte Ware verkaufen müssen, befürchtet Frank. Manor und H&M ziehen zudem Kleiderspenden in Betracht. Laut Weber Marin sind Altkleider-Rezyklierer offen für die Spenden, weil die Bekleidung hochwertig und ungebraucht ist.

Konsum

Jetzt kommt die Rabattschlacht

Laut der Credit Suisse haben die Konsumeinschränkungen im Lockdown zu Minderausgaben von 12 Milliarden Franken innert zwei Monaten geführt. Mit der Wiederöffnung der Geschäfte und der Lockerung der Massnahmen stehen die Schweizer Händler vor der grossen Herausforderung, die Nachfrage der Konsumenten wieder anzukurbeln. Darum dürften nun viele Händler auf Rabatte setzen. Zudem wollen die Anbieter ihre Kunden so vom Onlinehandel wieder in die Läden locken und ihre Lager leeren.

Sie erinnert zudem daran, dass die Corona-Krise auch Möglichkeiten aufzeigt für weniger Konsum und einen langsameren Lebensstil. «Wenn wir dem Fast-Fashion-Trend mehr Langsamkeit gegenüberstellen können, wird sich dies auch positiv auf die Nachhaltigkeit in der Textilbranche auswirken», sagt Weber Marin.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.
31 Kommentare
Kommentarfunktion geschlossen

Isidor Nägeli

31.05.2020, 09:10

warum nicht mit Rabatt verkaufen statt vernichten?

M.H.

24.05.2020, 11:57

Unsere Wohlstandsgesellschaft ist einfach nur widerlich. Gebt doch die Ware günstiger ab. Die Margen sind sowieso horrend auf den Kleidern.

Herr Bräutigam

23.05.2020, 15:20

es gibt jedes Jahr ein Frühling doch!