Vor Grundsatzentscheid: Wird Nacktwandern legalisiert?
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Vor GrundsatzentscheidWird Nacktwandern legalisiert?

Heute entscheidet das Bundesgericht über eine Busse wegen Nacktwanderns in Appenzell Ausserrhoden. Der Entscheid wird nicht nur für Wanderer Folgen haben.

von
Amir Mustedanagic

Dass sein Hobby einst zu einem Bundesgerichtsurteil führen würde, hätte Puistola Gröttenpösch nicht gedacht, als er vor rund 30 Jahren die Hosen zum ersten Mal runterliess. Der 56-Jährige hat sich damals aber auch nicht ausgemalt, dass sein nackter Hintern einst 20 Minuten Online, den «Tages-Anzeiger» oder die «New York Times» zieren und er zum inoffiziellen Sprecher der Nacktwanderer werden würde. Sein Pseudonym ist inzwischen so bekannt wie das Nacktwandern selbst. Den Ruhm verdankt er den gleichen Leuten, wegen denen sein Wanderkollege nun vor Bundesgericht steht: den Appenzellern.

Im Januar 2009 empörte sich zum ersten Mal der Innerrhoder Landesfähnrich Melchior Looser über die Nacktwanderer, die sich im Herbst im Alpstein herumtrieben. «Bevor es wieder warm wird, müssen wir etwas gegen dieses anstössige Verhalten unternehmen», sagte er. In der Folge wurde das innnerrhodische «Übertretungsstrafgesetzbuch» angepasst. Welche Konsequenzen das für Innerrhoden und den Nachbarn Ausserrhoden haben würde, dessen war sich Melchior Looser wohl nicht bewusst. Innert Tagen ging die Schlagzeile «Appenzell verbietet das Nacktwandern» um die Welt, und der Aufstieg von Puistola Gröttenpösch begann.

Ein Hintern geht um die Welt

Gröttenpösch willigte ein, 20 Minuten Online die Vorzüge des Nacktwanderns nahezubringen und die Faszination zu erklären – bei einem Ausflug in den Alpstein. Nackt, versteht sich. Die Bilder von der Reportage «Nacktwandern, bis es föhnt» lösten ein mediales Echo aus: Sogar die «New York Times» rief bei 20 Minuten Online an und wollte den inoffiziellen Sprecher der Nacktwanderer porträtieren. Inzwischen gibt es gar ein Videospiel, welches seinen Namen trägt: «Puistola – der Nacktwanderer».

Die plötzliche Bekanntheit hatte für Gröttenpösch und die paar Dutzend weiteren Nacktwanderer in der Schweiz positive Folgen, wie er sagt: «Die Leute wissen seither einerseits, dass wir keine Grüsel sind, und andererseits konnten sich die Nacktwanderer untereinander besser vernetzen.» Der Ärger mit den Behörden nahm allerdings nicht ab. Der passionierte Nacktwanderer wird heute Morgen im Publikum sitzen, wenn die fünf Bundesrichter über die Busse für seinen Wanderkollegen im Kanton Appenzell Ausserrhoden entscheiden.

Erst anständiges, dann doch unanständiges Benehmen

Der 47-Jährige – nennen wir ihn Max Muster – war im Oktober 2009 im Gebiet vom Nieschberg bei Herisau AR nackt an einer Feuerstelle und einem christlichen Rehabilitationszentrum vorbeigewandert und deshalb von einer Passantin angezeigt worden. Das Kantonsgericht sprach ihn 2010 vom Vorwurf des «unanständigen Benehmens» frei. Der Staatsanwalt gab aber nicht auf und zog vors Obergericht, das Muster schuldig sprach. Kampflos wollten aber auch Muster und Gröttenpösch, der den Angeklagten erstinstanzlich vor Gericht vertrat, nicht aufgeben. Nun fällt das Bundesgericht den endgültigen Entscheid.

Obwohl es um die Zukunft des Nacktwanderns geht, ist Gröttenpösch nicht nervös, als wir ihn vor dem grossen Entscheid von heute erreichen. Er bereitet sich gerade für eine Nacktwanderung durch das Klöntal vor. «Wir gehen davon aus, dass das Bundesgericht in unserem Sinn entscheidet.» Sollte das Gericht anders entscheiden, gebe es keinen Plan B, sagt Gröttenpösch. «Wir sind da aber auch nicht unter Druck.»

Anwalt: «Nackt sein kann man nicht verbieten»

Tatsächlich geht es vor dem Bundesgericht um mehr. Je nach Argumentation der Richter könnte es für die Kantone weitreichende Folgen haben, sagt der Anwalt von Max Muster, Daniel Kettiger. Der Berner ist der Meinung, dass der Gesetzgeber das schlichte, also nicht mit einer sexuellen Absicht verbundene Nacktsein bewusst nicht unter Strafe gestellt habe. «Nackt sein kann man deshalb auch nicht verbieten.» Damit gebe es keine Grundlage für eine entsprechende Strafnorm auf kantonaler Ebene. Sollte das Bundesgericht dieser Argumentation folgen, dürften die Kantone weiterhin «unanständiges Benehmen» - wie in der Nacht besoffen Krach machen - büssen, nicht aber das Nacktwandern.

Eine andere Variante wäre, dass das Bundesgericht bemängelt, dass «unanständiges Benehmen» als Strafnorm zu wenig bestimmt ist und den Nacktwanderer deshalb freispricht. Den Kantonen bliebe dann die Freiheit einen entsprechenden Nacktwander-Passus zu ergänzen. Ein Grundsatzentscheid bliebe aber am Donnerstag aus und das Gericht müsste sich wohl erneut damit beschäftigen, was denn «unanständiges Benehmen» alles beinhalte. Im Moment ist, sagt Kettiger, in den einzelnen Kantonen zu wenig klar, was genau mit diesem Passus verboten ist.

Das Bundesgericht könnte heute aber auch einfach den konkreten Fall beurteilen und argumentieren, dass der Angeklagte nach bestem Treu und Glauben gehandelt habe. Der 47-Jährige wandert seit Jahren nackt und wurde bisher noch nie gebüsst – im Gegenteil. Im Kanton St. Gallen wurde er freigesprochen mit der Begründung, dass das schlichte Nacktsein nicht verboten sei. «Als normaler Bürger musste er davon ausgehen, dass das auch im Appenzellerland zutrifft», so Kettiger. In diesem Fall wären die Folgen für die Kantone geringer. Bliebe die Frage, ob dieser Urteilsspruch auch für andere Kantone gilt oder nur für Appenzell Ausserrhoden.

Der Gewinner heisst so oder so: Appenzell

Dass das Bundesgericht öffentlich über das Urteil berät, zeigt, dass die Richter sich im Urteil oder der Begründung noch nicht einig sind. «Ob das ein gutes Zeichen ist oder nicht», sagt Anwalt Kettiger, «kann ich nicht sagen.» Wie Gröttenpösch ist er der Meinung, dass er «sauber argumentiert» habe und der Entscheid wohl positiv für die Nacktwanderer ausfallen werde. Ihm selbst geht es beim Prozess weniger ums hüllenlose Wandern als vielmehr um die Tendenz, gesellschaftliche Phänomene mit Verboten zu bekämpfen. «Die Einführung von Gesetzen, die auf moralischen Vorstellungen basieren, und die immer enger werdenden Normen stellen eine ernsthafte Gefahr für den demokratischen Rechtsstaat dar.»

Wie auch immer das Bundesgericht entscheidet, einen Gewinner gibt es heute schon: Appenzell. Die Nacktwanderer haben nicht nur ihre nackten Hintern in die Welt getragen, sondern auch das Bild der schönen Schweiz und die Message, dass sich in der Schweiz gut wandern lässt. «Dank uns kennt man das Appenzellerland von Australien bis in die USA», sagt Gröttenpösch. Die Publizität durch die Nacktwanderer hätte man mit Geld gar nicht zahlen können. Ein Fakt, den nicht einmal die Tourismusverantwortlichen abstreiten.

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