Aktualisiert 29.02.2012 15:28

«Kronjuwelen»

Wird Prinz Friso Organspender?

Die Frau des niederländischen Prinzen Friso, der nach einem Ski-Unfall immer noch im Koma liegt, kämpft für die Organspende. Ob Mabel bei ihrem Mann konsequent bleiben wird?

von
Daniel Huber

Wann ist ein Mensch tot? Und wie weit darf Satire gehen? Diese Fragen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, werden derzeit in niederländischen Blogs heftig diskutiert. Anlass ist der Lawinenunfall von Prinz Friso, dem zweitältesten Sohn der niederländischen Königin Beatrix. Der 43-jährige wurde am 17. Februar im österreichischen Lech am Arlberg von einer Lawine verschüttet. 50 Minuten lang stand sein Herz still, der Sauerstoffmangel führte zu schweren Hirnschäden. Der Prinz fiel ins Koma. Die Chance, dass er wieder aufwacht: nahezu null. Das gaben die Ärzte am 24. Februar bekannt.

Noch am gleichen Tag schaltete der bekannte niederländische Blog «GeenStijl.nl» einen zynischen Beitrag unter dem Titel «Prins Friso beschikbaar voor orgaandonatie?» («Prinz Friso für Organspende verfügbar?»). Wenn die Oranjes (das niederländische Königshaus Oranje-Nassau) jemals eine Gelegenheit hatten, ein adliges Vorbild zu geben, so hiess es da, dann sei das jetzt der Fall. Friso sei nämlich der «ideale Spender», «der Traum jedes Transplantationschirurgen»: Der Prinz sei jung, gesund und hirntot, und er sei überdies «eine Weile gekühlt» worden. Dann kulminiert der Beitrag in der Passage: «Nieren, Leber, Lunge, Herz: Der maschinell am Leben gehaltene Prinz kann mit seinen Kronjuwelen das Leben von noch mindestens vier anderen retten, und das wäre ein grösserer Dienst an der Gesellschaft, als die Familie jemals geleistet hat.»

«Werde Organspender!»

Nun lautet das Motto von «GeenStijl.nl» nicht ohne Grund «tendenziös, unfundiert und unnötig verletzend». Der rechts-populistisch ausgerichtete Blog hat das Königshaus schon oft hart angegriffen. Diesmal aber ging er offenbar zu weit: In unzähligen Tweets qualifizierten empörte Leser den Beitrag als «schmutzig», «krankmachend», «ungehörig» oder schlicht «zum Kotzen». Sogar Boykott-Aufrufe waren zu vernehmen.

Auffallend: Die «seriösen» Medien gingen gar nicht auf die Provokation von «GeenStijl.nl» ein, und auch das Boulevardblatt «Telegraaf», das wie «GeenStijl.nl» von der Telegraaf Media Groep herausgegeben wird, schrieb keine Zeile zur Verteidigung des frechen Blogs. Der Respekt vor den Oranjes ist im Königreich eben nach wie vor gross, und viele Menschen nehmen wirklich Anteil am Schicksal des blaublütigen Lawinenopfers, das noch immer in einer Klinik in Innsbruck liegt.

Möglicherweise muss die königliche Familie aber tatsächlich bald eine schwere Entscheidung treffen, und es könnte sogar sein, dass die Oranjes der zynischen Empfehlung von «GeenStijl.nl» folgen, mit gutem Beispiel voranzugehen und die Organe des Prinzen zur Spende freizugeben. Denn die Gattin des Verunglückten, die aus bürgerlichem Haus stammende Mabel, twitterte just am 16. Februar, nur einen Tag vor dem Unglück: «Gönne einem anderen ein Leben! Werde Organspender!» Mabel, die einen Spenderausweis besitzt, befürwortet eine Umkehrung der gegenwärtigen Regelung in den Niederlanden (und auch in der Schweiz): Sie kämpft dafür, dass grundsätzlich alle Menschen Organspender sind und jene eine Erklärung abgeben müssen, die das nicht sein möchten.

Kaum Chancen für Friso

Die Organe des Prinzen dürften aber nicht so schnell zur Spende freigegeben werden. Wenn es um Organspende und Sterbehilfe geht, stellen sich heikle medizinische und rechtliche Fragen. Viel hängt davon ab, ob Friso im Koma noch selbständig atmen kann. Ist dies nicht der Fall, können die Ärzte in den Niederlanden die Behandlung abbrechen und den Patienten sterben lassen, wie die Zeitung «Volkskrant» schreibt. Sie können dies im Prinzip sogar ohne Zustimmung der Angehörigen tun, wenn eine weitere Behandlung medizinisch sinnlos erscheint. In Grossbritannien, wo die Familie des Prinzen offiziell ihren Wohnsitz hat, darf eine Behandlung ebenfalls abgebrochen werden, allerdings ausschliesslich mit Zustimmung der Familie. In Österreich, wo Friso derzeit im Krankenhaus liegt, dürfen die Maschinen einzig dann abgestellt werden, wenn der Patient nachweislich hirntot ist – es darf keine Anzeichen von Hirnaktivität mehr geben (siehe Infobox).

Gemäss Jan Bakker, Professor am Medical Center in Rotterdam, ist es aber eher unwahrscheinlich, dass Friso nicht mehr selbständig atmen kann. «Das leite ich aus der Tatsache ab, dass man für ihn eine Reha-Klinik sucht», sagte Bakker der «Volkskrant». Patienten, die beatmet werden müssen, würden dagegen in den Intensivstationen von Krankenhäusern behandelt. Gleichwohl ist Bakker pessimistisch, was die Chancen des Prinzen anbelangt, jemals wieder aus dem Koma zu erwachen. Sie seien näher bei null als bei zehn Prozent, meint der Professor.

Das schlimmste Szenario

So droht der Familie das schlimmste Szenario: Friso könnte in einem tiefen Koma verharren, aber zugleich noch selbständig atmen. Solche Patienten können jahrelang in Pflegeheimen überleben, ohne dass sie auf äussere Reize reagieren. Möchte Mabel diesen Zustand beenden, so könnte sie die Ärzte bitten, keine Antibiotika anzuwenden, falls es zu einer Infektion kommt. Viele Koma-Patienten erkranken früher oder später an einer Lungenentzündung, die oft tödlich verläuft, wenn sie nicht behandelt wird. Dieses Vorgehen ist in den Niederlanden gemäss der «Volkskrant» die am meisten gewählte Variante. Allerdings ist die königliche Familie ein Bollwerk des Protestantismus, und in den Niederlanden gibt es aus fundamentalistischen protestantischen Kreisen entschiedenen Widerstand gegen die Sterbehilfe.

Ambulante Sterbehilfe

Ohnedies kam die liberale niederländische Sterbehilfe-Politik

unlängst in die internationalen Schlagzeilen: Rick Santorum, einer der republikanischen Präsidentschaftskandidaten in den USA, warf dem kleinen Land an der Nordsee zu Unrecht vor, dort werde die Hälfte aller Sterbehilfe-Fälle unfreiwillig ins Jenseits befördert. In der Tat ist das niederländische Sterbehilfe-Gesetz das liberalste der Welt. Neuerdings gibt es sogar ambulante Sterbehilfe-Teams, die Sterbewillige zu Hause besuchen, wie die «Süddeutsche» berichtet.

So gesehen hat der Kolumnist Victor Lamme im Blog des «NRC Handelsblads» vielleicht Recht, wenn er Friso vor der Rückkehr in die Niederlande warnt: «Lieber Friso, es gibt immer Hoffnung. Solange du in Österreich bleibst. ... Wie auch immer dein Zustand ist, hier in den verwöhnten Niederlanden wird man ihn sofort als ‹untragbar›, ‹menschenunwürdig› oder ‹medizinisch hoffnungslos› bezeichnen. Gottseidank kennt deine Mutter ihre Pappenheimer und behält dich im Ausland.»

Königin Beatrix, meint Lamme, soll also mitnichten ein adliges Vorbild sein und die blaublütigen Organe ihres Sohnes auf keinen Fall freigeben. Ihre Schwiegertochter Mabel wird da aber gewiss noch ein Wörtchen mitreden.

Hirntod

Im Gegensatz zum Koma, das im Grundsatz ein reversibler Zustand ist, ist der Hirntod irreversibel, wie Dr. Franz Immer, Direktor von Swisstransplant betont. Dabei sind die Funktionen in allen Arealen des gesamten Hirns erloschen, der Herzschlag und Kreislauf des Hirntoten werden nur noch künstlich in Gang gehalten. Die Atmung erfolgt nicht mehr selbständig. Festgestellt wird der Stillstand der Durchblutung in Hirnstamm, Kleinhirn und Grosshirn mit klinischen oder bildgebenden Verfahren wie zum Beispiel einem Computertomogramm. Der Hirntod ist nach naturwissenschaftlich-medizinischer Definition zugleich auch der Tod des Menschen.

«Dass jemand nach Monaten erwacht, ist selten»

Sie atmen, ihr Herz schlägt - und trotzdem leben Komapatienten in einer für uns unzugänglichen, mysteriösen Welt. Sie werden künstlich ernährt, einige mit Maschinen beatmet.

Können Menschen im komatösen Zustand ihre Umwelt wahrnehmen? Wie lange dürfen Angehörige auf ein Erwachen des Patienten hoffen? 20 Minuten Online sprach im Oktober 2009 mit Prof. Dr. med. Reto Stocker, Abteilungsleiter der chirurgischen Intensivmedizin des Universitätsspitals Zürich, über das Schicksal von Komapatienten.

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