Kontroverse um Globuli: Wirkt Homöopathie oder nicht?
Aktualisiert

Kontroverse um GlobuliWirkt Homöopathie oder nicht?

Eine österreichische Universität verbannt Homöopathie, weil sie «Scharlatanerie» sei. Stimmt das – oder können Globuli und Co. heilen?

von
Stefan Ehrbar
1 / 8
Die Medizinische Universität Wien kippt das Wahlfach Homöopathie aus dem Studienangebot. «Wissenschaftlich ist sie am Ende», sagt Michael Freissmuth, Vorstand der Pharmakologie der Universität.

Die Medizinische Universität Wien kippt das Wahlfach Homöopathie aus dem Studienangebot. «Wissenschaftlich ist sie am Ende», sagt Michael Freissmuth, Vorstand der Pharmakologie der Universität.

iStock
Damit rennt er beim Schweizer Immunologen Beda Stadler offene Türen ein. «Der Schritt ist überfällig. Ich hoffe, dass andere Universitäten nachziehen», sagt er.

Damit rennt er beim Schweizer Immunologen Beda Stadler offene Türen ein. «Der Schritt ist überfällig. Ich hoffe, dass andere Universitäten nachziehen», sagt er.

Keystone/Lukas Lehmann
Anders sieht es Gisela Etter, Präsidentin der Union komplementärmedizinischer Ärzte: «Wenn nur existieren darf, was mit heutigen Methoden messbar ist, dann wird man dem Leben nicht gerecht», sagt sie.

Anders sieht es Gisela Etter, Präsidentin der Union komplementärmedizinischer Ärzte: «Wenn nur existieren darf, was mit heutigen Methoden messbar ist, dann wird man dem Leben nicht gerecht», sagt sie.

Privat

Die Medizinische Universität Wien schafft das Wahlfach Homöopathie ab. Wirken Globuli und Co. oder handelt es sich um Geldverschwendung und Irrglaube? Der Immunologe Beda Stadler, ehemaliger Direktor des Instituts für Immunologie an der Universität Bern, und die Ärztin Gisela Etter, Präsidentin der Union komplementärmedizinischer Ärzte, sind sich in kaum einem Punkt einig, wie das Streitgespräch zeigt.

Die medizinische Universität Wien hat das Wahlfach Homöopathie abgeschafft, weil es unwissenschaftlich sei. Was halten Sie davon?

Stadler: Das ist erfreulich und zugleich auch höchste Zeit. Schliesslich weiss man seit 200 Jahren, dass Homöopathie nicht wirkt. Ich hoffe, andere Universitäten, die ein ähnliches Angebot haben, ziehen baldmöglichst nach.

Etter: Wenn Wissenschaft zu eng gefasst wird und nur existieren darf, was mit heutigen Methoden messbar ist, dann wird man dem Leben und der Natur nicht gerecht. Moderne Wissenschaft lebt mit dem Eingeständnis, dass es die eine Wahrheit nicht gibt. Wir homöopathisch tätigen Ärztinnen und Ärzte in der Schweiz setzen uns ein für weitere, ergebnisoffene Forschung.

In der Schweiz ist Homöopathie im Leistungskatalog der Grundversicherungen enthalten. Der Bund begründet das damit, dass die wissenschaftliche Wirksamkeit, die Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit erwiesen seien. Einverstanden?

Stadler: Das ist ein kompletter Unsinn und ein Skandal. Aus diesem Grund bezeichnen sich Alternativmediziner als Komplementärmediziner, weil ihre Behandlung in jedem Fall eine Doppelbehandlung ist, falls es sich um eine echte Krankheit handelt. Neuerdings gibt es Studien, die zeigen, dass Alternativärzte teurer sind als normale Ärzte.

Etter: Eine grosse Mehrheit der Bevölkerung und der Verein homöopathischer Ärzte sind damit einverstanden. Der Entscheid wurde nach den Regeln von «Evidence based Medicine» gefällt. Dazu gehören systematisierte ärztliche Expertise, die Studienlage und immer mehr die Wünsche der Patienten. Daten des BAG belegen, dass die Kosten der Homöopathie nicht höher sind. Und sie zeigen, dass Grundversorger mit Homöopathie mehr chronisch Kranke und schwerere Kranke behandeln als solche ohne Homöopathie.

Gehört Homöopathie zu einem Medizin-Studium dazu?

Stadler: Auf keinen Fall. Sie gehört aber als abschreckendes Beispiel in einen Kurs, in dem andere Heilverfahren wie Handauflegen, Voodoo oder Esoterik besprochen werden. Sie alle dienen dazu, sich unrechtmässig an Patienten zu bereichern. Ein anständiger Arzt verlangt schliesslich für ein Placebo kein Geld.

Etter: Gemäss dem Lernzielkatalog «Profiles» vom März 2017 ist die Komplementärmedizin in der Lehre zu berücksichtigen und Kenntnisse über solche Methoden sind in die Ausbildungsziele integriert. Studenten werden in ihrer Kompetenz gefördert, die Patientenpräferenz in Therapiepläne zu integrieren. Deshalb macht es Sinn, wenn zukünftige Ärzte Kenntnisse über Homöopathie haben.

In einer Abstimmung hat sich 2009 eine grosse Mehrheit der Bevölkerung hinter die Komplementärmedizin gestellt. Wie erklären Sie sich das?

Etter: Ein sehr grosser Anteil der Bevölkerung wendet Komplementärmedizin an und ist zufrieden bis sehr zufrieden mit der Wirksamkeit und Verträglichkeit.

Stadler: Man hat damals das Volk angelogen, indem man behauptete, dass diese Art von Medizin wirksam und billiger sei. Hätte man das Volk gefragt, «Wollt ihr Medikamente ohne Wirkstoffe oder wollt ihr unwirksame Medikamente», wäre die Abstimmung anders ausgegangen.

Wo liegen die Grenzen der Homöopathie?

Etter: Die Grenzen der Homöopathie sind für mich als Ärztin dieselben wie in der konventionellen Medizin.

Stadler: Die Homöopathie ist eine Art Glauben. Die Grenzen finden sich daher nicht in der Rationalität, sondern höchstens im Irrsinn. Karlheinz Deschner sagte einst: «Je grösser der Dachschaden, desto schöner der Ausblick zum Himmel.»

Wann haben Sie selbst zuletzt Homöopathie angewendet?

Etter: Als homöopathisch tätige Ärztin wende ich Homöopathie täglich erfolgreich an.

Stadler: Studenten haben mir einmal als Jux ein Röhrchen Globuli geschenkt. Ich habe zum Beweis, dass keine Überdosis möglich ist, alle Kügelchen auf einmal geschluckt. Da ich selber keinen Dachschaden habe, kommt es mir sonst nicht in den Sinn, Homöopathie anzuwenden. Übrigens kenne ich auch niemanden, der wirklich krank ist und dann Kügelchen schluckt.

Deine Meinung