Aktualisiert 19.07.2019 09:46

Dreiste AnfragenWirte wehren sich gegen Insta-Schmarotzer

Influencer verlangen von Restaurants gratis Essen für Posts auf Instagram und Co. Viele dieser Anfragen sind dreist – die meisten werden abgelehnt.

von
R. Knecht / M. Weingartner
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Ein australischer Restaurantkritiker hat auf Instagram die Anfragen von Influencern gesammelt, die hofften, für Posts und Stories Gratisessen zu bekommen.

Ein australischer Restaurantkritiker hat auf Instagram die Anfragen von Influencern gesammelt, die hofften, für Posts und Stories Gratisessen zu bekommen.

iStock
Das Angebot: «Je zwei Drinks für zwei Stories und einen Insta-Post.» Die Antwort: «Wer seid ihr alle?»

Das Angebot: «Je zwei Drinks für zwei Stories und einen Insta-Post.» Die Antwort: «Wer seid ihr alle?»

Screenshot/Instagram
«Ich merkte, dass nicht viele Leute zu Besuch waren» – mit diesem Argument will sich eine Influencerin ein Gratisessen verschaffen.

«Ich merkte, dass nicht viele Leute zu Besuch waren» – mit diesem Argument will sich eine Influencerin ein Gratisessen verschaffen.

Screenshot/Instagram

«Einen Gratistisch für mich und meine Verwandten» oder «Zwei Drinks pro Instagram-Post» verlangen manche Influencer von Wirten – dafür würden sie dann auf den sozialen Medien von deren Restaurant oder Bar schwärmen.

Gastronomen weltweit haben nun begonnen, die teils unverschämten Anfragen der Insta-Sternchen an den australischen Restaurantkritiker John Lethlean weiterzuleiten. Der veröffentlicht sie auf Instagram, versehen mit sarkastischen Kommentaren (siehe Bildstrecke oben).

«Dreiste E-Mails»

Auch Schweizer Restaurants bleiben von den hungrigen Influencern nicht verschont: «Solche Anfragen bekomme ich jede Woche», sagt etwa Jens Jeppesen, stellvertretender Geschäftsleiter des Restaurants Gustav in Zürich. Die Angebote kämen in der Regel von ausserhalb der Schweiz, man müsse so meist eine Absage erteilen: «Ein Influencer aus dem Ausland bringt uns nicht wirklich mehr Gäste», so Jeppesen.

Waren Sie schon einmal in einer Bar oder in einem Restaurant, weil ein cooler Influencer dafür geworben hat? Oder nach welchen Kriterien wählen Sie neue Lokale aus?

Auch das Loft Five in Zürich wird mit Anfragen «fast schon überhäuft», sagt Geschäftsführerin Florine Wagner. Der Ton dabei ist teils geradezu frech: «Das sind oft sehr dreiste E-Mails – viele Influencer erwarten mit Selbstverständlichkeit ein Gratisessen», sagt Christian Grammer, Geschäftsführer und Teilhaber des Restaurants Josef beim Limmatplatz. Manche Influencer würden ihre Wichtigkeit überschätzen, ist Grammer überzeugt. Sein Restaurant spendiere einem Influencer so höchstens mal einen Cocktail.

Gratisessen ergattern

Viele Schweizer Gastronomen sind der Zusammenarbeit mit Influencern aber nicht komplett abgeneigt. Das Restaurant Gustav hat etwa eine Partnerschaft mit dem Champagner-Experten und Instagrammer Dan Roznov. Auch beim Zürcher Restaurant Dolder Grand heisst es, man arbeite aktiv mit lokalen und internationalen Influencern und Bloggern zusammen.

Bei der Auswahl lassen die Gastronomen aber Vorsicht walten. Die ist geboten, weil manche Influencer möglicherweise einfach hoffen, ohne grossen Aufwand ein Gratisessen zu ergattern, wie viele Betreiber glauben. Bei Anfragen aus dem Ausland hole man sich bei Partnern wie Schweiz Tourismus eine Zweitmeinung ein, heisst es etwa beim Berner Bellevue Palace.

Bringen Instagram-Posts mehr Gäste?

Die meisten Gastronomen bezweifeln zudem, ob die Restaurants dank der Instagram-Posts mehr Gäste gewinnen können. «Ich habe noch nie jemanden gehört, der gesagt hat, er sei da, weil er uns auf Instagram gesehen habe», sagt etwa Jeppesen vom Restaurant Gustav.

Die mediale Präsenz sei aber heutzutage schon wichtig, räumt Wagner vom Loft Five ein. Doch laut Adrienne Suvada, Marketing-Dozentin an der ZHAW, ist Instagram mittlerweile überfüllt mit Werbung: «Herauszustechen wird schwieriger.» Die Empfehlung eines Bekannten wirke authentischer als ein gestellter Paid-Post eines Influencers.

So sieht es der Food-Blogger

Es gibt schwarze Schafe, die einfach eine gratis Mahlzeit ergattern wollen, wie Harry Meier, der als Food-Blogger selbst regelmässig Bilder aus Zürcher Restaurants auf den sozialen Medien teilt, sagt. Die Produktion der Bilder koste ihn viel Zeit und Geld. Dass er auf Absprache mit dem Restaurant nicht für das Essen bezahlen müsse, reduziere lediglich seine Zusatzkosten. «Bis wir mit dem Fotografieren fertig sind, ist das Essen meist schon kalt», so Meier.

Er ist überzeugt, dass Restaurant-Betreiber heute kaum mehr auf eigennützige Anfragen reinfallen: «Ein Gastronom wäre blöd, wenn er darauf eingehen würde, ohne genauer anzuschauen, was das für ein Influencer ist.» Es mache für die Betreiber zum Beispiel einen grossen Unterschied, ob ein Influencer 20'000 Follower in der gleichen Stadt wie das Restaurant hat oder 200'000 Follower irgendwo auf der Welt. «Influencer versuchen, ihre Follower zu verkaufen – dabei sind die für den Restaurant-Besitzer womöglich wertlos», so Meier. Zudem bestehe die Gefahr, dass ein Influencer gar keine echten Follower hat, sondern diese nur gekauft hat.

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