Betrugsbekämpfung: «Wirtschaftsbetrug wird unter den Tisch gekehrt»
Aktualisiert

Betrugsbekämpfung«Wirtschaftsbetrug wird unter den Tisch gekehrt»

In der Schweiz sind Firmen nur rund halb so häufig von Wirtschaftskriminalität betroffen wie im Ausland. Heile Schweiz, böses Ausland? Nicht ganz, findet Studienautor Gianfranco Mautone.

von
Sandro Spaeth
«Schweizer Frimen glauben, Cybercrime betreffe hauptsächlich die IT-Abteilungen», sagt PwC-Betrugsbekämpfungsexperte Gianfranco Mautone.

«Schweizer Frimen glauben, Cybercrime betreffe hauptsächlich die IT-Abteilungen», sagt PwC-Betrugsbekämpfungsexperte Gianfranco Mautone.

Ein Geschäftsführer zweigt Geld in seine eigene Tasche ab, ein Börsenhändler verschleiert Verluste, indem er fiktive Geschäfte vortäuscht. Dies sind Fälle von Wirtschaftskriminalität, wie sie bei Schweizer Firmen vorkommen.

Immer stärker verlagern sich die Delikte in der Schweiz in Richtung IT und Internet: Cybercrime – also Straftaten, bei denen der Computer oder das Internet zentral ist, sind inzwischen die zweithäufigste Art von Wirtschaftskriminalität. Noch vor Spionage und Geldwäscherei. Dies besagt der «Global Economic Crime Survey 2011» der Beratungsfirma PricewaterhouseCoopers (PwC), die dafür 140 Schweizer Firmen befragt hat. Weitaus am häufigsten unter den Wirtschaftsdelikten sind Fälle von Vermögensveruntreuung.

Insgesamt ist der Anteil der Unternehmen, die mindestens einen Fall von Wirtschaftskriminalität feststellten, von 17 auf 18 Prozent gestiegen. Die Zahl liegt deutlich unter dem weltweiten Durchschnitt, der von 30 auf 34 Prozent geklettert ist.

Wie muss man sich den typischen Wirtschaftskriminellen in der Schweiz vorstellen?

Gianfranco Mautone*: Das Bild der Täter hat sich sowohl international als auch in der Schweiz über die Jahre nicht verändert. Der typische Täter ist männlich, zwischen 31 und 40 Jahre alt und gut ausgebildet. Meist ist er bereits drei bis fünf Jahre in der Firma, ist in führender Position und hat deswegen Zugang zu Spezialwissen. In der Regel haben die Täter keine Vorstrafen.

Cybercrime ist stark auf dem Vormarsch. Welches sind die häufigsten Delikte?

Das häufigste Delikt ist klar Datendiebstahl. Es geht aber nicht um Datenklau im klassischen Sinne, wie wir ihn von den Banken kennen. Wenn jemand Daten entwendet, worauf er sowieso Zugang hat, ist das nicht Cybercrime. Cybercrime beginnt, wenn sich ein Täter mittels IT-Technologie Zugang zu Daten verschafft, auf die er kein Zugriffsrecht hat.

Firmen sind auf Cybercrime relativ schlecht vorbereitet. Wird die Bedrohung nicht ernst genommen?

Unsere Studie zeigt, dass die Wahrnehmung stark zugenommen hat. Firmen sind sensibilisiert und sehen Cybercrime als zunehmendes Risiko. Noch handeln sie aber nicht danach, denn das Top-Management hat oft nicht genügend Kenntnisse der IT-Risiken. Man glaubt, Cybercrime betreffe hauptsächlich die IT-Abteilungen. Es gibt aber auch in anderen Bereichen sensible Daten

Sind KMU besonders betroffen?

Erfahrungsgemäss geben KMU zwar weniger Geld für IT-Sicherheit aus. Dennoch glaube ich nicht, dass sie stärker von Cybercrime betroffen sind. Grundsätzlich bedenklich ist, dass die Mehrheit der befragten Firmen keinen Notfallplan in der Schublade hat, sollte sich ein Fall von Cybercrime ereignen.

Sind Social-Media-Tools Einfallstore für Cybercrime?

In der Tat kann Socialmedia als Einfallstor missbraucht werden. Über Facebook könnten beispielsweise Viren oder Spionagesoftware eingeschleust werden. Diese Tools für alle Mitarbeiter zu sperren wäre die absolut rigide Lösung. Sie ist aber nicht zwingend. Nötig sind andere Sicherheitsmassnahmen, die beispielsweise den Download verhindern.

Wie steht die Schweiz in Sachen Wirtschaftskriminalität international da?

Wenn wir die Umfrage anschauen, waren nur 18 Prozent der befragten Firmen Opfer eines Wirtschaftsdelikts geworden. International sind es 34 Prozent. Die Zahlen müssten aber auch hierzulande höher liegen. Die Schweizer Kultur geht immer noch in die Richtung, dass man nicht gerne über solche Delikte spricht und sie lieber unter den Tisch kehrt.

*Gianfranco Mautone ist Leiter Forensic Services bei PwC Switzerland und Mitautor der Studie.

Deine Meinung