Schweizer Konjunktur: Wirtschaftsprofessor traut Prognosen nicht
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Schweizer KonjunkturWirtschaftsprofessor traut Prognosen nicht

Heute präsentiert die Konjunktur- Forschungsstelle der ETH Zürich ihre neuesten Prognosen. Zahlen, denen Andreas Herrmann wenig vertraut: Die Psychologie werde in Konjunkturprognosen zu wenig berücksichtigt, sagt der Professor für Forschungsmethoden an der Universität St. Gallen im Interview.

In den vergangenen Wochen haben zahlreiche Ökonomen ihre Konjunkturprognosen über den Haufen werfen müssen. Was läuft falsch?

Herrmann: Es gibt inzwischen sehr gute Modelle, die unter normalen Bedingungen wichtige wirtschaftliche Parameter wie Investitionen, Inflation und privaten Konsum zuverlässig prognostizieren. Was wir jetzt erleben, hat es hingegen noch nie gegeben. Der ganze Finanzmarkt bricht ein, und das hat gewaltige Auswirkungen auf die Realwirtschaft. Das macht die Prognose unglaublich schwierig. Es ist nicht möglich, historisch einmalige Ereignisse wie die gegenwärtige Krise in ein Modell einzubauen.

Kann man Prognosen also nur unter so genannten normalen Bedingungen erstellen?

Man versucht, die Berechnungsmodelle immer näher an die Realität anzupassen, so dass sie mit der Zeit lernen. Jetzt haben wir aber viele neue Faktoren wie staatliche Interventionen in bisher ungeahntem Ausmass und eine enorme Wirkung der Psychologie. Im Grunde weiss kein Mensch, wie stark das alles zusammenhängt.

Wie gross ist der Einfluss der Psychologie auf die Konjunktur?

Meine Vermutung ist, dass die Psychologie eine ganz enorme Rolle spielt in diesen Konjunkturzyklen. Die Angst wäre ein interessanter Frühindikator. Daher wäre es sinnvoll, die Psychologie des Menschen ebenfalls in der Prognose zu berücksichtigen. Diese Faktoren sind aber nur sehr schwer messbar. Daher fussen die gängigen Konjunkturprognosen nur auf harten ökonomischen Daten. Der Druck auf die Ökonomen, die psychologischen Phänomene stärker in ihre Prognosen miteinzubeziehen, steigt jedoch stark.

Wie gross ist der Einfluss von Konjunkturprognosen auf die Unternehmen?

Deren Einfluss auf die Unternehmen ist nicht von der Hand zu weisen. Die Autoindustrie beispielsweise wird für 2008 Rekordabsätze aufweisen. Die Autoproduzenten bremsen aber brutal, weil sie Angst haben vor dem nächsten Geschäftsjahr. Dadurch wird der Abwärtszyklus noch verstärkt. Dabei kann man sich momentan kaum auf Prognosen verlassen. Wir wissen ja nicht, was in nächster Zeit noch alles passieren wird und wie sich die Notenbanken verhalten werden.

Wieso macht man dann überhaupt noch Prognosen?

Was bleibt uns denn anderes übrig? Die Politik braucht Orientierung. Aber es stimmt schon: Im Moment hat man die Wahl zwischen «Über-den-Daumen-Peilen» und Kaffesatz lesen.

Was ist die bessere Wahl?

Wahrscheinlich weder noch. Kaffeesatz lesen ist vergangenheitsbezogen, weil der Kaffee da schon getrunken wurde. Im Moment sollte man besser in die Zukunft schauen. Der Blick in die Vergangenheit bringt nichts, weil wir keine Vergleichsmöglichkeit haben.

(Interview: SDA)

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