Höhere Preise: Wirtschaftsprofessoren wollen keine Preis-Senkungen für Büezer
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Höhere PreiseWirtschaftsprofessoren wollen keine Preis-Senkungen für Büezer

Kosten senken sei nicht nötig, sagen Experten. Arbeitnehmer würden durch den Boom automatisch mitprofitieren. Der Gewerkschaftschef sowie SVP-Nationalrat Thomas Aeschi sehen es anders.

von
Claudia Blumer
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Tanken ist seit Kriegsbeginn teurer geworden. Coop-Tankstelle in Frenkendorf BL im März 2022.

Tanken ist seit Kriegsbeginn teurer geworden. Coop-Tankstelle in Frenkendorf BL im März 2022.

Tamedia
Politikerinnen und Politiker von links bis rechts fordern deshalb Kosten-Erleichterungen bei Benzin, Steuern oder Mieten. Ökonomen bezweifeln den Sinn dieser Massnahmen. Die Wirtschaft boome, die Arbeitslosigkeit sei enorm tief, die Angestellten würden davon profitieren. Martin Neff, Chefökonom von Raiffeisen Schweiz, erwartet eine durchschnittliche Lohnerhöhung von drei Prozent.

Politikerinnen und Politiker von links bis rechts fordern deshalb Kosten-Erleichterungen bei Benzin, Steuern oder Mieten. Ökonomen bezweifeln den Sinn dieser Massnahmen. Die Wirtschaft boome, die Arbeitslosigkeit sei enorm tief, die Angestellten würden davon profitieren. Martin Neff, Chefökonom von Raiffeisen Schweiz, erwartet eine durchschnittliche Lohnerhöhung von drei Prozent.

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Auch Reiner Eichenberger, Wirtschaftsprofessor an der Universität Fribourg, rechnet damit, dass die gestiegenen Preise durch höhere Löhne wieder wettgemacht werden. Die höheren Löhne kämen halt mit einer gewissen Verzögerung, sagt er.

Auch Reiner Eichenberger, Wirtschaftsprofessor an der Universität Fribourg, rechnet damit, dass die gestiegenen Preise durch höhere Löhne wieder wettgemacht werden. Die höheren Löhne kämen halt mit einer gewissen Verzögerung, sagt er.

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Darum gehts

Vieles, was die Schweizerin und der Schweizer konsumieren, ist teurer geworden: Heizöl, Benzin, Gartenmöbel oder der Flug ins Ausland. Politikerinnen und Politiker von links bis rechts wollen deshalb die Konsumentinnen und Konsumenten entlasten. Die Vorschläge reichen von einer Senkung der Benzinpreise und Steuerabzügen bis zu Gutscheinen (Check fédéral) für eine breite Bevölkerungsschicht.

Das sei nicht nötig, sagen Ökonomen. Denn der Wirtschaftsboom, volle Auftragsbücher und der Mangel an Arbeitskräften führten automatisch zu einer Lohnerhöhung. Jan-Egbert Sturm, ETH-Professor und Direktor der Konjunkturforschungsstelle (KOF), sagt im «SonntagsBlick»: «Die Jobsicherheit könne kaum grösser sein.»

Davon können die Angestellten profitieren: «Knappheit diktiert den Preis», zitiert die Zeitung Martin Neff, Chefökonom von Raiffeisen Schweiz. Er hält eine durchschnittliche Lohnerhöhung von drei Prozent für das Jahr 2022 für realistisch. Zum Vergleich: Die Teuerung schätzt CS-Chefökonom Claude Maurer auf 2,3 Prozent.

Lohnerhöhung kommt «mit einer gewissen Verzögerung»

Auch Wirtschaftsprofessor Reiner Eichenberger erwartet eine Lohnerhöhung für Angestellte in der Schweiz, welche die höheren Preise wettmacht. «Das kommt halt mit einer gewissen Verzögerung, vielleicht auch erst in einem Jahr», sagt Eichenberger auf Anfrage von 20 Minuten. Doch diesem Prozess politisch vorzugreifen und Benzinpreise künstlich zu senken, sei absolut falsch. «Das Benzin ist ja nicht zum Spass teurer, sondern, weil das Angebot sinkt. Wenn der Preis künstlich gesenkt wird, konsumieren die Leute vermehrt, wodurch der Preisdruck noch mehr steigt.» Die SVP versuchte in der Sommersession, die Benzin- und Heizöl-Preise zu senken, scheiterte damit aber im Parlament. 

Soll die Politik die Kaufkraft stärken?

Kritisiert wird auch die Idee der SP, die Miet-Nebenkosten zu deckeln. «Auch der Wohnraum ist ein knappes Gut. Wenn Vermieter diese Kosten nicht mehr weitergeben können, bieten sie weniger Wohnraum an, indem sie weniger bauen und Mietwohnungen zu Eigentumswohnungen machen», sagt Eichenberger. Die Inflation habe sich während zehn Jahren abgezeichnet. Die Politik habe das Thema stets verdrängt und auch die Folgen der Zuwanderung nicht sehen wollen. «Jetzt aber will sich jeder mit irgendeiner neuen Subventions-Idee noch einen Bonus beim Wähler holen.»

Kritik an Experten «im Elfenbeinturm»

SVP-Fraktionschef und Ökonom Thomas Aeschi kontert: «Wir wollen eben gerade nicht die Lohn-Preis-Spirale anheizen, sondern jene Bürger entlasten, die unter hohen Preisen leiden.» Der SVP gehe es «um eine gezielte Entlastung der Menschen, die direkt betroffen sind, weil sie auf dem Land leben oder zum Beispiel als Handwerker aufs Auto angewiesen sind.»

Aeschi kritisiert die Wirtschaftsexperten: «Viele Professoren, die mit dem öffentlichen Verkehr an ihren Uni-Arbeitsplatz im Stadtzentrum fahren können und einen vom Steuerzahler finanzierten Lohn von durchschnittlich 17’000 Franken pro Monat beziehen, sitzen abgehoben im Elfenbeinturm.»

Daniel Lampart, Chefökonom beim Gewerkschaftsbund SGB, ist für einmal mit Thomas Aeschi einig: «Für Bank-Ökonomen ist die Teuerung vielleicht nicht so ein Problem.» Er gönne es jedem, der gut verdient oder den Lohn etwa durch einen Jobwechsel steigern könne. «Doch alle haben dieses Privileg leider nicht, sei es aufgrund der Branche, des Alters oder der Qualifikationen.» Da der automatische Teuerungsausgleich heute nicht mehr im selben Mass Bestandteil von Gesamtarbeitsverträgen sei, kämpfe die Gewerkschaft für den Teuerungsausgleich und eine Reallohnerhöhung.

«Gutscheine sind prüfenswert»

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