Der Wahnsinn in Zahlen: Wissen für Gutmenschen und Besserwisser
Aktualisiert

Der Wahnsinn in ZahlenWissen für Gutmenschen und Besserwisser

Der «Beschiss-Atlas» zeigt die Ungerechtigkeit des Lebens, «Keks oder Colt» verdeutlicht, wie unfair Sterben ist. «Die Schweiz in Listen» versöhnt mit Dies- und Jenseits – drei Bücher, die das Scheissleben schrieb.

von
P. Dahm

Die Welt ist verdammt schlecht. Wir wussten es zwar alle schon lange, aber die Ungerechtigkeit ist am besten greifbar, wenn sie massiv, präzise und präzise präsentiert wird. Wer wissen will, wo das Elend zu verorten ist, dem sei hier der «Beschiss-Atlas» ans Herz gelegt.

Zwei Frauen haben in einer übersichtlich geordneten Fleissarbeit Statistiken zusammengetragen, die den alltäglichen Wahnsinn dokumentieren. Und trotz des vermeintlichen Zahlensalates schaffen es Ute Scheub (Jahrgang 1955) und Yvonne Kuschel (Jahrgang 1958), die Probleme auf den Punkt zu bringen.

Von 100 Menschen sind 61 Asiaten, 15 Afrikaner, 13 aus Amerika und 11 aus Europa

Scheisse - mit Verlaub – ist am Leben nämlich, dass wir in ganz schön vielen Bereichen beschissen werden. Die Autorinnen dampfen dieses unappetitliche Problem auf zwölf Portiönchen ein: Ernährung, Arbeit, Verteilung, Verschuldung, Geschlechter, Migration, Demokratie, Natur, Klima, Verkehr, Rüstung und Glück.

Das hört sich erstmal altbacken an – und das Vorwort entmutigt beinahe. «Glaube keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast», zitieren die Autorinnen Winston Churchill und räumen dabei umgehend ein, dass der Spruch nirgendwo belegt und niedergeschrieben ist. Das Vorwort endet mit Welt-Bevölkerungsstatistiken: Sind elf Prozent der Menschen homosexuell? Ein Pluspunkt: Alle Statistiken sind belegt.

Europas Essensmüll reicht aus, um alle Hungernden doppelt satt zu machen

Vom faden Beigeschmack wirkt auch nach dem Essenskapitel eine Menge nach. Allerdings nicht wegen der Darstellung, sondern wegen der Fakten. 2011 war etwa das ertragreichste Erntejahr überhaupt. Die Preise für Weizen, Preis und Mais sind jedoch 150-mal so hoch wie vor elf Jahren. Dass dabei die erste Welt den Rest der Erde ausnimmt, ist eigentlich auch nicht neu. Doch die geballten Zahlen zusammen schlagen einem schon auf den Magen – zumal grosse Banken trotz Rekordernte auf steigende Rohstoffpreise setzen und mit dem Hunger Millionen verdienen.

Auch wenn die Schweiz und Österreich viel erwähnt werden, sind manche Statistiken sehr deutsch. Wer aber weiss, dass der «Deutsche Bank»-Vorstandsmitglied Anshu Jain 6000 Euro pro Stunde verdient, während es eine Coiffeuse in Brandenburg auf 3,05 Euro bringt, weiss, warum unsere Nachbarn in Scharen das Land verlassen. Der rote Pass alleine reicht für Reichtum aber auch nicht: Um wie Spekulant George Soros an einem Tag eine Milliarde Dollar zu verdienen, müsste die Schweizer Ökonomin Mascha Madörin nach eigener Berechnung seit 20 000 vor Christus arbeiten.

Weltweit gibt es rund 27 Millionen Sklaven: Nie gab es mehr

Ja, die «Occupy-Bewegung»-Bewegung hat uns klargemacht, dass Vermögen ungerecht verteilt ist. Aber dass 147 Konzerne für 40 Prozent der gloablen Wirtschaftsleistung verantwortlich sind, erschüttert trotzdem. Die Schweiz ist dank starkem Franken zwar vor den USA zum reichsten Land geworden, doch die Kluft zwischen arm und reich ist hier besonders gross: 90 Prozent der Menschen teilen sich ein Viertel des Vermögens.

Eine Statistik fügt sich in die andere. Der Leser erfährt, dass unter den zehn umsatzstärksten Schweizer Firmen vier Rohstoffhändler sind, die achtmal so viel Kupfer wie China kaufen. Nigeria und Russland fackeln bei der Ölgewinnung im Jahr so viel Gas ab, dass der CO2-Ausstoss dem von 500 Millionen Autos entspricht. Eine Buche bindet dagegen an einem Sonnentag 20 Kilogramm CO2. In 100 Jahren erwirtschaftet der Baum 270 000 Euro. Wenn er nicht verbrannt wird, etwa für Strom: Wächst das Internet so weiter, verbraucht es 2030 so viel wie die Menschheit.

Fazit: Rage Against The Machine

Besonders geeignet für: Idealisten um die 18 Jahre und alle, die danach nicht zynisch geworden sind.

Nicht so gut für: Banker, die solche Statistiken völlig zusammenhangslos finden, aber heimlich auch glauben, dass wirklich nicht alles so dufte läuft

Fakten: «Beschiss-atlas» von Ute Scheub und Yvonne Kuschel, Luwig Verlag im Random House Verlag, etwa 24 Franken

«Keks oder Colt – Was einen wirklich umbringt»

Wem diese Welt nach dem Lesegenuss zu viel wird, sollte zu einem 95-seitigen Kleinod greifen, dass den Lebensmut zurückbringt. «Keks oder Colt – Was einen wirklich umbringt» von Jörg Heinrich und Oliver Weiss haben sich Todesstatistiken aus der ganzen Welt vorgeknöpft. Wunderbar sprachgewandt setzen sie die Zahlen in Relationen. Vier Menschen sterben vielleicht durch Hai-Attacken - grausam fallende Kokosnüsse fordern im selben Zeitraum 150 Seelen!

Ein Werbefilm für «Keks oder Colt – Was einen wirklich umbringt». Quelle: YouTube

Darüber muss gesprochen, geschrieben und gelesen werden. Weitere Kapitel heissen etwa «Warum Drogen nicht zu empfehlen sind, Grillabende aber auch nicht», «Warum Kampfmiezen furchterregender sind als Killerpudel» und «Warum die Wahl zwischen Leberzirrhose und Raucherbein schwerfällt».

Fazit: Klein, aber fein.

Besonders geeignet für: Leute, die ihren 30. Geburtstag feiern oder als kurze Gaglektüre auf dem Klo.

Nicht so gut für: Leute, die sich eh nicht entscheiden können

Fakten: «Keks oder Colt – Was einen wirklich umbringt» von Jörg Heinrich und Oliver Weiss, Sanssouci im Hanser Verlag, etwa 12 Franken

«Die Schweiz in Listen»: It's Coming Home

Wem der «Beschiss-Atlas» zu negativ und der Tod zu endgültig ist, findet möglicherweise im Buch «Die Schweiz in Listen» seinen Seelenfrieden. Ohne viel Schnickschnack werden hier «200 Antworten auf das Phänomen Schweiz» präsentiert. Wussten Sie, welche die meistgesehene Sendung hierzulande war? Nicht Fussball steht ganz oben, sondern «Wetten, dass …?» im April 1986. 1,82 Millionen Zuschauer schalteten ein. Dahinter liegen «Supertreffer» ,vom März 1987 mit 1,77 Millionen und die Ski-WM in Bormio vom Februar 1985 mit 1,74 Millionen.

Wir erfahren ausserdem, dass der Deutsche Schäferhund immer noch beliebter als der Berner Sennenhund ist. Die meisten Vierbeiner mit 112 Wauzis pro 1000 Einwohner leben im Kanton Jura. Handelt es sich dabei um ein Männchen, heisst es vielleicht Rocky, Lucky oder Rex. Auf Platz zehn der Liste: Bäri. Die beliebtesten Hundenamen sind Luna, Gina und Kira. Hier belegt Senta den zehnten Rang.

Der Ausländeranteil stieg von 14,7 Prozent 1910 auf 22,3 Prozent 2011. Stéphane Chapuisat ist der beste Schweizer Kicker aller Zeiten. Das «nationalste »Gericht ist für 42 Prozent der Teilnehmer einer Umfrage das Fondue vor Rösti und Raclette, der meistgesehene Schweizer Film ist mit 940 000 verkauften Kinokarten «Die Schweizermacher». Am meisten Sonne sehen die Bewohner von Cimetta (TI), den meisten Regen unterhalb 600 Meter bekommen die Bürger in Schänis (SG) ab.

Fazit: Die Schweizer Katzen müssen ihre Population verdoppeln, um mit den Hunden mitzuhalten.

Besonders geeignet für: Besserwisser und Leute ohne Handy-Empfang.

Nicht so gut für: Leute, die es nicht so genau nehmen.

Fakten: «Die Schweiz in Listen» von Hannes Bertschi, Faro im Fona Verlag, etwa 30 Franken

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