Aktualisiert 19.12.2006 15:11

Wissenschaft: Krankenschwestern unschuldig

Im Prozess um die angeblich vorsätzliche Aids- Infektion von hunderten Kindern in Libyen haben die angeklagten bulgarischen Krankenschwestern Rückendeckung aus der Wissenschaft erhalten.

Die fünf Frauen und der mit ihnen angeklagte palästinensische Arzt seien unschuldig, heisst es im Bericht eines internationalen Forscherteams, der im Wissenschaftsmagazin «Nature» veröffentlicht wurde.

Nach Gen-Untersuchungen müsse das HI-Virus im Spital von Benghasi schon vor Arbeitsbeginn der medizinischen Helfer im März 1998 verbreitet gewesen sein. Die Krankenschwestern und der Arzt waren 2004 in erster Instanz zum Tode verurteilt worden. Das Urteil im Berufungsprozess soll am 19. Dezember fallen.

Den Bulgarinnen und dem Palästinenser wird vorgeworfen, vorsätzlich mehr als 400 Kindern Transfusionen mit Erregern für Aids und Hepatitis C verabreicht zu haben. Mehr als 50 Kinder starben bereits an Aids.

Genetische Struktur untersucht

Für ihre Studie nahmen die Forscher nun die genetische Struktur des Virus unter die Lupe. Über dessen Mutationsrate lasse sich wie bei einer «molekularen Uhr» nachweisen, wie lange der Erreger bereits vor Ort war, hiess es in dem Bericht.

Unabhängig vom eingesetzten Analyse-Modell lag der Termin laut Studienleiter Oliver Pybus von der Universität Oxford stets vor dem März 1998, teilweise um mehrere Jahre. Wahrscheinlicher Infektionsweg sei die Benutzung von verschmutzten Spritzen und nicht sterilisiertem Transfusionsmaterial.

Die Untersuchungen des Virus wurden möglich, weil 248 der libyschen Kinder zur Behandlung in europäische Spitäler kamen. Benutzt wurden Proben von 51 Kindern. Danach gehört das Virus zur Unterklasse CRF-02 AG des HIV-1-Erregers. Dieses Virus war zuerst in Westafrika aufgetaucht.

Geringe Mutation

Die Proben aus Libyen ergaben laut dem Bericht, dass das Virus nur wenig mutierte, was darauf hindeutet, dass es direkt aus der Region stammt. Auch das Vorkommen des gleichfalls untersuchten Hepatitis-C-Virus bei den Kindern lasse darauf schliessen.

Seine Varianten stammen demnach aus Ägypten oder Kamerun. Die Herkunft der HIV- und Hepatitis-Erreger aus Afrika und dem Nahen Osten sei angesichts der grossen Zahl von Einwanderern in Libyen nicht verwunderlich.

Der Nachweis über die «molekulare Uhr» wird von Virologen normalerweise benutzt, um Herkunft und Entwicklung eines Virus nach dem Ausbruch einer Epidemie zu bestimmen. Basis ist die Annahme, dass sich bei der Vermehrung des Erregers immer wieder genetische Änderungen einschleichen.

Diese Mutationen häufen sich mit der Zeit im Virus an. Mit ihrer Hilfe kann der zeitliche Abstand zum Ursprungsvirus bestimmt werden. (sda)

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