07.06.2020 16:02

Held oder Versager?

Wissenschaftler rechnen mit Daniel Koch ab

Der Ex-Covid-Delegierte des Bundes, Daniel Koch, wird für seine Verdienste in der Coronakrise gefeiert. Doch Epidemiologen werfen ihm nun Versagen vor.

von
Daniel Waldmeier

Daniel Koch, das Gesicht der Coronakrise, ist seit Ende Mai in Pension. Der ehemalige Mr. Corona sei ein Schweizer Volksheld, ein Star wider Willen, schrieb etwa die «Schweizer Illustrierte» zu seinem Abschied.

Führende Epidemiologen des Landes bringen solche Zeilen auf die Palme. Am Sonntag hat Marcel Salathé, Professor an der ETH Lausanne, auf Twitter einen Warnbrief veröffentlicht, den er zusammen mit den Epidemiologen Christian Althaus (Uni Bern), Emma Hodcroft und Richard Neher (beide Uni Basel) schon am 25. Februar 2020 an Bundesrat Alain Berset schickte.

Darin zeigten sich die Wissenschaftler überrascht, dass Daniel Koch die Sterblichkeit des neuen Coronavirus an einer Medienkonferenz mit jener der saisonalen Grippe verglichen hatte (Zugleich wies er auf die hohe Unsicherheit hin, Anm. d. Red.). Man verfasse den Brief im Interesse, dass das Bundesamt für Gesundheit die Gefahrenlage richtig interpretiere.

Wie Althaus auf Twitter schreibt, soll auch Koch diesen Brief bekommen haben. Er hatte schon am 30. Januar zusammen mit einem Kollegen eine Studie veröffentlicht, in der er auf die Möglichkeit einer globalen Ausbreitung des Virus hinwies. Nach eigenen Angaben hat er Daniel Koch schon vor der Publikation der Studie informiert und im Januar mit ihm telefoniert. Koch bestreitet das.

Lockdown unnötig?

Weil nichts passierte, sei er an die Öffentlichkeit gegangen, sagt Althaus in der aktuellen «NZZ am Sonntag»: «Ich konnte nicht verstehen, dass man die Epidemie einfach auf uns zukommen liess, als ob nichts wäre.» Auf Twitter fordert er die Geschäftsprüfungskommission auf, die Vorkommnisse «gründlich aufzuarbeiten». Die Präsidentin der ständerätlichen Kommission, Maya Graf (Grüne), bedankte sich für den «Input».

Am 28. Februar verbot der Bundesrat dann Grossveranstaltungen, nachdem sich Gesundheitsminister Alain Berset nach einer Rom-Reise ein Bild von der Situation in Italien machte. Am 13. März machten die Schulen dicht.

Salathé sagt zur «NZZ am Sonntag», dass ein entschiedenes Handeln einen Lockdown hätte verhindern können. «Die Wahl zwischen dem Kollaps des Gesundheitswesens und dem Lockdown mit wirtschaftlichem Schaden wäre nicht nötig gewesen.» Es hätte für eine Zeit lang eine dritte Option gegeben, eine sanftere Bremsung, mehr Normalität, vielleicht ein Zustand wie heute.

Koch weist Vorwürfe zurück

Koch sagt zu 20 Minuten, die Darstellung der Epidemiologen sei falsch. Es habe weder ein Telefongespräch zwischen ihm und Althaus gegeben, noch einen Briefkontakt. Deshalb erübrige sich eine Stellungnahme. Er sagt einzig: «Ich bin zufrieden mit dem Verlauf der Epidemie in der Schweiz.»

Katrin Holenstein, Sprecherin des Bundesamts für Gesundheit, sagt zur Kritik: «Die Schweiz hat im internationalen Vergleich rasch reagiert, dies in mehreren Schritten, nicht als Vollbremsung.» Zunächst seien Grossveranstaltungen verboten worden. Zwei Wochen später, am 13. März, seien Veranstaltungen über 100 Personen untersagt, die Schulen geschlossen, für Restaurants eine Obergrenze von 50 Personen festgelegt und die Einreise aus Italien eingeschränkt worden. Am 16.März habe der Bundesrat die ausserordentliche Lage beschlossen. «Geschäfte, Restaurants und Freizeitbetriebe mussten schliessen.»

Bundesrat Alain Berset habe den Brief der Wissenschaftler erhalten und diese zu einem Treffen eingeladen. «Anschliessend wurde die Taskforce Science lanciert, mit der seither ein intensiver und wertvoller Austausch gepflegt wird.»

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