Effiziente Strafmassnahmen: «Wladimir Putin leugnet den Schmerz der Sanktionen»

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Effiziente Strafmassnahmen«Wladimir Putin leugnet den Schmerz der Sanktionen»

Schadet sich der Westen mit den Wirtschaftssanktionen gegen Russland selbst? Nein, kommt eine Studie zum Schluss. Die Strafmassnahmen wirkten und setzten Wladimir Putin und seine Wirtschaft stärker unter Druck als bislang bekannt.

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Der Westen schade sich in erster Linie selbst am meisten. Russland werde bestens durch die Krise kommen, betont der russische Präsident mit Blick auf die ergriffenen Sanktionen gerne. 

Der Westen schade sich in erster Linie selbst am meisten. Russland werde bestens durch die Krise kommen, betont der russische Präsident mit Blick auf die ergriffenen Sanktionen gerne. 

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Dem widersprechen nun Professor Jeffrey Sonnenfeld und sein Team. 

Dem widersprechen nun Professor Jeffrey Sonnenfeld und sein Team. 

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Die Sanktionen des Westens hätten Russlands Wirtschaft massiv geschadet. 

Die Sanktionen des Westens hätten Russlands Wirtschaft massiv geschadet. 

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Darum gehts

  • Die westlichen Sanktionen gegen Russland schaden der Wirtschaft im Land massiv, besagt eine Studie.

  • Durch die Strafmassnahmen und den Exodus internationaler Firmen sei ein erheblicher Teil der wirtschaftlichen Aktivität im Land zum Erliegen gekommen.

  • Die Sanktionen hätten «nicht nur funktioniert», sie hätten «die russische Wirtschaft auf allen Ebenen gründlich lahmgelegt», heisst es in der Analyse der Yale School of Management.

Schaden die Sanktionen des Westens der russischen Wirtschaft oder nicht? Moskau gab sich in dieser Frage von Anfang an demonstrativ gelassen. Und der russische Präsident Wladimir Putin wurde nicht müde, zu betonen, dass der Westen sich mit den Strafmassnahmen in erster Linie selbst schade, während die russische Ökonomie davon nur kaum tangiert werde. 

Das ist falsch, kommt nun eine Studie der Yale School of Management zum Schluss. Putin spüre sehr wohl den Schmerz der Sanktionen, leugne ihn aber, sagt Studienautor Jeffrey Sonnenfeld auf Srf.ch. 

Kreml unterschlägt die negativen Daten

So habe der Kreml seit Beginn des Angriffs auf die Ukraine negative Datenreihen unterschlagen und nur solche veröffentlicht, die die Wirtschaftslage günstig  aussehen liessen.

«Die russischen Statistiken haben eine 30-jährige Glaubwürdigkeit zerstört. Es ist das erste Mal, dass die Behörden die Grundlagen der Statistiken zum Volkseinkommen zurückgehalten haben», so Sonnenfeld weiter.

Da Moskau keine wichtigen Wirtschaftsdaten mehr veröffentlicht, verwendeten die Forschenden als Grundlage ihrer Analyse Daten von Unternehmen, Banken und Handelspartnern russischer Firmen. 

Ihr Fazit: Die Sanktionen westlicher Staaten gegen Russland schaden der Wirtschaft im Land massiv und hätten «die russische Wirtschaft auf allen Ebenen gründlich lahmgelegt». Zudem seien Russlands Einnahmen durch Öl- und Gasexporte zuletzt deutlich gesunken.

Der 118-seitige Bericht will gleich mit mehreren Mythen aufräumen, die Moskau seit der Invasion Ende Februar streut. 

Mythos 1: Russland kann Gasexporte statt nach Europa nach Asien verkaufen.

«Dies ist eines der beliebtesten und irreführendsten Argumente Putins, mit dem er seine viel gepriesene Hinwendung zum Osten bekräftigt», heisst es dazu im Bericht. Doch Russland könne sein Gas nicht einfach woanders hinschicken, zumal die russischen Gasexporte weiterhin auf ein System fester Pipelines angewiesen seien. Diese sind aber überwiegend auf Europa ausgerichtet, während die seit langem geplanten und derzeit im Bau befindlichen asiatischen Pipelineprojekte von einer Inbetriebnahme noch Jahre entfernt sind. Sprich: Die Gasgeschäfte mit Asien können jene mit Europa nicht ersetzen, weil die Infrastruktur fehlt. 

So ist es denn auch zu erklären, dass die 16,5 Milliarden Kubikmeter Gas, die Russland letztes Jahr nach China exportierte, weniger als zehn Prozent der 170 Milliarden Kubikmeter Erdgas ausmachten, die Russland nach Europa lieferte. «Die Produktion des russischen Gaskonzerns Gazprom ist um 30 Prozent zurückgegangen, weil sie das Gas nicht mehr loswerden», sagt Studienautor Sonnenfeld. Denn mittlerweile kaufe Europa, das einst 43 Prozent seines Gases aus Russland bezog, dieses aus den USA, Norwegen, Australien und Aserbeidschan. 

Mythos 2: Da Öl handelbarer ist als Gas, kann Putin mehr nach Asien verkaufen.  

Dass die monatlichen Einnahmen durch Ölexporte die russische Wirtschaft über Wasser hielten, sei ebenfalls falsch, hält die Studie fest. Tatsächlich seien die Energieeinnahmen Russlands in den vergangenen drei Monaten sogar gesunken – was wenig erstaunt, bedenkt man, dass bisher 83 Prozent der russischen Energieexporte nach Europa gingen. 

Das liege neben der erwähnten fehlenden Infrastruktur auch daran, dass die Energiepartner wie China und Indien das Wegfallen Europas ausnutzten und schwere Preisnachlässe verlangten. So legten Importdaten nahe, dass China Rohöl zu einem Abschlag von 35 Dollar auf den Weltmarktpreis von Russland beziehe.

Mythos 3: Russland kompensiert die Verluste westlicher Unternehmen und Importe, indem es sie durch Importe aus Asien ersetzt.

Auch das Argument verfängt gemäss dem Yale-Bericht nicht. Denn die Importe sind stark eingebrochen – und selbst aus dem befreundeten China führt Russland um die Hälfte weniger ein: So zeigten die jüngsten monatlichen Angaben der allgemeinen Zollverwaltung Chinas von Jahresanfang bis April einen Rückgang chinesischer Exporte nach Russland von monatlich über 8,1 Milliarden Dollar auf 3,8 Milliarden Dollar.

«Wenn man bedenkt, dass China siebenmal so viel in die Vereinigten Staaten exportiert wie nach Russland, scheint es, dass selbst chinesische Unternehmen mehr Angst haben, mit den US-Sanktionen in Konflikt zu geraten, als marginale Positionen auf dem russischen Markt zu verlieren, was die schwache wirtschaftliche Position Russlands gegenüber seinen globalen Handelspartnern widerspiegelt.»

Mythos 4: Der russische Binnenkonsum ist weiterhin stark.

Im Vorjahresvergleich sanken die Umsätze im Einzelhandel und die Konsumausgaben um 15 bis 20 Prozent. Andere hochfrequente Daten sowie die Besucherzahlen in den Moskauer Einzelhandelsgeschäften bestätigen den steilen Rückgang der Verbraucherausgaben und -umsätze – «ganz gleich, was der Kreml sagt». 

Als besonders drastisches Beispiel nennt die Studie die russische Autoindustrie: Die Verkaufszahlen seien von monatlich 100’000 auf 27’000 gesunken, wegen fehlender Teile aus dem Ausland würden Pkw ohne Airbags, automatische Getriebe und Sicherheitssysteme wie ABS hergestellt.

Mythos 5: Die Flucht von Unternehmen, Kapital und Wissen aus Russland wird überbewertet.

Die Studie der Yale School of Management hält fest: Der Wegzug von rund 1200 ausländischen Unternehmen zieht einen hohen Verlust von Arbeitsplätzen im Land nach sich. «Das sind die offiziellen russischen Zahlen und Russland sagt weiter, davon betroffen seien zwölf Prozent der direkten Arbeitsplätze im Land. Unsere Zahlen liegen aber weit darüber», so Studienautor Sonnenfeld.

«Wenn wir aber nur von der russischen Zahl ausgehen und die indirekt verbundenen Arbeitsplätze anschauen, dann haben wir es mit etwa 40 Prozent der Arbeitskräfte in Russland zu tun, die aufgrund des Rückzuges der Unternehmen nicht mehr beschäftigt sind. Das ist wirklich tiefgreifend.»

Die Produktion sei in allen Bereichen rückläufig, egal, ob es sich um Haushaltsgeräte oder Porzellankeramik handelt, so Sonnenfeld weiter. Dabei liege «die Arbeitslosenquote vielleicht bei etwa 40 Prozent und die Inflation je nach Sektor zwischen 20 und 60 Prozent». 

Mythos 6: Putin erwirtschaftet dank der hohen Energiepreise einen Haushaltsüberschuss.

Das sieht selbst Moskau nicht so. Nach Angaben des russischen Finanzministers wird Russland in diesem Jahr ein Haushaltsdefizit von zwei Prozent des BIP verzeichnen – eines der wenigen Male, in denen der Haushalt trotz hoher Energiepreise seit Jahren defizitär war. Die Yale-Studie macht dafür «Putins unhaltbare Ausgabenwut», nicht nur bei den Militärausgaben, verantwortlich. «Dramatische fiskalische und monetäre Interventionen» hätten dazu beigetragen, dass sich die Geldmenge in Russland seit Beginn der Ukraine-Invasion fast verdoppelt hat. So kommen die Forschenden zum Schluss: «Putins rücksichtslose Ausgaben bringen die Finanzen des Kremls eindeutig unter Druck.»

Mythos 7: Der Rubel ist in diesem Jahr die Währung mit der stärksten Performance weltweit.  

Der Rubel ist wirklich so stark wie seit einem halben Jahrzehnt nicht mehr. Das liegt daran, dass der Rubel nicht mehr durch die Marktkräfte getrieben wird, sondern durch Massnahmen der Putin-Regierung und der russischen Zentralbank, die die Nachfrage nach der Währung künstlich hoch halten. 

Unter den herrschenden Bedingungen bedeutet der starke Rubel jedoch nicht unbedingt eine starke Wirtschaft. Im Gegenteil: Die Stärke des Rubels in Verbindung mit den Anstrengungen der Regierung und der Banken, um die Auswirkungen der Sanktionen zu begrenzen, könnte das Leben der einfachen Russen noch mehr erschweren als die Sanktionen selbst. 

Als Grundlage ihrer Analyse verwendeten die Forscher eigenen Angaben zufolge Daten von Unternehmen, Banken und Handelspartnern russischer Firmen, da Moskau seit längerem wichtige Wirtschaftsdaten nicht mehr veröffentlicht.

(gux)

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