Analyse zur Nati: WM der Ungewissheit – auch wegen Hanlon

Aktualisiert

Analyse zur NatiWM der Ungewissheit – auch wegen Hanlon

Am Samstag beginnt für die Nati mit dem Spiel gegen Österreich die WM. Von einer Medaille bis zu einem Tiefflug – alles scheint möglich.

von
Marcel Allemann
Prag

Noch selten herrschte vor einer WM so viel Ungewissheit. Dies liegt primär daran, dass die Nati in den letzten Jahren enorm unberechenbar geworden ist. Bis 2013 hiess die einzige Frage vor einer WM in diesem Jahrtausend jeweils: Reicht es für den Viertelfinal oder nicht? Wurde dieser geschafft, konnte man danach sogleich mit Packen beginnen, denn überstanden wurde er in sieben Anläufen nie. Doch dann kam das Silberwunder 2013 in Stockholm und die Schweizer Eishockey-Geschichte musste neu geschrieben werden.

Wohin geht die Reise mit Hanlon?

Seither wissen wir, was mit dem perfekten Trainer, dem perfekten System, der perfekten Mannschaft und dem perfekten Turnier für die Schweiz alles möglich ist. Wir wissen aber auch, dass die Bäume weiterhin nicht in den Himmel wachsen und primär nicht Medaillen sondern weiterhin Enttäuschungen zur Tagesordnung gehören. 2014, im Jahr nach dem Silberwunder, erlebten wir gleich deren zwei: An den Olympischen Spielen in Sotschi scheiterten wir im Achtelfinal an Lettland, danach an der WM in Minsk verpasste die Mannschaft bei Sean Simpsons Abschiedsvorstellung den Viertelfinal ebenfalls.

Nun erfolgt ein neuer Anlauf mit einem neuen Übungsleiter. Glen Hanlon heisst Simpsons Nachfolger und natürlich weiss man vor der ersten WM unter ihm nicht so genau, wohin die Reise mit dem 58-jährigen Kanadier geht. WM-Erfahrung bringt er als gefeierter Coach von Weissrussland (6. 2006/7. 2014) und gescheiterter Coach der Slowakei (12. 2010/10. 2011) zur Genüge mit. Hanlon müsste also wissen, was an einer WM den Erfolg bringt und was nicht.

Galanter als Simpson – aber auch so erfolgreich?

Ob er allerdings auch das Schweizer Eishockey so wie seine Vorgänger weiterbringen kann, wird sich weisen. Während der Saison sorgte er primär durch seine überzogene Selektionitis für Schlagzeilen. Insgesamt testete der frühere NHL-Torhüter 66 Akteure und bescherte sogar NLA-Ergänzungsspielern das kurzfristige Glücksgefühl eines Nationalspielers. Daneben verstand es Hanlon aber auch, bei seinen öffentlichen Auftritten zu gefallen. Er kann sich verkaufen, ist galanter, charmanter und offener, ist zuweilen weniger mürrisch und launisch als sein Vorgänger Simpson. Aber kann er auch so erfolgreich sein wie der Silberschmied von 2013?

Mit seiner klaren Kommunikation gegenüber den Medien überzeugte Hanlon bislang. Nicht seine ganz grosse Stärke scheint jedoch die interne Kommunikation zu sein. So weiss 20 Minuten zum Beispiel von zwei gestandenen Nationalspielern, die nun im Selektionsprozess für die WM übergangen wurden, ohne darüber vom Nationaltrainer persönlich informiert zu werden. Sie erfuhren davon aus den Medien. Wären sie Fussballer und würden sie Tranquillo Barnetta und Pirmin Schwegler heissen, hätte das eine heftige Polemik ausgelöst. Vorsichtig sein muss Hanlon mit solchen Aktionen indes trotzdem, er kann so rasch für irreparable Missstimmungen in der Spieler-Szene sorgen. Oder war es am Ende gar keine Absicht und Hanlon hat wegen den vielen während der Saison aufgebotenen Spieler schlicht die Übersicht verloren?

Zum Start gegen die Abstiegskandidaten

Unter Druck steht Hanlon bereits bei seiner Premieren-WM mit der Schweiz. Denn die erste WM seiner prominenten Vorgänger Sean Simpson (5. nach einer Absage-Welle 2010) und Ralph Krueger (4. Rang 1998) waren ein voller Erfolg. Um da nicht abzufallen und Diskussionen aufkommen zu lassen, muss er in Prag zumindest den Viertelfinal und somit die offizielle Zielsetzung erreichen. Denn ihm steht ein viel besseres Team zur Verfügung als beispielsweise Simpson bei seiner ersten WM. Mit NHL-Goalie Reto Berra, den NHL-Verteidigern Mark Streit und Roman Josi, dem soliden Schweden-Söldner Dean Kukan und den WM-Silberhelden Eric Blum und Robin Grossmann verfügt er über eine der besten Defensiven einer Schweizer Nati aller Zeiten.

An der Erwartungshaltung in der Schweiz wird Hanlon kaum zerbrechen. Mehr Druck als im letzten Jahr als Trainer des diktatorischen Weissrussland an der Heim-WM in Minsk geht nicht. Diesem hielt Hanlon mit der souveränen Viertelfinal-Qualifikation (unter anderem mit einem 4:3-Sieg gegen die Schweiz) glänzend stand. Und das, obwohl mitten im Turnier bekannt wurde, dass er Trainer der Schweiz wird. Er habe jenes Turnier trotzdem geniessen können, erzählte Hanlon am Dienstag. Und so relaxed wirkt er auch vor dem Start der WM in Prag und Ostrava. Das kann ein gutes Zeichen sein.

In der Vorbereitung wusste seine Nati zumeist zu gefallen. Die Spieler zogen voll mit, zeigten viel Leidenschaft und Einsatz und lieferten gute Ergebnisse gegen Hochkaräter wie Finnland und Russland (je ein Sieg). Ein kleiner Schock war indes die 5:6-Niederlage bei der WM-Generalprobe gegen Frankreich. Sie zeigte auch auf, dass die WM in Prag durchaus auch ungemütlich werden kann. Denn die WM beginnt für Hanlon und sein Team gegen die Abstiegskandidaten Österreich und Frankreich. Undankbare Spiele, in denen man nicht viel gewinnen, aber umso mehr verlieren kann. Für Glen Hanlon geht es bereits darum, mit sechs eingefahrenen Punkten bis am Sonntagabend einen Fehlstart als Schweizer Nationaltrainer zu vermeiden.

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