Kick-off in vier Jahren: WM-Viewing bei eisiger Kälte und Glühwein
Aktualisiert

Kick-off in vier JahrenWM-Viewing bei eisiger Kälte und Glühwein

Läuft alles nach Plan, findet das Eröffnungsspiel der Fussball-WM in Katar am 21. November 2022 statt. Beim Gedanken daran friert es manchen.

von
ddu
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So wie in der Premier League wird es zwar nicht ganz sein: An der Fussball-WM in Katar rückt der «Samichlaus» kein Tor zurecht, aber während des Turniers ist er in der Schweiz unterwegs.

So wie in der Premier League wird es zwar nicht ganz sein: An der Fussball-WM in Katar rückt der «Samichlaus» kein Tor zurecht, aber während des Turniers ist er in der Schweiz unterwegs.

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Genau vier Jahre vor dem WM-Eröffnungsspiel darf sich jeder schon mit dem Gedanken an ein Public Viewing mit Glühwein anfreunden.

Genau vier Jahre vor dem WM-Eröffnungsspiel darf sich jeder schon mit dem Gedanken an ein Public Viewing mit Glühwein anfreunden.

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Das Herzstück der WM bildet das Lusail-Iconic-Stadion, das in Lusail gebaut wird. Die Küstenstadt befindet sich nördlich der katarischen Hauptmetropole Doha.

Das Herzstück der WM bildet das Lusail-Iconic-Stadion, das in Lusail gebaut wird. Die Küstenstadt befindet sich nördlich der katarischen Hauptmetropole Doha.

Keystone/Qatar 2022 World Cup BID Committee

Zwischen 3 und 5 Grad Celsius in der Deutschschweiz, deren 6 im Wallis und als Höchstes der Gefühle 9 im Tessin – diese Maximaltemperaturen prognostiziert Meteo Schweiz für den Mittwoch, 21. November 2018. Perfekte Bedingungen für ein Public Viewing auf der Grossen Schanze in Bern, im Rheinhafen in Basel oder auf dem Turbinenplatz in Zürich, oder etwa nicht? Was gibt es Schöneres, als jetzt ein Fussballspiel open air auf der Grossleinwand mitzuverfolgen? Unvorstellbar? In exakt vier Jahren ist es das wohl nicht mehr.

Drehen wir das Rad der Zeit vorwärts ins Jahr 2022, in dem Fussballgeschichte geschrieben werden soll. In Lusail pfeift um 17 Uhr Ortszeit der Schiedsrichter das Eröffnungsspiel der WM an. Gastgeber Katar spielt in der nördlich der Hauptmetropole (Doha) gelegenen Küstenstadt gegen die Schweiz. Im Vorfeld der Partie läuft es den Fans der Rot-Weissen, die immer noch von Vladimir Petokvic trainiert werden, kalt den Rücken hinunter. Zwar versuchten sie, die Blamage von vor vier Jahren gegen die Auswahl aus dem Wüstenstaat zu verdrängen, konnten es aber nicht ganz. 0:1 verlor die Schweiz damals (am 14. November 2018) das Testspiel gegen Katar, das seither im Fifa-Ranking von Platz 96 auf Position 91 vorgerückt ist.

Manuel Akanji, der Captain der Schweizer Nationalmannschaft der Zukunft, schwitzt beim Einlaufen ins Lusail-Iconic-Stadion – das drei Monate zuvor feierlich und pompös eingeweiht wurde – nicht. Die über 86'000 Plätze in der Arena sind restlos besetzt, schliesslich spielt Katar und nicht Brasilien. Die Stimmung unter den Zuschauern ist aufgeheizt, die Luft im gedeckten Stadion trotz einer Aussentemperatur von gegen 41 Grad dank Klimatisierung nicht. 22 Grad zeigt das Thermometer an, es steigt bis zum Abpfiff der Partie nicht über 22,5.

Fussball-WM statt Kerzenziehen

Währenddessen träumt Martin Muster in der Schweiz von 20 Grad mehr. Er hat sich bewusst dafür entschieden, das WM-Eröffnungsspiel in einer Public-Viewing-Arena zu besuchen. Diese ist zwar auch gedeckt, die Organisatoren hatten aber kein Budget für kleine Heizöfen. Die Temperatur liegt knapp über dem Gefrierpunkt. «Ich hätte den Match ja auch daheim auf dem Sofa oder in einer warmen Beiz schauen können», gibt Max dem Lokaljournalisten zu verstehen, «aber man sollte ja die Kleinen, die sich engagieren, unterstützen.» Der junge Mann hat seinen Göttibub Melvin dabei, der seine Kappe schon tief ins Gesicht gezogen hat. Fussball-WM statt Kerzenziehen steht heuer auf dem Programm.

«Bringsch mer bitte no en Glüehwii?», fragt Martin seinen Arbeitskollegen, der soeben eingetroffen ist und sich über fehlende andere Wärmequellen ärgert. «Aber nur, wänn du mir bim Info-Stand ä Wulledecki holsch, süscht halt ich das nöd us.» Er könne nicht verstehen, weshalb hier keine Wärmepilze aufgestellt worden seien, brummelt der Ankömmling beim Davonstapfen in seinen Winterstiefeln. «Du weisch doch Tim, dä Klimawandel ...», ruft Martin ihm hinterher.

Das Mebucaine liegt bereit

Erhitzter und mit Gewürzen sowie Zucker angereicherter Wein statt kühler Gerstensaft, das stösst Martin in etwa so sauer auf wie seinem Begleiter Tim, dem auch nach einer erwärmenden Startphase immer noch kalt ist. Göttibub Melvin isst derweil warme Marroni. «Ich leg scho mal Mebucaine für eui bereit», hatte seine Mutter ihrem Bruder gesagt, als dieser den Achtjährigen abholte. Hoffentlich erkältet er sich nicht, denkt Martin. Dann wird ihm vom einen auf den anderen Moment warm, zumindest ums Herz. Die Schweiz erzielt in der 18. Minute den Führungstreffer. Jubelschreie erfüllen die halb leere Halle. Bis zur Pause können sich die Schweizer Fans über zwei weitere Treffer freuen, doch Luftsprünge bringen nur bedingt mehr körperliche Wärme.

Martin ist spätestens nach der ersten Halbzeit froh über seinen dicken Pulli mit Schweizer Kreuz darauf, den er im Discount noch gekauft hat. «Du häsch wenigschtens no en Schaal», sagt er seinem Arbeitskollegen, dem die weiter sinkende Temperatur zunehmend zu schaffen macht. Dieses Fan-Utensil hat Martin daheim vergessen und wünscht sich deshalb nach Wiederbeginn der Partie, mit jenen zwei Schweizern tauschen zu können, die während der Pause auf dem Grossbildschirm auftauchten. Mit nackten Oberkörpern verrieten sie dem TV-Reporter, wie sie die Hitze beim Public Viewing vor dem Stadion aushielten. Das 4:0 fällt, doch Martin ist gedanklich schon in seiner warmen Stube und hebt nur kurz die Hände in die Höhe. «Götti, was häsch?», fragt Melvin wenig später. «Nüt, nur chalt. Und du?» Der Bub hebt wortlos den Daumen.

Nie mehr im Advent

Gut vier Wochen später (am 18. Dezember) sitzt Martin in seiner Stammbeiz und verfolgt den WM-Final zwischen Mexiko und England. Er lässt das Turnier in seinem Kopf Revue passieren. Ans Eröffnungsspiel mag er kaum mehr denken. Die Schweiz gewann zwar 8:0, doch die vier darauffolgenden Tage mit Fieber und Husten im Bett überschatteten diesen Erfolg. Auch Melvin hatte es – wie von seiner Mutter prophezeit – erwischt. Das 1:1 im zweiten Gruppenspiel gegen Ecuador konnte Martin nicht live am TV schauen, da an diesem Abend ein Advents-Apéro mit Kunden anstand. Und das 3:3 (nach 3:0-Führung) gegen Deutschland zum Abschluss der Gruppenphase kostete ihn einiges an Nerven und Geld. Am Weihnachtsmarkt in seiner Wohngemeinde hatte Martin nach der ersten Halbzeit eine zu grosse Klappe und musste später mehrere Runden Glühwein spendieren. Diesen Sonntagnachmittag im Schneegestöber kann er auch abhaken.

Martin beisst in ein hartes Guetsli und spült das Stück mit Bier hinunter. Beinahe bleibt ihm alles im Hals stecken, wenn er sich an den Achtelfinal gegen Brasilien erinnert. Er verpasste auch dieses WM-Highlight wegen einer vorweihnachtlichen Verpflichtung (Quartier-Weihnachtsmarkt der Kleingewerbler). Hätte die Schweiz nicht im Penaltyschiessen verloren, wäre ihm übel geworden. «Alles Samichläus!», denkt Martin und schwört sich, nie mehr eine Fussball-WM im Advent zu unterstützen, in welcher Form auch immer. Seinem Göttibuben schenkt er zu Weihnachten noch ein Paar warme Socken und Handschuhe mit dem SFV-Logo darauf. «Nie meh, nie meh», flucht Martin vor sich hin und nimmt nochmals einen grossen Schluck Bier.

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