Ufo soll Bewohner retten: Wo die Welt nicht untergehen wird
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Ufo soll Bewohner rettenWo die Welt nicht untergehen wird

Bugarach fürchtet sich vor dem 21. Dezember – nicht wegen der Apokalypse, sondern weil Esoteriker das Dorf stürmen könnten. Polizei und Militär stehen bereit. Ein Besuch vor Ort.

von
Antonio Fumagalli

Und plötzlich bin ich mitten unter ihnen. Den Esoterikern, nach denen ich im südfranzösischen Bugarach eineinhalb Tage lang gesucht habe. Sie sitzen im einzigen Laden des Dorfs um einen Tisch und schildern sich ihre übernatürlichen Erlebnisse auf dem Berg «Pic de Bugarach», von den Einheimischen «Pech» genannt. «Ich war am Meditieren, als mich eine Kraft davontrug. Plötzlich umgaben mich drei bis vier Meter grosse Wesen, die ich zuvor noch nie gesehen hatte», sagt Diego (siehe Video unten). Seine Augen weiten sich mit jedem Wort. Ein älterer Mann mit weissem, langem Bart nickt. Dennis kann der französischen Konversation nicht folgen, der US-Amerikaner ist erst vor drei Monaten an den Fuss der Pyrenäen gereist. «Diese Energie auf dem Berg, wunderbar! Es ist wie eine Maske, die abfällt», sagt der 47-Jährige und tippt gedankenverloren an seinem E-Mail weiter.

Wegen Leuten wie Diego oder Dennis fürchtet sich Bugarachs Bürgermeister Jean-Pierre Delord vor dem 21. Dezember 2012 – nicht der ominöse Weltuntergang macht ihm Sorgen, sondern die mögliche Invasion von Esoterikern. Denn: Ausgerechnet das 180-Seelen-Dorf soll der weltweit einzige Ort sein, an dem man die Apokalypse überlebt. An jenem Tag öffne sich der Berg und ein gewaltiges Ufo werde freigelegt, das die anwesenden Menschen rette. Der Name Bugarach komme schliesslich ja auch von «Bu-Garage».

Solche und ähnlich wirre Geschichten hat Bürgermeister Delord laut eigener Aussage in einschlägigen Internetforen gelesen. Und im Winter 2010 einem übereifrigen Reporter der Regionalzeitung «L'indépendent» ins Notizheft diktiert. Von der Provinzstadt Perpignan fand die Story den Weg in die grossen Pariser Medienhäuser und von dort in die ganze Welt. Die New York Times berichtete aus dem Dorf, ebenso der Spiegel, die Welt, CNN, The Guardian - alle waren sie dort. Sogar Journalisten einer japanischen TV-Station nahmen die beschwerliche, aber landschaftlich umwerfende Reise in den tiefen Süden Frankreichs auf sich.

«Ich habe die Schnauze voll von euch»

In Bugarach steht seither kein Stein mehr auf dem anderen. «Sie sind Journalist? Ich habe die Schnauze voll von euch», schreit mir der Besitzer der einzigen Pension ins Ohr und hängt auf. Andere Dorfbewohner sind gesprächiger: «Wir können uns nicht beklagen, das Geschäft läuft sehr gut», sagt Nathalie Burgat, Mitbesitzerin der «Ferme de Janou», wo man das formidable Sechs-Gang-Menu noch für 28 Euro kriegt. Mit ihrem Mann und den Kindern werde sie vor dem Restaurant nun ein grosses Zelt aufbauen, um die rund um den 21. Dezember erwartete Menschenschar verköstigen zu können.

Wer im Dorf nicht so direkt vom Hype profitiert, wünscht sich vor allem etwas: Ruhe. «Bis vor Kurzem kannte kein Mensch Bugarach. Nun überrennen sie uns», sagt eine ältere Frau, die seit über zwanzig Jahren in der Region wohnt. Sie, das sind neben Esoterikern und Journalisten vor allem Schaulustige. «Wir haben viel über Bugarach gelesen, also wollten wir uns selbst ein Bild vor Ort machen. Es waren ja nur zwei Autostunden von Toulouse», sagt Thierry Cayla und lässt sich – mit grüner Maske vor dem Gesicht – von seinem Kollegen ablichten. Er sei nur etwas enttäuscht, dass man die «Freaks» im Dorf gar nicht so einfach finde, so Cayla. In den folgenden zehn Minuten halten zwei weitere Reisegruppen am Ortseingang. Alle haben sie das gleiche Ziel: Ein Foto vor dem Ortsschild. Wenn nur der «Pech» im Hintergrund nicht so wolkenverhangen wäre.

Wer steckt hinter dem Hype?

Hinter vorgehaltener Hand bezichtigen einige Bewohner die Besitzer des Dorfladens, die Lawine ins Rollen gebracht zu haben. Schliesslich werden dort neben Trockenfleisch und Käse auch allerlei esoterisch angehauchte Artikel verkauft – einschliesslich einer elektromagnetisch aufgeladenen Matratze für über 4000 Euro. Von Abzockerei oder gar einer geschickten Inszenierung wollen die Geschäftsführer Corine und Patrice aber nichts wissen, vielmehr stecke Bürgermeister Delord dahinter, wolle er doch Windräder und Hotels im Dorf aufstellen lassen und sei auf Publizität angewiesen.

Jean-Pierre Delord weist den Vorwurf zurück, er sei nur «auf der Welle gesurft». Aber eins sei klar: «Hätte ich eine PR-Agentur damit beauftragt, unser Dorf so bekannt zu machen, wie es jetzt ist: Es hätte eine Unsumme gekostet.» Viel mehr Kopfzerbrechen bereiteten ihm die Tage rund um den 21. Dezember 2012. Wie viele Menschen glauben tatsächlich an die «moderne Arche Noah»? Wird die bescheidene Infrastruktur des Dorfes dem Ansturm standhalten? «Und was passiert, wenn die enttäuschten Esoteriker am 22. Dezember realisieren, dass alles noch wie zuvor ist?», fragt Delord.

Grossaufgebot von Militär und Polizei

Um der erwarteten Menschenmassen Herr zu werden, hat Delord schon vor Jahresfrist die Behörden ins Bild gesetzt. Der Hilferuf wurde erhört: Wie mehrere Dorfbewohner übereinstimmend berichten, kreisen regelmässig Armeehelikopter um den Berg, um verdächtige Aktivitäten frühzeitig zu erkennen. Die Hoteliers in den Nachbargemeinden kriegen einmal monatlich einen Anruf von den Behörden, die wissen wollen, ob sich konspirative Gruppierungen angemeldet hätten. Und mindestens 100 Gendarmen werden ab dem 17. Dezember die vier Wanderwege auf den «Pic de Bugarach» blockieren. Schliesslich habe man lesen können, dass man sich vom Berg stürzen müsse, um gerettet zu werden, sagt Delord.

Auch Diego und Dennis wollen den 21. Dezember in Bugarach verbringen. Dass die Welt dann untergehe, glauben sie aber nicht. Vielmehr beginne dann «ein neuer Bewusstseinszustand voller Liebe», wie es Dennis mit ernster Miene ausdrückt. Bürgermeister Delord vermag er damit nicht zu überzeugen. «Am liebsten wäre mir ein Haufen Schnee ab Mitte Dezember. Dann kommen garantiert weniger Leute», sagt er und weist darauf hin, dass die vereinbarten zwanzig Minuten Gesprächszeit nun vorüber seien. Vor der Türe des Gemeindehauses wartet ein russisches TV-Team.

Diego und Dennis erzählen von ihren übernatürlichen Erlebnissen auf dem «Pic de Bugarach»:

Diego und Dennis erzählen von ihren übernatürlichen Erlebnissen auf dem «Pic de Bugarach»:

Der «Pech»

Der «Pic de Bugarach», im Volksmund «Pech» genannt, ist eine 1230 Meter hohe Erhebung in Südfrankreich. In Esoteriker-Kreisen wird dem Berg eine besondere Faszination attestiert, Anwohner berichten von okkultischen Zeremonien, die besonders in den warmen Sommermonaten entlang der Wanderwege stattfinden. Insgesamt sind 2011 über 20'000 Personen den Berg hochgestiegen, doppelt so viele wie im Jahr zuvor.

Der «Pech» ist eine geologische Besonderheit: Man spricht vom «umgekehrten Berg», weil unter tektonischem Druck untere Gesteinsschichten an die Oberfläche kamen. Entsprechend ist der Eisengehalt des Gesteins aussergewöhnlich hoch. Im Innern des Bergs gibt es zudem zahlreiche Grotten - für manche Esoteriker ist dies die «Garage des Ufos», für Naturwissenschafter ein ergiebiger Forschungsstandort. (fum)

20 Minuten Online ist live vor Ort

Ob die Welt tatsächlich untergeht und ob nur die Bewohner des südfranzösischen Dorfs Bugarach überleben - auf 20 Minuten Online erfahren Sie es.

Wir werden rund um den 21. Dezember unsere Zelte in Bugarach aufschlagen und live von dort berichten. Wenn nötig bis zur letzten Sekunde.

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