Jugendliebe: Wo fängt Pädophilie an?
Aktualisiert

JugendliebeWo fängt Pädophilie an?

Die Pädophilen-Initiative kommt 2014 vors Volk. Die Gegner warnen vor lebenslangen Berufsverboten aufgrund von Jugendlieben. «Doktor Sex» erklärt die Problematik.

von
Christoph Bernet
Die Politik streitet über den Schutz vor Kindesmissbrauch. Doch wo fängt Pädophilie an?

Die Politik streitet über den Schutz vor Kindesmissbrauch. Doch wo fängt Pädophilie an?

Der Nationalrat hat sich heute mit 97 zu 91 Stimmen dagegen ausgesprochen, die Pädophilen-Initiative zur Ablehnung zu empfehlen. Die Initiative verlangt, dass Personen, welche wegen «Verletzung der sexuellen Unversehrtheit eines Kindes oder einer abhängigen Person» verurteilt werden, ihr Leben lang weder beruflich noch ehrenamtlich mit Kinder arbeiten dürfen.

Zwar sind sich Gegner und Befürworter der Initiative einig, dass Kinder vor Missbrauch geschützt werden müssten. Doch der Wortlaut der Initiative ist umstritten. Die Gegner bezweifeln, dass damit wirklich nur verhindert werde, verurteilten Pädophilen Kinder anzuvertrauen. Sie warnen, dass die Initiative auch bei Fällen von sogenannter Jugendliebe zum Tragen kommen könnte. Von Jugendliebe spricht man beispielsweise, wenn ein 19-Jähriger wegen sexuellen Handlungen mit einer 15-Jährigen verurteilt wird. In der Schweiz liegt das Schutzalter bei 16 Jahren. Sexuelle Handlungen von Erwachsenen mit Kindern unterhalb dieses Alters sind strafbar, ausser der Altersunterschied liegt unter drei Jahren.

Werden die Falschen bestraft?

Für BDP-Ständerat Werner Luginbühl war diese Problematik ein Grund, die Initiative abzulehnen. «Es ist nicht auszuschliessen, dass ein 19-Jähriger, der gerne Lehrer werden möchte, sich wegen einer solchen Geschichte beruflich umorientieren muss», gibt er zu bedenken. SVP-Nationalrat Oskar Freysinger sitzt im Initiativkomitee. Er wischt diese Bedenken vom Tisch. «Uns geht es darum, Kinder vor Missbrauch zu schützen». Niemand wolle, dass ein 19-Jähriger mit einem Berufsverbot wegen Pädophilie belegt wird, weil er mit einer 15-Jährigen Sex hatte. Wenn die Initiative angenommen würde, müsse das Parlament diese Probleme bei der Ausführungsgesetzgebung lösen. Dazu würden auch die Initianten Hand bieten.

Schwierige Abgrenzung

Doch macht es Sinn, bei sexuellen Handlungen zwischen 19-Jährigen und 15-Jährigen von Pädophilie zu sprechen? Bruno Wermuth, Sexualpädagoge und «Doktor Sex» bei 20 Minuten, weist darauf hin, dass solche Fälle nichts mit der diagnostischen Definition von Pädophilie zu tun haben. Er geht davon aus, dass junge Menschen in einem ähnlichen Entwicklungsstadium wahrscheinlich nicht als Erstes aufs Alter schauen, wenn sie sich aufeinander einlassen. Zudem bestehe wahrscheinlich in der Mehrzahl der Fälle zwischen einer 15-Jährigen und einem 19-Jährigen kein so grosser Entwicklungsunterschied, dass die jüngere Person zwangsläufig geschädigt würde. Sobald aber ein eindeutiges Machtgefälle oder ein Abhängigkeitsverhältnis bestehe, werde es sofort sehr problematisch.

Weil viele Betroffene über die gesetzlichen Regelungen nicht Bescheid wüssten, sei ihnen auch nicht klar, dass Sex in dieser Alterskonstellation streng nach Gesetz verboten ist. Die Differenz von fünf Jahren in der Altersspanne von 15 bis 20 sei deshalb aussergewöhnlich und auch potenziell problembehaftet, weil nicht eindeutig feststellbar sei, wer in welchem Alter noch ein Kind und damit schutzbedürftig ist, und wer schon als erwachsen gelten könne: «Nicht jeder 15-Jährige ist noch ein Kind und nicht jede 19-Jährige ist schon erwachsen». Die Altersgrenze würde deshalb nicht davor schützen, in jedem Fall genau hinzuschauen und diesen spezifisch zu beurteilen, meint Wermuth.

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