New Yorker Sitten: Wo Frauen einen Bonus fürs Haushalten kriegen
Aktualisiert

New Yorker SittenWo Frauen einen Bonus fürs Haushalten kriegen

Die Frauen der Superreichen an Manhattans Upper East Side kriegen jährliche Boni von den Ehemännern. Jetzt rechnet eine Ethnologin mit den so genannten «Glam SAHM» ab.

von
Martin Suter
New York
New York - glitzerndes Mekka der Superreichen. Die Frauen pflegen oft einen konservativen Lebensstil und lassen sich von ihren Männern Boni auszahlen.

New York - glitzerndes Mekka der Superreichen. Die Frauen pflegen oft einen konservativen Lebensstil und lassen sich von ihren Männern Boni auszahlen.

«Ich sag dir mal was über die sehr Reichen», schrieb F. Scott Fitzgerald vor fast hundert Jahren. «Sie sind anders als du und ich.» Der berühmte Schriftsteller könnte denselben Satz noch heute sagen. Wie die Ethnologin Wednesday Martin am Sonntag in der «New York Times» unter dem Titel «Poor Little Rich Women» schrieb, sind die Frauen in Manhattans Geldadel eine ganz besondere Spezies: Sie arbeiten nicht, bleiben unter sich – und kriegen jedes Jahr von ihren Männern einen Bonus für Mutterdienste und gutes Haushalten.

Die Autorin wird nächsten Monat in ihrem Buch «The Primates of Park Avenue» detaillierter beschreiben, was ihre mehrjährigen Feldforschungen in Manhattans Upper East Side ergaben. Martin lebte früher im Greenwich Village und zog später mit ihrer Familie selbst ins traditionelle Reichenquartier.

«Glam SAHM» und der Bonus von den Ehemännern

Bei ihren Treffen mit anderen jungen Müttern stiess sie auf Frauen mit guten Uni-Abschlüssen, die aber nicht mehr arbeiten, weil sie es nicht mehr nötig haben. Auf ihr Äusseres legen sie enormen Wert, sie perfektionieren ihre Bodys an Spinning-Sessions im Gym und hüllen sich in teures Tuch aus Edelboutiquen der Madison Avenue. Ihre typischerweise drei bis vier Kinder zum Erfolg in höchsten Gesellschaftskreisen hochzuziehen, ist ein Riesenjob, den Soziologen «Intensive Mothering» getauft haben.

Die «Glam SAHM» – «Glamorous stay-at-home mums», glamouröse daheimbleibende Mütter – bewegen sich laut Martin am allerliebsten in Frauengesellschaft. Selbst an Dinnerpartys ziehen sie weibliche Gesprächsrunden den Männerzirkeln vor. Ihr organisatorisches Talent brauchen sie fürs karitative Pensum bei Wohltätigkeitsanlässen. Und wenn sie ihre Jobs als Supermütter und Haushaltsoberhäupter gut verrichten, erhalten sie am Ende des Jahres von ihren Gatten einen Bonus, der ihren finanziellen Spielraum erweitert.

Nicht alle wollen dazugehören

Die Rede von den angeblichen Frauenboni stimme so nicht, haben kritische Stimmen umgehend angemerkt. Auf der Website der Frauenzeitschrift «Elle» protestiert die ebenfalls im Nobelviertel lebende Blair Schmaldorf, sie sei «keine arme kleine reiche Frau». Sie empört sich über den «vereinfachenden und sensationalistischen Klick-Köder» von Wednesday Martin.

Als Vollzeitbeschäftigte in einem Executive-Job könne sie sich ein Leben ohne Erwerbsarbeit nicht vorstellen, schreibt Schmaldorf. Ebenso wenig könnten das ihre Freundinnen und Bekannten. Bei den angeblichen Boni handle es sich wahrscheinlich um ein auch aus anderen Kreisen bekanntes Verhalten: «Paare warten für grosse Anschaffungen oft, bis die Boni eintreffen.»

Altmodische Demografie

Zumindest in ihrer Verkürzung weist Wednesday Martins Ethnographie von New Yorks Reichenkaste Elemente einer Karikatur auf. Doch ihre Grundthese ist überzeugend: In den obersten Schichten der Finanzaristokratie herrschen bemerkenswert konservative Sozialsitten, die sich Familien der Mittelklasse schlicht nicht leisten können. Die getrennten Geschlechtswelten und die wirtschaftliche Abhängigkeit der Frauen von ihren Männern sind für die Feministin Martin natürlich ein Stein des Anstosses.

Aber Kritikerin Schmaldorf hat sicher recht, wenn sie Martins beschränktes Forschungsterrain der Upper East Side beklagt. In den letzten Jahrzehnten hat sich New Yorks Demografie stark verändert, und Ableger des Geldadels gibt es jetzt auch in anderen Stadtteilen. Vielleicht hätte die Autorin dort vielfältigere Frauenschicksale angetroffen.

Deine Meinung