Aktualisiert 05.07.2012 11:08

Auf dem SachensringWo für Tom Lüthi vor 10 Jahren alles begann

Vor zehn Jahren hat auf dem Sachsenring eine der grössten Schweizer Motorsportkarrieren begonnen. Jetzt kehrt Tom Lüthi dorthin zurück.

von
Klaus Zaugg
Sachsenring

Der Baselbieter Daniel M. Epp hat im Sommer 2002 seine Vermögensbildung mit einer Handelsfirma für Autoersatzteile in Osteuropa fast abgeschlossen und kümmert sich intensiver um sein Hobby Motorradrennsport.

Er hat in der internationalen Deutschen Meisterschaft IDM 125 ccm endlich einen Schweizer entdeckt, von dem er glaubt, dass sich eine Investition lohnt: Den Bauernbuben Tom Lüthi (16), grad der Sekundarschule entwachsen. Er ermöglicht dem Emmentaler am 19. Juli 2002 auf dem Sachsenring den ersten GP-Einsatz auf einer 125er-Honda. Tom Lüthi ist Ersatzfahrer für den verletzten Tschechen Jakub Smrz, wird im Training unter 33 Piloten 27. und im Rennen 26. Es ist der Auftakt zu einer Karriere, die auch zehn Jahre und 155 GP später noch nicht zu Ende ist. Zehn Jahre Tom Lüthi im GP-Zirkus - die Meilensteine:

- Am 8. September 2002 holt Tom Lüthi beim GP von Portugal in Estoril bereits in seinem dritten GP die ersten WM-Punkte (8.). Daniel M. Epp weiss jetzt: Er hat ein Jahrhunderttalent entdeckt.

- Am 15. Juni 2003 klettert Tom Lüthi beim GP von Katalonien in Barcelona als Zweiter hinter Dani Pedrosa erstmals aufs Podest.

- Am 19. Mai 2005 gewinnt Tom Lüthi in Le Mans seinen ersten GP.

- Am 6. November 2005 holt Tom Lüthi beim letzten Rennen der Saison in Valencia als erster Schweizer seit Stefan Dörflinger (80 ccm/1985) einen Solo-WM Titel. Er ist der jüngste Schweizer Weltmeister aller Zeiten und wird im gleichen Jahr vor Roger Federer auch Sportler des Jahres.

- Für die Saison 2007 Umstieg in die Klasse 250 ccm. Erster 250er-GP am 10. März 2007 in Doha (4. Platz).

- Am 1. Juni 2008 fährt Tom Lüthi beim GP von Italien in Mugello erstmals in der 250er-Klasse aufs Podest (3.). Seine beste Klassierung in der 250er-Klasse ist der 2. Platz beim GP von Holland in Assen am 28. Juni des gleichen Jahres.

- Für die Saison 2010 Umstieg in die Klasse Moto2. Erstes Moto2-Rennen am 11. April 2010 in Doha (7. Platz).

- Bereits am 2. Mai 2010 fährt Tom Lüthi in seinem zweiten Moto2-Rennen beim GP von Spanien in Jerez erstmals aufs Podest (3.).

- Am 23. Oktober 2011 gewinnt Tom Lüthi in Sepang seinen ersten Moto2-GP.

- Am 3. Juni 2012 ist Tom Lüthi nach einem 2. Platz beim GP von Katalonien in Barcelona erstmals WM-Leader in der Moto2-WM.

Kein Haudegen, sondern Stilist

Tom Lüthi fährt am Sonntag auf dem Sachsenring seinen 156. GP. Aus dem «Kinderstar» von 2005 ist ein selbstbewusster junger Mann geworden. Geblieben ist seine Leidenschaft für den Sport. Inzwischen ist er einer der populärsten Schweizer Sportler. Er hat im GP-Zirkus Starstatus und gehört zu den besten 20 Töffpiloten der Welt. Er ist jedoch kein Haudegen. Sondern ein hochtalentierter Stilist. Seine Kritiker monieren, er lasse sich von seinen bisweilen wilden Gegnern einschüchtern. Seine Anhänger halten dagegen, er sei einer der intelligentesten Piloten und fahre mit Köpfchen.

Das hat Lüthi falsch gemacht, das richtig

Was hat er in diesen zehn Jahren richtig gemacht? Was falsch? In der Fachzeitschrift «Speedweek» hat er Bilanz gezogen.

- Den Titel von 2005 hat ihn etwas aus dem Gleichgewicht gebracht. «Die WM-Saison ist eine unglaubliche Geschichte. Ich kann von einigen Rennen bis heute nicht sagen, warum ich sie gewonnen habe oder warum ich dort so schnell war. Es hat einfach geklappt. Nach dem Titelgewinn sind zu viele Eindrücke auf mich zugekommen. Die vielen Leute, die vielen Anlässe, das war einfach zu viel für mich. Ich war überfordert, mein Umfeld auch. Der Rummel wollte kein Ende nehmen. Ich hatte einfach im Winter nicht genug Ruhetage.»

- Die Titelverteidigung gelang 2006 nicht (8.). «Ich will dafür nicht den strapaziösen Winter 2006 verantwortlich machen. Im Rückblick ist mir klar, dass wir nach dem Titelgewinn sofort hätten in die 250er-Klasse aufsteigen müssen. Aber die Finanzierung war nicht möglich.»

- In der 250er-WM konnte er nie um den Titel fahren. Aber er habe nie Zweifel gehabt. «Ans Aufhören habe ich nie gedacht. Ich habe immer gedacht: Es geht bald wieder. Viele erfahrene Leute haben mich damals zum Weitermachen ermuntert und mich wieder motiviert. Das nahe Umfeld stand immer zu mir.»

- Daniel M. Epp ist seit dem ersten GP nicht nur sein persönlicher Manager. Sondern auch Manager des Rennteams. Eine unübliche Konstellation, die mit ziemlicher Sicherheit eine optimale persönliche Vermarktung erschwert hat: Es gelang Tom Lüthi lange Zeit nicht, seine Popularität zu kapitalisieren und noch vor zwei Jahren blieben ihm am Ende der Saison nicht einmal 100 000 Franken netto. Inzwischen kann er mit entsprechenden Leistungen sein Einkommen verdoppeln. Doch im kleinen Schweizer Markt kommt er bei weitem nicht an das Geld der Stars aus Italien und Spanien heran, die alle eine Million und mehr verdienen. Er sagt über die Zusammenarbeit mit seinem Manager: «Es hat schon Situationen gegeben, wo ich mich gefragt habe, ob das richtig ist. In Sachen Verhandlungen und Geldverdienen. Das sage ich offen. Es war ein Interessenskonflikt für ihn. Wir haben das allerdings in den Griff bekommen. Wir haben alles auf den Tisch gelegt und neu aufgerollt. Das ist noch gar nicht so lange her. Es war im vorletzten Winter, als meine Freundin Fabienne neu ins Spiel gekommen ist. Sie hilft mir da extrem. Ich habe einige Saläre von Moto2-Piloten gehört und gedacht: Ich hoffe, jetzt, es ist nicht wahr ...Ich habe jetzt gute Bonusverträge. Wenn ich weiterhin vorne mitfahren kann, dann lohnt es sich. Vielleicht hätte ich schon früher eine zweite Person an meiner Seite haben sollen, damit es mehr Geld gegeben hätte. Trotzdem würde ich wieder an Daniel festhalten, wenn ich noch einmal von vorne anfangen könnte.»

Tom Lüthi hat in seiner Karriere bisher bei allen Stürzen Glück im Pech gehabt und ist nie so schwer verletzt worden, dass seine Karriere in Gefahr geraten wäre. Mehrere Schlüsselbeinbrüche haben aber hin und wieder vorübergehend seine Fitness und Konkurrenzfähigkeit eingeschränkt, zuletzt vor zwei Jahren.

Tom Lüthi

6. September 1986. - 150 GP (67 125er/47 250er/40 Moto2). – 7 Siege (5 125er/2 Moto2) – 25 Podestplätze (10 125er/2 250er/13 Moto2).

WM-Klassierungen

2002: 27. (125 ccm)

2003: 15. (125 ccm)

2004: 25. (125 ccm)

2005: Weltmeister (125 ccm)/4 Siege

2006: 8. (125 ccm)/1 Sieg

2007: 8. (250 ccm)

2008: 11. (250 ccm)

2009: 7. (250 ccm)

2010: 4. (Moto2)

2011: 5. (Moto2)/1 Sieg

2012: 4. WM-Zwischenklassement

(31 Punkte Rückstand auf WM-Leader Marc Marquez)

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