Wo ist der «Gentleman-Ganove»?
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Wo ist der «Gentleman-Ganove»?

Wenige Tage nach den Kunstrauben in Zürich und Pfäffikon wird auch der grösste Meisterdieb aller Zeiten gesucht. Ob er etwas mit der Tat zu tun hat, ist völlig offen. Es würde so gar nicht zu ihm passen.

Seine Begeisterung für Kunstwerke beschrieb er einmal so: «Ich bin jemand, der nachts um drei aufsteht, um ein Bild anzusehen». Und wenn er in den Museen vor den Bildern stand, brach er manchmal in Tränen aus angesichts von so viel Schönheit.

Stéphane Breitwieser, der schmächtige Elsässer mit den blauen Augen, gilt als der wohl grösste Meisterdieb aller Zeiten. Innerhalb von sieben Jahren, zwischen 1994 und 2001, entwendete er mindestens 239 Kunstwerke. Breitwieser behauptete später, es seien gegen 300 gewesen, die Polizei habe sich bei seiner Festnahme aber nur für die «wirklich wertvollen» Werke interessiert. Der Wert der entwendeten Kunst kümmerte den Meisterdieb allerdings nie. Eine Privatsammlung wollte er sich schaffen. Eine, die nur er anfassen und stundenlang von seinem Himmelbett aus betrachten konnte. «Ich habe gestohlen aus Liebe zur Kunst», erklärte er später. Die Kunst staute sich bei ihm im Zimmer.

Wo ist Breitwieser?

Ob die Liebe zur Kunst ihn wieder zum Kunstdieb werden liess? Die Zürcher Polizei geht nach eigenen Angaben einem Hinweis nach, der Breitwieser betreffe. Er sei seit Tagen verschwunden. Auch der Verlag «Anne Carrière» in Paris, wo der Meisterdieb nach seiner vierjährigen Gefängnisstrafe das Buch «Geständnisse eines Kunstdiebs» herausgab, hat keinen Kontakt zu ihm, wie es auf Anfrage heisst. Aber hat er wirklich zugeschlagen? In dieser dreisten Art, mit Waffengewalt? Zweifel sind zumindest angebracht.

Denn Breitwieser war kein Kunstdieb, der sich mit Waffengewalt die Werke, die ihm «wirklich gefielen», aus den Museen holte. Er trat bei seinen Raubzügen als Kunstkenner auf, trug Lackschuhe und ein gebügeltes Hemd, kombiniert mit einer Boss-Jacke oder einem Armani-Mantel, bezahlte ein Ticket, überprüfte die Sicherheitsvorkehrungen und schlug dann zu. Sekundenschnell knackte er ungesicherte Glasvitrinen oder kappte Nylondrähte, versteckte die Kunstwerke unter der Jacke und spazierte am Kassenhaus vorbei – oft mit einem höflichen Gruss auf den Lippen. Breitwieser wurde später das Etikett «Gentleman-Ganove» verliehen. Das war freilich nach seiner Verhaftung.

Eine Rückkehr zuviel

Am 20. November 2001 machte sich Breitwieser auf zum Richard-Wagner-Museum in Luzern. Tags zuvor hatte er ein Jagdhorn im Wert von rund hunderttausend Franken entwendet. Doch an diesem Morgen, kurz nach neun Uhr, kam er zurück. Er wollte seine Fingerabdrücke wegwischen. Es war eine Rückkehr zuviel, die Polizei schnappte zu. Allerdings dauerte es Wochen, bis die Polizei begriff, wen sie da wirklich vor sich hatte. Und nach weiteren Wochen durchsuchte die Polizei Breitwiesers Wohnung. Sie kam etwas zu spät. Die Mutter versenkte einen Grossteil der Beute im Rhein-Rhône-Kanal. Den Rest soll sie zerschnitten und in den Müll geworfen haben. Breitwieser beteuerte, es gebe kein Depot, etwa im Wald. Für den Verlust der Kunstwerke bezahlt er bis heute.

Kaum aus dem Gefängnis, wurde sein BMW gepfändet. Mehrere Millionen Euros muss er an die beraubten Kunstsammler zurückbezahlen. Von seinem Lohn, den er zuletzt auf einem Bauernhof in der Nähe von Strassburg verdiente, wurden monatlich einige hundert Euros abgezwackt. Eine eigene Wohnung hatte er nicht. «Ich lebe abwechselnd bei meinen Grosseltern, meinem Vater und meiner neuen Freundin», sagte er noch im letzten Oktober.

Verdächtiger auf Lebenszeit

Und nun steht er wieder auf der Liste der Verdächtigen. So, wie er das nach seiner Haftentlassung bei jedem Kunstdiebstahl stand, der in Frankreich stattfand. Dass er nach wie vor ein Einreiseverbot für die Schweiz hat, entkräftigt den Verdacht noch nicht. So soll er im März 2006, kurz nach seiner Haftentlassung, in Freiburg gesichtet worden sein. Eines spricht allerdings gegen Breitwieser als beteiligten Kunsträuber der Bührle-Werke: Die Art und Weise des Überfalls vom Sonntag entspricht so gar nicht der eines «Gentleman-Ganoven». Ob er allenfalls mit dem Raub der Picasso-Bilder aus dem Seedamm-Kulturzentrum in Pfäffikon vor einigen Tagen in Verbindung gebracht werden kann, ist ebenfalls offen. Breitwieser machte nie einen Hehl daraus, dass ihm die Picasso-Gemälde nicht gefallen. Als grösster Meisterdieb aller Zeiten wird er aber wohl ein Verdächtiger auf Lebenszeit bleiben.

Oder hat es ihn tatsächlich wieder gekribbelt? Als er im letzten Jahr im Musée de L'Oevre Notre Dame in Strassburg ein ungesichertes Lucas-Cranach-Bild bestaunte, gestand er später: «Ich habe am ganzen Körper gezittert, kalte Schauer sind über meinen Rücken gejagt».

(meg)

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