Bonaparte in Asien: Wo man für Gigs Kopf und Kragen riskiert
Aktualisiert

Bonaparte in AsienWo man für Gigs Kopf und Kragen riskiert

Wenn Bands aus der westlichen Hemisphäre in Asien spielen wollen, ist das kein einfaches Unterfangen. Bonaparte, die Band um den Berner Tobias Jundt, hat es trotzdem gemacht.

von
Neil Werndli

Nachdem sie bereits die Schweiz, Deutschland, Russland und die USA bespielt haben, suchen Bonaparte neue Bühnen für ihre Kult-Show. Vergangenen November zog es das Kollektiv um Tobias Jundt deshalb nach Asien. Vietnam, Thailand, China – von der Haupstadt bis in die Provinz. Im Interview mit 20 Minuten berichtet Jundt von ihrer schrägen Tour.

Was stellen sich für Hürden, bevor man als westliche Band im asiatischen Raum spielen kann? Ich kann mir vorstellen, dass der bürokratische Aufwand enorm ist.

Tobias Jundt: Schon für die USA war das damals ein sehr demütigender, bürokratischer Aufwand – ein Bücken vor der Übernation. Aber immerhin war das machbar. Für China ist es als Künstler fast unmöglich, eine Arbeitserlaubnis zu bekommen. Man ist von Anfang an gezwungen, eine Art Kartenhaus zu bauen, und reist ein als das, was man nebenher so tut – etwa Kellner oder Hausmann. Der Mechanismus dahinter: Alles ist gut, bis es plötzlich nicht mehr gut ist. Man hätte für den Fall der Fälle etwas gegen dich in der Hand.

Wie verändert sich deine Message in einem Land wie China? Ein Song wie «Anti-Anti» bedeutet in einem Zürcher Club kaum dasselbe wie in der asiatischen Provinz.

Der gleiche Song in einem neuen Land ist auch ein absolut neuer Song. Je nach politischer Situation kann ein ironischer Text plötzlich sehr ernst werden oder umgekehrt. Meistens wird es mir aber erst dann bewusst, wenn ich das ins Mikrofon schmettere. Grosses Gedankenkino während des Konzertes: «Habe ich das wirklich gerade gesagt?»

Wird die künstlerische Freiheit eingeschränkt? Gibt es Elemente in eurer Show, auf die du verzichten musstest wegen der politischen Begebenheiten?

Das einzige Land, in dem wir zensiert wurden, war Vietnam. In Hanoi hat die Polizei mitten in der Show die Anlage ausgeschaltet. Da mein Verstärker und mein Monitor aber noch liefen, habe ich es gar nicht gemerkt und die Show ging weiter. Wir nehmen aber immer Rücksicht auf die Veranstalter – sie riskieren schliesslich mit viel Herzblut Kopf und Kragen, nur um Konzerte veranstalten zu können.

Du magst es, aus deiner Comfort-Zone auszubrechen - ich nehme an, das war auch einer der Gründe für die Asientour: Du musstest da wieder bei null anfangen.

Das Schlimmste, was einem Künstler passieren kann, ist im Hamsterrad der eigenen Lorbeeren zu drehen. Publikumsmässig hatten wir in Hongkong den Höhepunkt mit ein paar Tausend Nasen. Wir haben aber auch in der Provinz gespielt vor ein paar Dutzend Leuten. Aber gerade bei diesen Gigs alles zu geben, ist am Ende gesund für das Ego.

Was stellst du für Unterschiede bei den Konzertgängern fest?

Plakativ ausgedrückt: In den USA etwa spielen pro Abend sechs Bands – in China vielleicht eine pro Woche. Am einen Ort hast du also eine Art Abgeklärtheit, am anderen ein enthusiastisches Feuer. Lustigerweise denkt das Publikum in China, der Gig sei zu Ende, wenn man mal von der Bühne verschwindet. Dieses ganze Spiel um Zugaben findet nicht statt. Du spielst wilde Musik – sie feiern wild mit. Du verlässt die Bühne – sie gehen nach Hause.

Ich kann mir vorstellen, dass es zu unzähligen absurden Situationen gekommen ist. Was ist dir besonders geblieben?

Ein Running Gag war, dass alle Hotels komischerweise immer renovierten. Auch wenn sie gerade erst eröffnet worden waren. Einmal wurde sogar morgens um sieben Uhr mit einem Presslufthammer ein wenig renoviert. Und in einem Hotel fehlte einfach der erste Teil der Treppe. Der ist mal kurz weggebrochen. Unser Keyboarder war zudem jeden Tag gefühlte zweimal im Krankenhaus. Und da wird nicht etwa angestanden – wer am lautesten schreit, kommt zuerst an die Reihe. Aber ich mag den Umstand, dass man gezwungen ist, sich einfach anzupassen.

Bonapartes Hymne auf das Selfie (Quelle: Youtube.com / tim fite).

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