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Kult-ObjektWo Schwarz-Weiss total angesagt ist

Sein letztes Stündchen hat schon oft geschlagen. Doch heute ist er Kult und beliebter denn je. Ein Besuch beim letzten analogen Schwarz-Weiss-Fotoautomaten der Schweiz.

von
Felix Burch

Autos hupen, Trams quietschen, Menschen hetzen über Fussgängerstreifen. Es ist hektisch an diesem sonnigen Herbstmittwoch am Goldbrunnenplatz in Zürich. «Können Sie mir diese Zehnernote in Einfränkler wechseln?», fragt eine Teenagerin die Kioskfrau. «Nein, ich habe keine mehr wegen diesem Fotoautomaten», antwortet sie. Mit «diesem Fotoautomaten» meint die Dame den alten analogen Schwarz-Weiss-Kasten, der nur wenige Schritte entfernt an der idyllischen Goldbrunnenstrasse steht.

Zwei Beinpaare sind auf dem winzigen Stuhl hinter dem Vorhang des Automaten auszumachen. «Wie ist meine Frisur, soll ich die Haare zusammenbinden?», tönt es daraus. «Alles super, sitze jetzt ruhig», antwortet eine andere Stimme, dann blitzt es. Insgesamt viermal werden die beiden abgelichtet und vier Minuten müssen sie danach warten, bis sie ihre Schwarz-weiss-Abzüge bekommen.

Vier Fotos, ein Franken

Gleich sechs Jugendliche sitzen auf dem Mäuerchen neben dem Automat. Auch sie warten auf ihre Filmstreifen. Mirco (21) stört das überhaupt nicht. Im Gegenteil: «Entweder lese ich ein bisschen, schreibe SMS oder quatsche mit Leuten, wie jetzt.» Er habe hier schon mehr als einmal wildfremde Personen kennengelernt, einige treffe er noch immer regelmässig.

Zwei Freundinnen (12 und 13 Jahre alt) kichern, während sie die Fotos betrachten, ihre Faxen sind offenbar gelungen. «Hier können wir für fünf Franken 20 Fotos schiessen», sagt die 13-Jährige, die im Quartier wohnt. Deshalb komme sie immer wieder hierher. Bei den neuen Automaten müsse man fünf Franken zahlen, was viel zu viel sei. Man sollte wieder mehr Schwarz-weiss-Fotoautomaten aufstellen, meint ihre Freundin. Beide bewahren die Fotostreifen nicht im Portemonnaie auf, wie das früher ein Muss war, die Abzüge hängen sie zuhause an die Wand.

Einst standen 150 Automaten in der ganzen Schweiz

Einfach nur altmodisch findet Christoph Balke den Automaten und die Fotos, die dieser ausspuckt. Der ältere Mann wohnt über der Maschine der Schnellphoto AG und dies nicht zufällig. Balke war der Geschäftsführer der Firma, in den 60er-Jahren importierte sein Bruder den ersten Automaten aus den USA. Die Brüder begannen zu tüfteln und entwickelten in ihrer Werkstatt in Zürich ihre eigene Fotomaschine.

Zu den besten Zeiten standen rund 150 Automaten in der Schweiz, damals machten die Balkes Geld mit den Maschinen. «Das ist lange her», sagt Balke, der auch an diesem Mittwoch beim Automaten anzutreffen ist und keine Interviews mehr geben will. «Über mich und die Automaten wurde früher genug geschrieben.» Dann spricht er trotzdem, und das etwa 30 Minuten lang: «Das Ganze ist vorbei.» Heute habe jeder ein Handy und eine Digitalkamera. Man müsse vorwärts schauen, mit der Zeit gehen. «Wir kommen, wir gehen und so ist es auch mit den analogen Schwarz-weiss-Automaten.»

«Jeder Tag kann der letzte sein»

Der über 80-Jährige versteht nicht, warum der letzte Automat der Schweiz Kult sein soll und warum gar Leute aus anderen Städten des Kastens wegen nach Zürich reisen. Charmant findet er die Analogtechnik und den Geruch nach faulen Eiern nicht. Trotzdem kümmert er sich um den Automaten, wartet ihn, wechselt die Chemikalien, ergänzt das Fotopapier.

Ausser ihm wisse niemand mehr, wie das gehe. «Alle sind weggestorben», zudem neige sich der Materialvorrat langsam dem Ende zu. Wann also ist definitiv Schluss, wann spuckt das Kultobjekt seinen letzten Streifen aus? «Das kann schon morgen der Fall sein», so Balke. Dies sagt er allerdings bereits seit Jahren.

Simon Zangger ist 21 Jahre alt und lebt in Zürich. Der Fotograf wollte schon immer wissen, was sich hinter dem Vorhang von Fotoautomaten abspielt. Deshalb verbrachte er acht Stunden vor dem Kasten an der Goldbrunnenstrasse in Zürich Wiedikon und fragte Passanten, ob sie sich im Automat fotografieren lassen und ihm die Schwarz-Weiss-Fotos zeigen. Entstanden ist eine Bildserie mit 25 Personen. Vertreten sind alle Altersklassen.

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