Assen heute und gestern: Wo sind die Boxenluder geblieben?
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Assen heute und gesternWo sind die Boxenluder geblieben?

Das verrückteste Töffrennspektakel der Welt in Assen, ist nicht mehr, was es früher war. Es gibt nicht einmal mehr richtige Boxenluder - aber etwas bleibt für immer bestehen.

von
Klaus Zaugg
Assen
Echte Boxenluder gibt es keine mehr im Töff-Sport. Die Grid Girls sind gebuchte Models.

Echte Boxenluder gibt es keine mehr im Töff-Sport. Die Grid Girls sind gebuchte Models.

Was Wimbledon im Tennis, Kitzbühel im Ski oder Monte Carlo in der Formel 1 – das ist Assen für den Töffrennsport: eine Kultstätte. 1976 schrieb Niklaus Meienberg (1940-1993) seine berühmte Reportage «Blochen in Assen, und auch sonst». Ein Augenschein, wie sich Assen 35 Jahre später präsentiert.

Assen hat seine wilde Romantik verloren. Heute wird nicht mehr auf der Originalstrecke (5,997 Kilometer) geblocht. Die neue Töffrennbahn ist um mehr als einen Kilometer verkürzt - aber wenigstens wird sie auch heute nicht durch die Formel 1 geschändet und entweiht.

Aus einem verrückten Wettrennen auf Höllenmaschinen aus Eisen und Chrom zwischen Töfflibuben im Mannesalter ist eine Mischung aus Surfen im Internet, Raumfahrt und Rasen mit Hightech-Geschossen geworden. Schneller geht es inzwischen fast nicht mehr, nicht einmal mehr drüben in Amerika, in Daytona oder sonst wo.

Vom charismatischen Haudegen zum gläsernen Chauffeur

Die Fünfhunderter-Zweitakter, einst kaum zu bändigen, weil ihre Kräfte unkontrolliert eruptierten, wären heute lahme Enten, ein Haufen Alteisen. Inzwischen stehen an der Spitze der Benzin-Verbrennungspyramide die Viertakter mit achthundert Kubik und über 250 PS, hundert mehr als die Generation von Giacomo Agostini, Bruno Kneubühler & Co. in den Zeiten Meienbergs zu meistern hatte. Sensoren erfassen während der Fahrt jede Bewegung des Töffs, die Stellung des Gasschiebers, das Eintauchen der Federbeine beim Bremsen, das Tempo, die Tourenzahlen, die Temperatur, den Spritverbrauch. Am Computer werten die Ingenieure im klimatisierten Truck die Daten aus, Techniker in weissen Handschuhen hantieren in der Box wie Chirurgen im Operationssaal, der Fahrer bleibt draussen, schrauben am Töff ist für ihn tabu, er ist vom charismatischen Haudegen zum gläsernen Chauffeur geschrumpft.

Die Gnade der Ausrede ist ihm heute verwehrt, und wenn er von heldenhaft gemeisterten Rutschern am andern Ende der Rennbahn erzählen will, weist ihm ein randlosbebrillter Ingenieur anhand von Diagrammen und Zahlenkolonnen am Bildschirm gnadenlos nach, dass er bloss zu früh gebremst oder zu spät beschleunigt hat. Das Risiko ist so auf ein Minimum reduziert.

Stürze wie motorisierte rhythmische Sportgymnastik

Selbst die Zweitakter der kleinsten Kategorie, die 125er, die früher schon blockierten, wenn sie in einer Senke ein bisschen sauerstoffreichere Luft atmeten, gehen nicht mehr fest, die Angst vor dem Kolbenklemmer ist überwunden, die Angst vor Verstümmelung und Tod auch und ab nächster Saison gibt es gar keine Zweitakter mehr. Die 125er werden durch die Kategorie Moto3 ersetzt.

Wer stürzt, prallt in Assen nicht mehr in Drahtzäune oder steinharte Strohballen. Weiträumige Sturzzonen sind mit weichen Luftkissen begrenzt und in Zeitlupe sieht die akrobatische Trennung von Mensch und Maschine elegant, harmonisch und ungefährlich aus wie motorisierte rhythmische Sportgymnastik.

Bräute der Rennfahrer sind auch seriös geworden

Nicht einmal mehr die Boxenluder sind Boxenluder wie zu Meienbergs Zeiten. Sie sind in Assen ein Teil der grössten optischen Täuschung, seit Frauen zu kommerziellen Zwecken im Rahmen von Sportveranstaltungen abgebildet werden.

Einst erschlichen sich die echten Bräute in Assen den Zugang zum Fahrerlager, um einen Asphaltcowboy zu verführen. Für eine Zugangsberechtigung gaben sie sich notfalls vorher einem ungewaschenen Mechaniker oder perversen Ordner hin.

Heute werden die Boxenluder bei seriösen Model-Agenturen geordert und in leise rollenden Limousinen ins Fahrerlager geleitet. Brav stellen sie sich beim Start in den Uniformen der Sponsoren auf und wenn Feierabend ist, verschwinden sie wieder nach Hause oder ins Hotel. Da ist nicht mehr Sex im Spiel als bei den Ehrendamen, die den Bundespräsidenten beim Eidgenössischen Schwingfest empfangen. Ja, die Bräute der Rennfahrer sind auch seriös geworden. Sie werden in die Teamarbeit eingebunden und müssen arbeiten. Fabienne Kropf, die schöne Freundin von Tom Lüthi, eine ehemalige Miss Bern, hilft beim Ordnen der Medientermine und geht Teammanager Daniel M. Epp bei der administrativen Arbeit zur Hand.

Vom Campingplatz zum eingezäunten Hightech-Park

Woher sollten echte Luder in Assen auch kommen? Der Zugang zum Fahrerlager wird strengstens kontrolliert, Zutritt haben nur die Besitzer der kreditkartengrossen Hundemarken, und die werden streng nach Funktionen verteilt, farblich zugeordnet den Fahrern, Technikern, Reportern und Ludern, die keine mehr sind, sondern Hostessen heissen und nur noch angeschaut und gefilmt, aber nicht mehr berührt und geküsst und verführt werden dürfen.

Das Fahrerlager in Assen ist sowieso nicht mehr das Lager der Fahrenden, der Campingplatz auf dem Planeten Töff. Es ist ein eingezäunter Hightech-Park mit angrenzendem Sponsoren-Disneyland und aus Verpflegungsständen sind Fress-Paläste geworden. Die Trucks schön eingereiht in Reih und Glied wie im AMP. Die Stars wohnen nicht mehr in Zelten oder klapprigen Wohnwagen, sie hausen in klimatisierten, riesigen Wohnmobilen, die von fest angestellten Truckern von Rennplatz zu Rennplatz gefahren werden.

Fahrer leben auf ihrem Planeten

Längst sind auch die Seitenwagenhaudegen aus dem Fahrerlager und von der Rennstrecke verbannt, die Zelte und Wäscheleinen sind verschwunden und strengstens untersagt, Haustiere sowieso. Es sind ja nicht mehr die tapferen Freundinnen und Frauen, die eine Fahrerkarriere managen, mit Kind und Kegel nach Assen mitfahren, beim Schrauben helfen und kochen und trösten und verbinden und ängstlich und Fingernägel kauend im Wohnwagen den Ausgang des Rennens abwarten.

Die Piloten sind heute eingebettet in Teams, umsorgt von Managern, Mentaltrainern, Masseuren und Köchen, und die Freundinnen sind selbstbewusste Modemäuse, die um jeden Töff herum einen grossen Bogen machen aus Angst, die Fingernägel könnten abbrechen. Die Fahrer leben längst auf einem anderen Planet als die echten Biker draussen vor den Zäunen, die Seelenverwandschaft zwischen den Asphaltcowboys und jenen Bikern, die über tausend Kilometer hinauf nach Assen fräsen, gibt es nicht mehr.

Vom verrückten Ami zum VIP-Chauffeur

Das schönste Beispiel für die Anpassung an die neuen Zeiten ist Randy Mamola. In Assen war der verrückte Ami in den 1980er-Jahren Kult, verliess schon mal den Startplatz, kletterte über den Zaun und stieg hinauf in die Tribüne, um den Bikern und ihren Bräuten Minuten vor dem Start die Hand zu schütteln, und mit Feuerwerken, die ihm die Schweizer Seitenwagenfahrer Markus und Urs Egloff aus der Schweiz herbeigeschafft hatten, veranstaltete er jeden Abend im Fahrerlager ein Höllenkaracho, bis die berittene Polizei herbeigaloppierte.

Jetzt ist Randy brav geworden, hat geheiratet und eine Familie gegründet, arbeitet für Eurosport und fährt gelegentlich sachte VIPs auf der Zweisitzer-Ducati um die Strecke. Wer soll denn da noch elektrisieren, wenn sie schon den wilden Randy gezähmt und zum Tanzbären gemacht haben?

Grunzen wie Brontosaurus-Herde

Und doch kommen die Biker immer noch jedes Jahr nach Assen. Denn bei aller Professionalisierung und Perfektionierung und Sterilisierung ist doch die Erotik des Lärms geblieben. Ja, die Erotik von Assen ist der Lärm der Viertakt-Kracher in der MotoGP- und Moto2-Klasse und verbindet noch alle Biker und es nützt nichts, dass man auch diese Erotik regulieren möchte und den Lärmpegel auf 130 Dezibel limitiert hat. Die Rosse brüllen bei Vollgas lauter als erlaubt. So soll es sein, so muss es sein, was wäre denn Assen mit leise schnurrenden Elektromotoren? Nichts, gar nichts, höchstens ein Happening für warmduschende Ökofreaks und Frauenversteher - und die Biker würden die Nase rümpfen.

Rennmaschinen müssen leben, vibrieren, mit rauchiger, lauter Stimme durch ihre Auspuffrohre zu den Fans sprechen, brummen, orgeln. Nimmst du hier in Assen nach einem Gang durch die Boxenstrasse während eines Trainings der MotoGP-Klasse die Ohrenpfropfen raus, die als Werbegeschenke verteilt werden, so bleibt dir von dieser Motorensymphonie noch stundenlang jenes leise Läuten im Ohr zurück, das du sonst nur in der Schweizer Armee nach einem Gefechtsschiessen kennen lernen kannst. Es sind Geräusche, die nicht aus der regulierten Welt des 21. Jahrhunderts stammen. So muss das unwirsche Grunzen einer ganzen Brontosaurus-Herde geklungen haben, wenn sie von einem Urmenschen mit der siebenschwänzigen Nilpferd-Peitsche nach der Mittagsruhe von der Schachtelhalmweide geprügelt wurde.

Die Angst bleibt trotz allen Massnahmen da

Oder gibt es am Ende gar noch mehr als nur das Dröhnen der Motoren, das an die «Belle Époque» gemahnt? Ein bisschen Kratzen an der Oberfläche fördert bald die Ängste zu Tage, die verdrängt, verprofessionalisiert, vergessen scheinen. Die Zahl der Verletzten und Versehrten ist zwar drastisch zurückgegangen und wer fällt, muss in Assen nicht mehr ins «Ziekenhuis», ins Spital, er wird in der fahrenden Klinik von Dr. Claudio Costa wiederbelebt, operiert, behandelt, geschient, gegipst. Aber die Angst will wie ein böser Aberglaube nicht weichen. Nur spricht keiner darüber.

Die Erinnerungen an Wayne Rainey, den Perfekten, der am 3. September 1993 in Misano in den Rohllstuhl raste, Vollgas am Ausgang einer Kurve, an der Spitze des Rennens und der WM liegend, ist immer noch wach. Und es ist noch nicht einmal ein Jahr her, da musste am 10. September 2010 Shoya Tomizawa in Misano sterben, erst 19 Jahre alt. Er ist nach einem Sturz im Moto2-Rennen überfahren worden. Die Party zu seinem 20. Geburtstag hatte er mit seinem Teamkollegen Dominique Aegerter aus Rohrbach bei Langenthal schon aufgegleist.

Wer in Assen blocht, bleibt ein Held

In diesem Jahr feiert Yamaha sein 50-jähriges Rennjubiläum. Ein halbes Jahrhundert (!) ist es her, seit die Bikes mit der Stimmgabel als Symbol erstmals in Assen blochten. Doch eines ist gleich geblieben: Es gewinnen immer noch die wahren Helden. Die Differenz machen, wie zu Meienbergs Zeiten, doch das Talent, die Intelligenz, das Gespür, der Mut.

Die Titanen wie Valentino Rossi und Casey Stoner, die Stilisten wie Tom Lüthi fühlen ihre Bikes, brauchen keinen Computerfreak, sondern einen engen Vertrauten, dem sie ihre (Fahr-)Gefühle mitteilen können und der das Bike abstimmt wie der Musiker das Instrument und der am Motorengeräusch den Zustand des Aggregats erkennt wie am Pulsschlag die Gefühle seiner Geliebten. Auch wenn ständig experimentiert und immer neuer technischer Schnickschnack erfunden wird: Die technische Revolution ist im Grunde zu Ende. Ein Bike bleibt ein Bike, es ist nicht einfach eine Maschine, es lebt, rutscht, vibriert, und wer in Assen blocht, bleibt doch ein Held. Heute und bis in alle Ewigkeit. Amen.

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