Wintersportzentrum: Wo soll das Tenero des Wintersports hinkommen?
Aktualisiert

WintersportzentrumWo soll das Tenero des Wintersports hinkommen?

Gehts nach dem Bundesrat, entsteht in Andermatt ein nationales Wintersportzentrum. Doch auch andere Skiorte machen Ansprüche geltend. Gute Karten haben Engelberg und Meiringen.

von
S. Hehli

Die Ski-Nation Schweiz steckt tief in der Krise, wie auch die mittelmässigen Resultate an der Alpin-WM in Schladming zeigen. Doch der Sportminister Ueli Maurer gibt nicht auf: Er möchte ein nationales Zentrum für Wintersport einrichten. «Ziel ist es, die Tradition Wintersport wieder stärker in der Gesellschaft zu verankern», erklärt Christoph Lauener, Sprecher beim Bundesamt für Sport.

Im Fokus stehen unter anderem Migrantenkinder, die häufig keinen Bezug zu Skis und Schlitten haben. Weil die Kosten gerade für Arbeiterfamilien eine hohe Hürde sind, will der Bund günstige Skiwochen anbieten: Lauener stellt sich vor, dass eine Woche rund 300 Franken kostet und die Kinder die Ausrüstung zur Verfügung gestellt bekommen. Ob die Pistenwoche im Rahmen eines Schullagers oder in den Ferien der Kids stattfindet, sei egal.

Erstmals liegt Liste der Interessenten vor

Neben dem Breitensport soll auch der Spitzensport gefördert werden, vor allem mit Angeboten für Nachwuchscracks. Das neue Zentrum würde damit eine ähnliche Funktion wie die auf Sommersportarten ausgerichteten Stützpunkte Tenero TI und Magglingen BE erfüllen. Bereits hat das Tauziehen zwischen den möglichen Standorten begonnen. Erstmals schreibt der Bundesrat heute Donnerstag, welche Orte oder Regionen ihr Interesse deponiert haben: Meiringen BE, Andermatt UR, Engelberg OW, Fiesch VS sowie Splügen GR und das Unterengadin.

Der Bundesrat hat einen klaren Favoriten, wie schon länger bekannt ist: Andermatt. Bernhard Russis Heimatdorf erfüllt die Kriterien, welche die Regierung aufgestellt hat: gut erreichbar mit dem öffentlichen und privaten Verkehr, schneesicher und mit einer guten Zentrums- und Sportinfrastruktur ausgestattet.

Andermatts grosser Bonus ist aber der Waffenplatz. Wenn die Armee einen Teil des Geländes und ihrer vielen Gebäude räumt, wird günstiger Raum für das Zentrum frei. Weniger stark ins Gewicht fällt, dass die Urner Gemeinde derzeit weder eine Bobbahn noch eine Skisprungschanze oder eine Halle für Eishockey oder Eisschnelllauf hat. «Das sind ja nicht unbedingt Sportarten, die man im Rahmen des Schulsports ausübt», sagt Peter Lauener – obwohl der Bundesrat schreibt, dass möglichst alle Schneesportarten berücksichtigt werden sollen.

Es winkt viel Geld

Dass die anderen Bewerber trotz Andermatts Pole Position nicht aufstecken, hat gute Gründe: Jon Andrea Schocher, Dozent für Sport-Management an der Hochschule Chur, verweist auf die positiven Effekte, die ein Wintersportzentrum mit sich bringt. Erstens würden die Wintersportgäste direkt Wertschöpfung für die lokale Gastronomie und den Handel generieren. Zweitens könnte die Standortgemeinde vom Ausbau der sportlichen Infrastrukturen profitieren.

Und drittens bringe ein Bundeszentrum einen Imagegewinn und mehr mediale Aufmerksamkeit, was weitere Gäste anlockt. Schocher nennt das Beispiel Oberhof in Deutschland: Niemand würde die 1500-Seelen-Gemeinde im Thüringer Wald kennen, befände sich dort nicht ein Sportförderzentrum der Bundesrepublik. «Durch seine zahlreichen Sportveranstaltungen konnte sich Oberhof einen Namen machen», so der Tourismus-Experte.

Bündner habens schwer

Schocher als Churer bricht eine Lanze für Splügen und das Unterengadin. Doch die Bündner Kandidaten dürften die schlechtesten Chancen haben. Kommt die Olympiakandidatur für 2022 zustande, kriegt der grösste Kanton schon genug Mittel aus der Bundeskasse. Zudem wehrt sich dem Vernehmen nach die Romandie gegen die Bündner Standorte: Diese lägen zu weit weg, monieren die Westschweizer.

Die geografische Lage spricht auch eher gegen Fiesch im Oberwallis; bleiben noch Engelberg und Meiringen, die Andermatt das Zentrum streitig machen könnten. Der Bundesrat will noch dieses Jahr entscheiden, ob er die Pläne vorantreibt. Bei den Kosten ist die Rede von rund 40 Millionen Franken.

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