Aktualisiert 21.08.2012 12:40

WachstumsfaktorWo wäre die Schweiz ohne Zuwanderung?

Die Schweiz trotzt der Krise, keine Frage. Auch unbestritten ist, dass wir ohne Zuwanderung schlechter dastünden. Doch wie viel schlechter ginge es uns wirklich?

von
Balz Bruppacher
Hochqualifizierte Zuwanderer erhöhen die Arbeitsproduktivität in der Schweiz.

Hochqualifizierte Zuwanderer erhöhen die Arbeitsproduktivität in der Schweiz.

«Das ist die Millionen-Franken-Frage», sagt der Ökonom Boris Zürcher auf die Frage, wie sich das Wirtschaftswachstum in der Schweiz ohne die vor zehn Jahren eingeführte Personenfreizügigkeit mit der EU entwickelt hätte. Der Direktor des Konjunkturforschungsinstituts BAK Basel ist aber wie die meisten seiner Kollegen überzeugt, dass die Zuwanderung das Wachstum gefördert hat.

Das leuchtet insofern ein, als zusätzliche Arbeitskräfte zu einer höheren Wirtschaftsleistung beitragen. Wenn die Gesamtwirtschaft wächst, heisst das aber noch nicht, dass für den einzelnen auch mehr übrig bleibt. Denn die Zuwanderung führt dazu, dass der Kuchen auf mehr Personen verteilt werden muss. Die entscheidende Grösse für das Mass des Wohlstands ist also nicht das gesamte Bruttoinlandprodukt (BIP), sondern das BIP pro Kopf.

Blauäugige Behörden?

Kritische Stimmen werfen den Bundesbehörden vor, die Botschaft «Wirtschaftswachstum dank Zuwanderung» sei schönfärberisch. Denn man schaue bloss auf das absolute Wachstum. Die Schweizer Wirtschaft sei in den letzten Jahren nicht nur absolut, sondern auch pro Kopf stärker gewachsen als die Eurozone und die USA, hält das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) entgegen. Das kann nur erreicht werden, wenn neben dem Arbeitsvolumen auch die Arbeitsproduktivität steigt. Das heisst, die Wertschöpfung pro geleistete Arbeitsstunde.

Dass es hier noch Nachholbedarf gibt, räumen auch die Bundesbehörden ein. Seco-Chefökonom Eric Scheidegger formulierte es kürzlich so: «Das Wachstum wird von zwei Quellen gespeist, einerseits von der Zunahme des Arbeitsvolumens, wo wir praktisch Weltmeister sind, und anderseits durch die Arbeitsproduktivität, wo wir im internationalen Vergleich bloss im Mittelfeld liegen.» Über die Zuwanderung kann die Arbeitsproduktivität gesteigert werden, wenn vor allem hoch qualifizierte Arbeitskräfte aus dem Ausland einwandern.

Zuwanderer auch Katalysator für die Produktivität

Dies ist vor allem bei den Arbeitskräften aus der EU der Fall, die in den Genuss des freien Personenverkehrs kommen. Der UBS-Ökonom Caesar Lack geht deshalb davon aus, dass die aktuelle Einwanderung nicht nur ein Breitenwachstum auslösen wird. Sie dürfte vielmehr auch zu einer Beschleunigung der Produktivität und des Wirtschaftswachstums pro Kopf führen. Hier liegt gemäss dem Ökonomen auch der grosse Unterschied zu den 1950er und 1960er Jahren, die ebenfalls durch eine hohe Zuwanderung gezeichnet waren. Damals kamen vor allem unqualifizierte Arbeitskräfte in die Schweiz, was das Produktivitätswachstum bremste.

Gut Verdienende stützen Konjunktur im Abschwung

«Wir arbeiten nicht mehr, sondern besser», hält Boris Zürcher fest. Seit Einführung der Personenfreizügigkeit sei das BIP pro Kopf der Bevölkerung mit jährlich 0,8 Prozent doppelt so schnell gewachsen wie im vorangegangenen Jahrzehnt. Dieses Wachstum sei weniger durch die blosse Steigerung des Arbeitseinsatzes als vielmehr durch eine Erhöhung der Produktivität erzielt worden.

Im Seco ist man überzeugt, dass die Zuwanderung auch im Krisenjahr 2009 stabilisierend wirkte und einen stärkeren Absturz verhinderte. Die vielen qualifizierten, gut verdienenden Zuwanderer mit ihrer Nachfrage nach Wohnraum und Konsumgütern seien in der Rezession zur Stütze für die Binnenwirtschaft geworden, erklärte Arbeitgeber-Direktor Thomas Daum.

Profitieren bloss die Reichen?

Gehört also die jahrzehntelange Phase der Wachstumsschwäche definitiv der Vergangenheit an? Ja, meint UBS-Ökonom Lack und prägt das Bild von der Schnecke, die zum helvetischen Tiger geworden ist. Es bleibt aber die Frage, zu welchem Preis das höhere Wachstum erkauft wird. Der Freiburger Ökonom Reiner Eichenberger mahnte unlängst in einem Beitrag für die Zeitung «Der Sonntag», dass es der Schweiz wie dem Kanton Zug gehen werde: «Die Zuwanderung lohnt sich nur noch für sehr gut Verdienende.» Er spielte auf den Umstand an, dass die Bodenpreise im Kanton Zug mittlerweile so hoch sind, dass sich die Zuwanderung für einen Normalbürger kaum mehr lohnt. Die Steuerersparnisse würden durch die viel höheren Mieten überkompensiert. «Je mehr Arbeit und Kapital in die Schweiz fliessen, desto knapper wird der Boden, wodurch Bodenpreise und Mieten steigen», erklärte Eichenberger.

Wenig gesicherte Erkenntnisse

Zur Frage, wo die Wirtschaft ohne Personenfreizügigkeit stehen würde, gibt es nur Annäherungsversuche. So kam der Nationalbank-Ökonom Peter Stalder auf Grund einer Simulation für die Jahre 2004 bis 2007 zum Schluss, dass das BIP Ende 2007 dank der Personenfreizügigkeit um 0,9 Prozent höher lag als unter Bedingungen, wie sie vor der Einführung der Freizügigkeit herrschten. Die Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH Zürich ermittelte ebenfalls einen positiven Wachstumsbeitrag der Personenfreizügigkeit, und zwar von jährlich 0,16 Prozentpunkten für die Periode von 2002 bis 2007. Viele Ökonomen gehen auch davon aus, dass sich das Wachstumspotenzial der Schweizer Wirtschaft dank der Personenfreizügigkeit erhöht hat. Plausible Berechnungen gibt es bisher aber nicht.

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