Verkehrte Erinnerung: Wo waren Sie wirklich am 11. September?

Aktualisiert

Verkehrte ErinnerungWo waren Sie wirklich am 11. September?

Herr und Frau Schweizer verraten in einer Umfrage, wo sie zum Zeitpunkt der Attentate waren. Doch ihre Erinnerungen können trügen, denn unser Gehirn spielt uns dabei oft einen Streich.

von
Philipp Dahm

(Video: Keystone)

Wenn etwas Herausragendes passiert, läuft das Gehirn scheinbar zu Hochform auf. Wer einen älteren Amerikaner fragt, wo er zum Zeitpunkt der Mondlandung war, bekommt in der Regel eine klare Antwort. Ähnliches gilt für einen Deutschen, wenn er auf den Mauerfall angesprochen wird. Doch nicht nur positive Ereignisse brennen sich scheinbar ins Gedächtnis ein, sondern auch negative wie der Ausbruch des Golfkrieges 1991 oder eben die Terroranschläge von New York 20 Jahre später.

Challenger-Unglück als Lakmustest

Die oben stehende Umfrage zeigt, dass auch Herr und Frau Schweizer sich lebhaft an jenen 11. September 2001 erinnern. Psychologen haben jedoch bewiesen, dass der Mensch kein so guter Chronist ist, wie er selber vielleicht meint. Die Amerikaner Dr. Joy Hirsch und Prof. Ulric Neisser haben in einem Experiment nachgewiesen, dass das Gehirn vermeintlich exakte Erinnerungen an einen speziellen Tag mit anderen Erinnerungen anreichern und so verwässern kann.

Die Wissenschaftler baten rund 100 Studenten am 29. Januar 1986, einige Fragen zur «Challenger-Katastrophe» zu beantworten, die sich am Vortag abgespielt hat. Neisser und Hirsch klopften dabei vier Bereiche ab: Die Studenten sollten angeben, wie sie von der Shuttle-Explosion erfahren haben, wo sie dabei mit wem waren und wie sie auf die Nachricht reagiert haben. So erfuhren die Psychologen von der Quelle der Information, dem Ort an dem sich die Befragten befanden, wer sie begleitete und was sie dabei taten. Nach drei Jahren wurde der Hälfte der Studenten dieselben Fragen gestellt – und die Antworten änderten sich plötzlich.

«Zentrale Aspekte der Ereignisses neu interpretierten»

«Drei Viertel der Angesprochenen hatte gar keine Erinnerung mehr daran, dass sie die ganze Prozedur schon mal durchgemacht hatten», ist in Norbert Seels Buch «Psychologie des Lernens» nachzulesen. «Von sieben möglichen Übereinstimmungen in den Antworten beider Befragungen wurden im Durchschnitt gerade mal 2,9 Punkte erreicht. Das heisst, das praktisch alle Befragten im Nachhinein zentrale Aspekte der Ereignisses neu interpretierten.» Selbst wenn die Wissenschaftler Hinweise auf die «alte Antwort» gaben, blieben die Probanden bei ihrer «neuen Antwort», die durch «Deckerinnungen» geprägt waren und die eigentlichen Erinnerungen überlagerten.

Als den Studenten die Unterschiede ihrer Antworten aufgezeigt wurde, reagierten sie mit Staunen: Sie waren sich ihres Gedächtnisses ganz sicher. Doch unser Hirn spielt uns einen Streich: Er personalisiert und verändert unsere Erinnerungen. Wie wir uns an 9/11 und Co erinnern, ist also Kopfsache.

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