Aktualisiert 11.05.2017 15:23

Traditionsclub im HöhenflugWo warst du, Ajax Amsterdam?

Einst der renommierteste Verein des Kontinents, verschwand der holländische Rekordmeister aus der europäischen Elite. Nun feiert er seine Auferstehung.

von
Kai Müller
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Im Hoch: Mit einer blutjungen Mannschaft steht Ajax Amsterdam kurz vor dem Einzug in den Final der Europa League.

Im Hoch: Mit einer blutjungen Mannschaft steht Ajax Amsterdam kurz vor dem Einzug in den Final der Europa League.

AFP/Jean-philippe Ksiazek
Im Halbfinal-Hinspiel gegen Lyon präsentierten sich die Holländer in einer Gala-Form und gewannen 4:1.

Im Halbfinal-Hinspiel gegen Lyon präsentierten sich die Holländer in einer Gala-Form und gewannen 4:1.

AFP/Emmanuel Dunand
Der letzte Europacup-Titel stammt aus dem Jahr 1995, als Ajax in der Champions League triumphierte.

Der letzte Europacup-Titel stammt aus dem Jahr 1995, als Ajax in der Champions League triumphierte.

Imago Sportfotodienst

Wo warst du, liebes Ajax Amsterdam?

Es wäre heuchlerisch zu behaupten, ich hätte dich in all den Jahren vermisst, denn ich habe mit der Zeit immer weniger an dich gedacht. Erst jetzt, wo du mit frischem Gesicht wieder rauschende Fussballpartys – wie sonst liesse sich das 4:1 im Halbfinal-Hinspiel der Europa League gegen Lyon nennen? – zelebrierst, wird mir bewusst, wie sehr dein jugendlicher Übermut, diese Unbeschwertheit, dieser Drang nach Spektakel gefehlt hat.

Deine Geschichte ist voller Ruhm, voller Verdienste für den modernen Fussball. Du hast schon in den 1960er-Jahren den Wert der Nachwuchsförderung erkannt. Du warst Geburtsstätte des «Voetbal totaal», dieser Spielidee, die den Fussball nachhaltig verändern sollte.

König Europas

Du stiegst mit diesem wunderbaren Stil zum König Europas auf, von 1971 bis 1973 überragtest du die kontinentale Konkurrenz im Meistercup. Es vergingen einige Jahre, du brauchtest Geduld, um wieder zu europäischen Weihen zu kommen. Du liessest neue Talente heranreifen, sie trugen Namen wie Rijkaard, van Basten oder Bergkamp und belohnten dich 1987 mit dem Triumph im Europacup der Cupsieger.

Dein Hunger aber war nicht gestillt. Liebevoll kümmertest du dich weiter um die Jungen, du erkanntest, wer über aussergewöhnliche Fähigkeiten verfügte, und wusstest, was du damit anfangen musstest. Wieder prägtest du eine Generation von Spielern, die zum Stolz des ganzen Landes wurde. Erinnerst du dich noch? Natürlich tust du das, sie waren ja wie deine eigenen Kinder, ob sie nun Seedorf, Davids, de Boer, Overmars, van der Sar, Reiziger oder Kluivert hiessen. Keine 25 Jahre alt waren sie im Schnitt, als sie im Champions-League-Final 1995 die grosse AC Milan in die Knie zwangen.

Rauchwolke im Fussballstadion

In den Niederlanden zünnden Fans eine Rauchbombe währended des Spiel PSV gegen Ajax. (Video: Tamedia/Storyful/Twitter)

Ohne Chance gegen Geldadel

Dein Pech war, dass wenige Monate später das Bosman-Urteil ein Erdbeben auslöste. Plötzlich musstest du deine Zöglinge ziehen lassen, wenn ihr Vertrag auslief und sie dem Lockruf der Gutbetuchten und Mächtigen erlagen oder dort bessere Perspektiven sahen. Bis zur Jahrtausendwende waren alle deine Milan-Besieger fort.

Dass du von deinem Weg nicht abwichst, ist dir hoch anzurechnen, wobei dir auch nicht viel anderes übrigblieb, weil du gegen den Geldadel jenseits der Landesgrenzen wenig ausrichten konntest. Dein grosser Trumpf blieb die legendäre Nachwuchsakademie, die zahlreichen Clubs als Blaupause diente. Doch wurdest du genügsam – und selbst von der Konkurrenz im eigenen Land überholt.

Mit alten Grössen zu früherem Glanz

Es brauchte den Chef persönlich, der dich wecken musste, weil er fand, du hättest deine Identität verloren. Im Herbst 2010 schimpfte König Johan, du gäbest dich damit zufrieden, überteuerte ausländische Spieler zu kaufen, statt eigene auszubilden, die das Team tragen könnten. Du schenktest deinem geliebten Kritiker, mit dem du manchen Streit ausfochtest, Gehör und gestaltetest das Nachwuchskonzept nach seinen Vorstellungen um.

Der Krebs hat dir deinen berühmtesten Sohn zwar genommen, doch du ehrst sein Vermächtnis. Hatte er, der so forsch und ungehalten sein konnte, dich nicht eindringlich dazu aufgefordert, dir von früheren Granden helfen zu lassen? Nun schleift Bergkamp deine Stürmer, führt van der Sar deine Geschäfte, ist Overmars dein Technischer Direktor. Und bis im vergangenen Sommer betreute Frank de Boer dein Aushängeschild, ehe du ihn durch Peter Bosz ersetztest.

Blutjunge Gipfelstürmer

Die Früchte ihrer Arbeit haben dir viel Attraktivität zurückgegeben. Es sind erstaunliche junge Fussballer herangewachsen, Dolberg, de Ligt, Riedewald, Tete, Klaassen oder Kluivert – ja, Kluivert! – heissen ein paar von ihnen. Mit ihrem berauschenden Fussball erinnern sie an längst vergangene Zeiten. Oder hat dich die 4:1-Gala gegen Lyon nicht betört? 22,4 Jahre alt waren deine Buben im Schnitt, man muss sich das einmal vorstellen. Sechs davon hast du während Jahren geschliffen. König Johan wäre stolz auf dich.

Es ist dir zu wünschen, dass dir deine Juwelen noch das eine oder andere Spektakel bescheren, ehe sie dich hinter sich lassen. Einige von ihnen wirst du kaum mehr lange davon abhalten können, die grosse, weite Welt zu erobern. Ich weiss ja auch, dass du diese Saison wohl nicht einmal einen zweistelligen Millionenbetrag an TV-Geldern erhalten wirst, während in England selbst der Absteiger mit 130 Millionen Franken zugeschüttet wird. Umso mehr solltest du diese beschwingten Tage geniessen.

Ich gehe davon aus, dass du Lyon heute Abend im Rückspiel keine Hoffnung auf eine Wende geben wirst, und wünsche dir einen Final gegen Manchester United. Einen siegreichen. Du hättest es verdient.

Schön, bist du zurück, liebes Ajax Amsterdam.

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