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Simonetta Sommaruga«Wölfe töten neuerdings sogar Kälbchen»

Laut Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga wird der Wolf in immer mehr Kantonen zum Problem. Das neue Jagdgesetz sei ein guter Kompromiss, um die Konflikte zu lösen.

von
Daniel Waldmeier

Umweltministerin Simonetta Sommaruga im «20 Minuten»-Interview.

Darum gehts

  • Die Umweltverbände bekämpfen das neue Jagdgesetz, das den Schutz des Wolfs lockern will.
  • Simonetta Sommaruga legt sich mit Umweltorganisationen an: «Wir können da nicht länger einfach nur zuschauen.»
  • Das letzte Wort hat das Volk am 27. September.

Frau Bundespräsidentin, mit dem neuen Jagdgesetz sollen Wildhüter künftig Wölfe erlegen dürfen, bevor sie Schafe oder Ziegen gerissen haben. Die Gegner sprechen von einem «Abschussgesetz». Zu Recht?
Von einem «Abschussgesetz» kann keine Rede sein. Es geht um einen pragmatischen Umgang mit dem Wolf. Es gibt immer mehr Wölfe im Land. Für die Bauern und die Bevölkerung in mehreren Kantonen ist der Wolf zum Problem geworden, wo er Herden angreift oder seine Scheu verliert. Jedes Jahr töten Wölfe mehrere Hundert Schafe und Ziegen und neuerdings sogar Kälbchen. Wir können da nicht länger einfach nur zuschauen. Darum braucht es ein Gesetz, das die zunehmenden Konflikte löst.

Machen die Bauern genug, um ihre Schafe und Herden zu schützen?
Der Herdenschutz ist wichtig. Doch Wölfe und Wolfsrudel umgehen zunehmend Herdenschutzmassnahmen. Im Kanton Graubünden wurden in diesem Jahr bereits über 160 Schafe gerissen – die Hälfte davon aus geschützten Herden. Wölfe nähern sich auch Dörfern. Künftig kann der Wildhüter eingreifen, wenn ein Wolf seine Scheu verliert, bevor ein Rudel ein Dutzend Schafe gerissen hat. Hinzu kommt, dass mit dem Gesetz der Herdenschutz gestärkt wird. Bauern bekommen nur noch dann Geld für gerissene Schafe, wenn sie ihre Herde schützen.

Sie haben gesagt, Wölfe näherten sich den Siedlungen. Ist der Wolf denn wirklich eine Gefahr für Menschen?
Ich habe kürzlich mit dem Gemeindevizepräsidenten von Obersaxen in Graubünden gesprochen. Dort wurde Anfang Jahr ein Wolf am Morgen in der Nähe einer Skischule gesichtet, wo sich Kinder aufhalten könnten. Das wird als bedrohlich empfunden. Wo der Wolf zur Gefahr wird, soll der Wildhüter rechtzeitig eingreifen können.

Darum gehts beim Jagdgesetz

Die Zahl der Wölfe wächst: 2019 lebten in der Schweiz wieder rund 80 Wölfe in acht Rudeln. Am 27. September stimmen wir darüber ab, ob die Kantone die Population kontrollieren dürfen. Das neue Jagdgesetz sieht vor, dass Wildhüter unter bestimmten Bedingungen Wölfe auch dann töten dürfen, wenn sie noch keine Schafe angegriffen haben. Die Jagd auf den Wolf bliebe aber verboten. Anders als heute sollen Bauern künftig nur noch Geld für gerissene Schafe erhalten, wenn sie die Tiere geschützt haben. Ausserdem sieht das Gesetz mehr Mittel für den Schutz von Wildtieren vor.

Die Bergbevölkerung muss mit dem Wolf leben, nicht die Zürcher oder Basler. Handelt der Unterländer egoistisch, wenn er das Gesetz ablehnt?
Die Bergbauern sind am stärksten betroffen. Ich habe mit einer Älplerin gesprochen, die allergrösste Angst hat. Jeden Morgen muss sie befürchten, dass sie aufs Neue gerissene Schafe findet. Sie sagt: ‹Ich kann so auf Dauer nicht mehr Älplerin sein.› Wir alle haben aber ein Interesse daran, dass eine Alp lebt und Freude daran – egal, ob man auf dem Land oder in der Stadt wohnt. Wenn eine Alp nicht mehr bewirtschaftet wird, vergandet sie.

«Es gibt jene, die den Wolf am liebsten ausrotten wollen.»

Für die Vorlage ist der Bauernverband oder der Schafzüchterverband – die Umweltverbände bekämpfen das Gesetz hingegen vehement. Warum stehen Sie auf der Seite der Bauernlobby?
Weil das Gesetz viele Verbesserungen bringt. Auch die Biobauern unterstützen es, weil sie sehen, dass wir eine Lösung für die zunehmenden Konflikte zwischen Mensch und Wolf finden müssen. Sonst geht die Akzeptanz für den Wolf verloren. Es gibt jene, die den Wolf am liebsten ausrotten wollen. Andere wiederum wollen gar nichts machen. Das Gesetz ist ein guter Mittelweg. Es sieht auch neue Naturschutzmassnahmen vor. Davon profitieren alle Wildtiere. Es gibt Geld für Schutzgebiete und Zugvogelreservate, und die Lebensräume werden besser vernetzt – etwa mit Wildtierbrücken. Das ist ein altes Anliegen der Umweltorganisationen.

«Viele wissen nicht: Heute könnte der Bundesrat geschützte Tiere sogar zur Jagd freigeben.»

Die grosse Angst der Gegner ist, dass der Bundesrat künftig einfach weitere Arten zum Abschuss freigeben wird: vom Luchs über den Biber bis zum Graureiher. Können Sie versprechen, dass das niemals passieren wird?
Viele wissen nicht: Heute könnte der Bundesrat geschützte Tiere sogar zur Jagd freigeben. Das ist mit dem neuen Gesetz nicht mehr möglich – das Gesetz bringt also mehr Schutz. Was den Luchs und den Biber anbelangt: Hier hat es das Parlament bereits ausdrücklich abgelehnt, diese Arten zu regulieren. Der Bundesrat setzt das in der Verordnung auch so um.

In mehreren Kantonen wurden Wölfe gewildert. Verstehen Sie diese Selbstjustiz, wenn ein Wolf die Existenz bedroht?
Nein. Wilderei ist verboten, strafbar und muss geahndet werden..

Auch die sogenannte Trophäenjagd bliebe erlaubt. Ausländische Touristen können Abschusslizenzen kaufen. In manchen Kantonen wird der Birkhahn oder der Schneehase gejagt. Warum schützen Sie diese Tiere nicht?
Die Trophäenjagd hat mit der Vorlage nichts zu tun. Auch wenn man das Gesetz ablehnt, ändert sich nichts daran.

Schweizer gehen auch im Ausland auf Trophäenjagd. Jedes Jahr werden etwa 50 geschützte Tiere getötet: Geparde, Löwen, Nashörner. Warum unternimmt der Bundesrat nichts dagegen?
Der Bundesrat setzt sich auf internationaler Ebene dafür ein, bedrohte Tiere zu schützen. Die Biodiversität ist mir persönlich ein wichtiges Anliegen.

Angenommen, das Volk würde das Jagdgesetz ablehnen: Besteht die Gefahr, dass Wölfe sich unkontrolliert vermehren und in die Dörfer einfallen?
Es wäre falsch, Angst zu machen. Wenn man das Gesetz ablehnt, sind aber auch die Naturschutzmassnahmen vom Tisch. Dafür würden die Konflikte mit dem Wolf bleiben und weiter zunehmen, weil auch die Zahl der Wolfsrudel wächst.

«Der Wolf gehört zu unserer Natur»

Für die Umweltverbände wie Pro Natura, WWF oder Greenpeace ist das Jagdgesetz ein «missratenes Abschussgesetz». Auf ihrer Seite stehen Grüne, SP und Grünliberale. Für die Revision sind Bundesrat, Parlament, die bürgerlichen Parteien und der Bauernverband.

Einzelne bürgerliche Vertreter scheren aber aus – etwa FDP-Nationalrat Kurt Fluri. Er sagt: «Der Wolf gehört zu unserer Natur wie andere Tiere auch.» Er lehne das Jagdgesetz ab, weil es kein Schutzgesetz mehr sei, sagt er in einem Kampagnenvideo. Darüber hinaus kritisieren die Gegner, dass es verpasst worden sei, weitere bedrohte Arten wie den Feldhasen besser zu schützen. Auch dass die Trophäenjagd erlaubt bleibe, sei nicht zeitgemäss.

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Die Lamas sollen im Kanton Uri den Wolf fernhalten. 

Die Lamas sollen im Kanton Uri den Wolf fernhalten.

Foto: Keystone
Inzwischen leben rund 80 Wölfe in der Schweiz. 

Inzwischen leben rund 80 Wölfe in der Schweiz.

KEYSTONE
Die Gegner des neuen Jagdgesetzes kritisieren, dass der Feldhase nicht stärker geschützt wird. 

Die Gegner des neuen Jagdgesetzes kritisieren, dass der Feldhase nicht stärker geschützt wird.

KEYSTONE

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464 Kommentare
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Ironischer

29.08.2020, 16:58

Mir ist total unwohl, ich bin sehr unsicher. Das ist das erste Mal, Dass ich dieselbe Meinung habe wie Frau Sommaruga. Ich bin unsicher ob ich wirklich abstimmen soll😯 Einzig, dass sie wie zu Kindern von Kälbchen statt einfach Kälbern spricht finde ich nicht ganz richtig.

Christina

29.08.2020, 15:18

Nach neuem Jagdgesetz dürfen Wölfe auch geschossen werden, wenn sie verhaltensauffällig sind. Eine Verhaltensauffälligkeit liegt laut Bund vor, wenn ein Wolf seine natürliche und angeborene Scheu vor Menschen, dessen Siedlungen und Infrastrukturen verliert. Das Problem ist nur, dass Wölfe gegenüber Bauten, Siedlungen und menschlicher Infrastrukturen keine natürliche oder angeborene Scheu haben und diese somit gar nicht verlieren können. Wölfe nutzen sogar die menschlichen Infrastrukturen wie Strassen, Wege, Geleise und Brücken und laufen zu unbelebten Zeiten auch einmal durch eine Siedlung, wenn der schnellste Weg von A nach B durch eine solche führt. Das ist möglicherweise ein für uns Menschen ungewohntes und unerwünschtes Verhalten, aber es ist völlig normales Wolfsverhalten und hat nichts mit verlorener Scheu zu tun! Der Wolf meidet hingegen strikt den direkten und nahen Kontakt zu Menschen. Aufklärung über das Verhalten der Wölfe wäre viel sinnvoller als der Wolfsabschuss!

Christina

29.08.2020, 14:02

Laut Bund hat eine Untersuchung gezeigt, dass Herdenschutz zu einem 98%igen Schutz der Nutztiere führt. Auch die Zahlen beweisen es. In der Schweiz hat die Anzahl Wölfe seit der Wiedereinwanderung 1995 stetig zugenommen, die Anzahl Risse bleibt aber seit Jahren gleich hoch (ca. 200 – 500 Risse/Jahr). Heute werden pro Wolf viel weniger Nutztiere gerissen als vor 20 Jahren: 2000 – 4 Wölfe – 256 Risse / 80 Wölfe - 420 Risse. Diese Abnahme der Nutztierrisse ist nur dank vermehrtem Herdenschutz möglich! Deshalb ist es völlig unverständlich, dass nach neuem Jagdgesetz Wolfsrudel reguliert werden dürfen sobald nur Schaden droht und OHNE dass vorgängig Herdenschutzmassnahmen umgesetzt werden müssen! Ohne Herdenschutz droht logischerweise Schaden. Dies wäre ein Freipass für die Kantone, um jährlich die Hälfte der geborenen Jungtiere abschiessen zu können. Eine solche Lockerung der Herdenschutzes ist völlig unverständlich. Deshalb sage ich am 27. September NEIN zum neuen Jagdgesetz!