Sprache des Nationalsozialismus: Wörter, die ihre Unschuld verloren haben
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Sprache des NationalsozialismusWörter, die ihre Unschuld verloren haben

Indem sie mit dem Slogan «Jedem den Seinen» Werbung für Kaffee machten, sorgten die Einzelhandelskette Tchibo und der Mineralölkonzern Esso kürzlich für Empörung. Es gibt noch mehr scheinbar harmlose Wendungen aus dem Wörterbuch der Nazis.

von
Rolf Maag

Die beiden Firmen mussten ihre Werbekampagne umgehend einstellen, weil ihr Slogan eine Abwandlung des eigentlich unverdächtigen Rechtsgrundsatzes «jedem das Seine» war, der viele an den zynischen Begrüssungsspruch über dem Eingangstor des Konzentrationslagers Buchenwald denken lässt (20 Minuten Online berichtete). Es ist nicht das einzige Beispiel für scheinbar harmlose Wendungen und Wörter, die durch ihre Verwendung im Nationalsozialismus belastet sind.

Jedem das Seine

Der Rechtsgrundsatz «suum cuique» (lateinisch für «jedem das Seine») ist bereits bei dem römischen Redner und Philosophen Cicero (106 – 43 v. Chr.) mehrfach belegt und seit Langem sprichwörtlich. Dennoch sollte man ihn aufgrund seines Missbrauchs in Buchenwald nicht allzu salopp verwenden, wie auch schon Weltkonzerne wie Nokia und McDonald's erfahren mussten, als sie den Slogan in Werbekampagnen einsetzten, nach heftigen Protesten aber wieder zurückkrebsen mussten.

Arbeit macht frei

Diese Parole wurde als Toraufschrift in mehreren Konzentrationslagern verwendet, beispielsweise in Auschwitz, Dachau und Sachsenhausen. Ursprünglich handelt es sich um den Titel eines 1872 veröffentlichten Romans, dessen Verfasser der deutschnationale Schriftsteller Lorenz Diefenbach war. Es geht darin um einen Spieler und Betrüger, der durch geregelte Arbeit auf den Pfad der Tugend zurückfindet. Woher die Vorliebe der Nazis für diese Phrase rührt, ist nicht geklärt. In den Konzentrationslagern wurde damit auf den Umerziehungszweck, dem sie vermeintlich dienten, angespielt. Eine wertneutrale Verwendung dieses Spruches ist heute undenkbar.

Fanatisch

Dieses Adjektiv (von lateinisch «fanaticus», «göttlich inspiriert») wurde von den Nazis erstmals positiv gebraucht; zuvor war es eine ausschliesslich abwertende Bezeichnung für einen völlig von einer Idee besessenen, gegenüber anderen Meinungen intoleranten und von missionarischem Eifer erfüllten Menschen. Da die Nazis an bedingungslos ergebenen Anhängern interessiert waren, die sich nicht von Zweifeln beirren liessen, sahen sie Fanatismus als eine wünschenswerte Eigenschaft an.

Dieser Bedeutungswandel wurde bereits 1947 von dem Romanisten Victor Klemperer in seinem Buch «LTI» (Lingua Tertii Imperii, lateinisch für «Sprache des Ditten Reiches») analysiert. Heute dürfte die negative Auffassung des Wortes vorherrschen, die positive ist aber nicht verschwunden und besonders in Bezug auf Anhänger von Sportklubs («Fan» geht auf englisch «fanatic» zurück) verbreitet.

Lebensraum

Dieses Wort ist in der Biologie gleichbedeutend mit «Habitat» oder «Biotop» und bezeichnet den von einer Gruppe bewohnten Raum. Bereits 1901 schrieb Friedrich Ratzel ein Buch mit dem Titel «Der Lebensraum», in dem er die These vertrat, die Geschichte sei ein ständiger Kampf der Völker um den Lebensraum, dessen sie zu ihrer Entfaltung bedürften. Die deutschnationale Bewegung des frühen 20. Jahrhunderts griff diese Theorie auf und forderte, das ihrer Meinung nach überbevölkerte Deutschland müsse in den Osten, besonders nach Russland, expandieren, da dort genügend Raum vorhanden sei.

Hitler schloss sich dieser Sichtweise in seinem 1924/25 erschienenen Buch «Mein Kampf» begeistert an. Der Drang nach «Lebensraum im Osten» war später eine seiner wichtigsten Begründungen für die Notwendigkeit des Krieges.

Heute wird das Wort nach wie vor in seiner biologischen Bedeutung gebraucht; mit der Geschichte des Nationalsozialismus vertraute Zeitgenossen dürften aber nach wie vor ein gewisses Unbehagen dabei verspüren.

Sonderbehandlung

Dieses scheinbar völlig unverfängliche Wort diente im «Dritten Reich» als Euphemismus (beschönigende Bezeichnung) für die «Endlösung der Judenfrage», also den Massenmord an den europäischen Juden. Demselben Zweck diente das ebenfalls harmlos erscheinende «Umsiedlung». Die Nazivergangenheit beider Wörter ist heute wohl nur noch wenigen bewusst.

Euthanasie

Dabei handelt es sich um eine Zusammensetzung aus den griechischen Wörtern «eu» («gut») und «thánatos» («Tod»). Gemeint ist die (aktive wie passive) Sterbehilfe, also die ärztliche Unterstützung des Sterbevorgangs. Die aktive Variante ist nur in Holland und Belgien legal und bezeichnet eine Tötung, die im Interesse des Patienten und mit seinem Einverständnis erfolgt. In Nazideutschland allerdings meinte man damit die Ermordung körperlich und geistig behinderter Menschen, die als «unnütze Esser» und kranke Glieder des «Volkskörpers» angesehen wurden.

Aus diesem Grund sprechen im deutschen Sprachgebiet praktisch nur noch Kritiker der Sterbehilfe, insbesondere kirchliche, von Euthanasie; sie wollen bewusst einen Zusammenhang mit den mörderischen Praktiken der Nazis herstellen und so jegliche Form der ärztlichen Beschleunigung oder Herbeiführung des Todes diskreditieren. Befürworter sprechen dagegen fast nur noch von Sterbehilfe. Das Wort existiert auch in vielen anderen europäischen Sprachen (etwa im Englischen und Französischen) und ist dort weit weniger belastet.

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