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WG statt AsylheimWohnen mit Flüchtlingen – bereichernd und mühselig

In ganz Deutschland nehmen Menschen Flüchtlinge bei sich zuhause auf. Zwei WGs sagen, was dabei gut funktionierte – und wo es Probleme gab.

von
Christa Roth
Wohin mit all den Flüchtlingen, fragen sich viele.

Wohin mit all den Flüchtlingen, fragen sich viele.

130.000 Syrer, rund 90.000 Iraker und etwa 75.000 Afghanen leben zum Teil seit Jahren in Deutschland. Davon geht der Verein Pro Asyl aus – und fordert die Bundesregierung auf, mehr Flüchtlinge aufzunehmen. Dagegen kam die Süddeutsche Zeitung bereits Ende 2014 zu dem Schluss, Deutschland sei mit dem Ansturm der Asylbewerber überfordert. Die Begründung? In Nordrhein-Westfalen wurden Flüchtlinge misshandelt, in Bayern mussten Asylbewerber im Freien campieren.

Inzwischen gibt es mehrere Initiativen, die sich um private Wohnmöglichkeiten für Flüchtlinge bemühen. Etwa der Berliner Verein «Mensch Mensch Mensch», der mit seiner Plattform «Flüchtlinge willkommen» obdachlose Asylbewerber und aufnahmewillige WGs zusammenbringt. Das Ziel der Initiativen lautet: Sie wollen Geflohenen eine menschenwürdigere Unterbringung bieten als es in überfüllten Asylheimen der Fall ist. Statt Massenunterkünfte sollen zum Beispiel Wohngemeinschaften Flüchtlinge eine zeitlang beherbergen.

Am Anfang war es nicht leicht

Eine solche Wohngemeinschaft ist die Berliner WG von Dörthe. Seit Ende Dezember leben sie und ihre drei Mitbewohner mit Chalid zusammen. Tatsächlich heißt Chalid anders, aus Sicherheitsgründen soll seine Identität allerdings nicht preisgegeben werden. Hier geht es vor allem um Dörthes Sicht auf ihr neuestes WG-Mitglied: Inwiefern ist Chalid eine Bereicherung? Wo gab es Probleme?

«Am Anfang war es nicht ganz leicht mit ihm», erzählt die Studentin. Einerseits ging es um einen Klassiker in Sachen WG-Gedöns: den Putzplan. «Alle müssen mal ran», erzählt Dörthe, «aber für Chalid war nicht klar, warum nicht jeder gleich hinter sich selbst sauber macht». Sie schafften es jedoch, diese Differenzen aus der Welt zu schaffen. Im Zweifel mit Händen und Füßen, wenn das Sprachgemisch aus Englisch und Deutsch zum kommunizieren nicht ausreichte.

Spendengelder, um über die Runden zu kommen

Schlimmer war für Chalid, sich seiner Hilfsbedürftigkeit bewusst zu werden. Spenden anzunehmen, um sich ein kleines Zimmer zu leisten? Daran konnte sich der Geflohene nur schwer gewöhnen. «Wenn ich nach seinem Anteil für die Miete gefragt habe, war ihm das sichtlich unangenehm», erinnert sich Dörthe.

220 Euro kostet Chalids Unterkunft pro Monat. 90 Euro davon bezahlt der 29-Jährige aktuell selbst. Für den Rest kommt ein kleiner Förderkreis auf, der aus Freunden und Bekannten der WG besteht. Bei anfänglichen Engpässen half Dörthes Mutter aus.

Dass Chalid umsonst wohnen könnte, stand nie zur Debatte. «Wir wollten, dass es so normal wie möglich zwischen uns abläuft», sagt Dörthe. «Das Ganze sollte sich nicht zu einer komplett karitativen Aktion auswachsen. Auch weil Chalid eine Arbeitserlaubnis hat.»

Chalid sorgt mit Gelegenheitsjobs für sein Auskommen. Vom Amt bekommt er ein Taschengeld. Das aber liegt deutlich unter dem Hartz IV-Satz von derzeit knapp 400 Euro.

«Wir können helfen, also tun wir das auch»

Während Dörthes WG einige Wochen Zeit hatte, sich auf den neuen Mitbewohner einzustellen, zeugt eine vergleichbare Geschichte von einem regelrechten Blind Date.

«Wir bekamen am Abend eine aufgeregte Email, in der wir gebeten wurden, kurzfristig einen Flüchtling bei uns aufzunehmen», erzählt Anika aus Leipzig. Die Initiative «Menschen.Würdig.» hatte erfahren, dass es in Anikas Hausprojekt noch ein freies Gästezimmer gab – und bat die junge Mutter und ihre Mitbewohner, das Zimmer als Flüchtlingsunterkunft nutzen zu können. Am nächsten Tag stand dann auch schon der Tunesier Mahmoud vor der Tür. Inklusive Freund Ali.

Obwohl die Leipziger von der Nacht-und-Nebel-Aktion überrumpelt wurden, war ihr Impuls von Anfang an klar: «Wir können helfen, also tun wir das auch», sagt Anikas Mitbewohner Tom.

Bedarf an psychologischer Betreuung wird nicht gedeckt

Sechs Wochen lang lebten Mahmoud und Ali im Frühling mit den Hausbewohnern – 14 Erwachsene und drei Kinder – zusammen. Rückblickend fällt die Bewertung dieser Zeit positiv aus. Man habe nicht nur die Situation eines Flüchtlings mitbekommen, sondern auch sich selbst neu erlebt. «Im Grunde war es für alle in der Zeit eine Bereicherung», sagt Tom, ohne zu verschweigen, dass es manchmal auch «mühselig» war.

Dass das Ganze auch seine Schattenseite hatte, lag vor allem an der kulturellen Unterschieden. Gut gemeinte Kochaktionen von Mahmoud endeten mit dem ebenso freundlichen wie bestimmten Hinweis seitens der WG, dass im Haushalt auf Fleisch verzichtet wird. So stauten sich Kleinigkeiten auf und ließen sich der Sprachbarrieren wegen nicht immer spontan aus der Welt schaffen.

Am meisten zu schaffen machte den Hausbewohnern allerdings die offensichtliche Traumatisierung des 38-jährigen Nordafrikaners. «Wir hätten uns gern mehr Untersützung in der Hinsicht gewünscht», sagt Anika. Wie in Berlin vermittelt die Initiative auch in Leipzig lediglich brauchbare Unterkünfte für Asylsuchende. An einer psychologischen Begleitung fehlt es mangels entsprechender Kapazitäten meist.

Besucher sind willkommen, solange sie Grundregeln einhalten

Weder Anika noch Tom haben bereut, ihr Zuhause mit den Flüchtlingen geteilt zu haben. Allerdings haben sie sich vorgenommen, fürs Erste eher nur noch in kurzfristigen Notsituationen Flüchtlinge aufzunehmen. Die Umstellung war für alle auf Dauer zu groß.

Ein längerfristiges Zusammenleben käme nur wieder in Frage, wenn man sich auf ein paar Regeln für das Zusammenleben einigen könne. «Damit ist es für beide Seiten hoffentlich einfacher, sich miteinander wohlzufühlen», begründet Tom die Entscheidung.

Auch für Dörthe und ihre Mitbewohner ist klar: «Man muss einfach immer wieder klar kommunizieren, wie man selber leben möchte», formuliert es die Berlinerin. «Und man sollte für sich die Frage beantworten können, warum und wie man einem Flüchtling helfen will.»

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