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Bauen für die ZukunftWohnen über der Autobahn

Das Schweizer Mittelland ist zersiedelt, Bauland immer knapper. Architekten machen sich Gedanken über den begrenzten Wohnraum und entwerfen Ideen für die Raumplanung von morgen.

von
Simon Beeli
Das Modell des Zürcher Architekten Claude Schelling zeigt, wie die Asphaltlandschaft der Autobahn vor den Toren Zürichs überbaut werden könnte. (Bild: ZVG)

Das Modell des Zürcher Architekten Claude Schelling zeigt, wie die Asphaltlandschaft der Autobahn vor den Toren Zürichs überbaut werden könnte. (Bild: ZVG)

Die Zersiedelung in der Schweiz schreitet unaufhaltsam voran, gänzlich unbesiedelte Gebiete sind fast völlig von der Bildfläche verschwunden. Zusehends wächst das Mittelland zu einer durchgehenden Agglomeration zusammen. In den letzten 75 Jahren hat sich die Siedlungsfläche der Schweiz auf über 2500 Quadratkilometer verdoppelt.

Wie Avenir Suisse vergangenen Sommer in ihrer Studie «Magnet Schweiz» vorrechnete, wird hierzulande jährlich eine Fläche von der Grösse des Walensees neu überbaut. In 23 von 26 Kantonen wächst die Siedlungsfläche schneller als die Bevölkerung. «Die Schweiz ist zersiedelt und zerzaust, die Raumplanung hat vollständig versagt», sagt der Architekt Rolf Schoch in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift «Beobachter». Zusammen mit seinen Kollegen Claude Schelling und David Spycher hat der Pionier der Solararchitektur Projekte im Köcher, die der Zersiedelung mit neuen Ideen aufwarten und ein komplett neues Landschaftsbild in der vorstädtischen Agglomeration prägen könnten.

Sein Projekt «Forest Hill» schlägt vor, die sechsspurige Autobahn nördlich des Berner Länggassquartiers mit einem 30 Meter hohen Häuserhügel zuzudecken. Über 1000 neue Wohnungen und 2000 Arbeitsplätze könnten so entstehen. Keinen einzigen Quadratmeter Land müsste er dazu neu verbauen, sondern an einem Ort etwas entstehen lassen, wo das Land bereits zubetoniert ist.

Riesiges Solarkraftwerk auf den Dächern

Ähnliches hat der Architekt Claude Schelling in der Zürcher Gemeinde Wallisellen vor. Er plant, das 1,2 Kilometer lange und acht Spuren breite Autobahnteilstück beim Einkaufszentrum «Glatt» zu überbauen. Das gigantische Projekt des Zürcher Architekts möchte gegen 3500 Menschen in 1500 Wohnungen einen Lebensraum bieten. Auf einer Fläche von 108 000 Quadratmetern sind zudem 1800 Arbeitsplätze geplant. Kostenpunkt: eine geschätzte Bausumme von fast einer Milliarde Franken.

Auch ökologisch würde die Überbauung neue Massstäbe setzen: Ein riesiges Solarkraftwerk ist auf den Dächern des Neubaus geplant. Mittels Wärmepumpen würde zusätzlich Energie aus dem durch den Autoverkehr aufgeheizten Tunnel gewonnen. Schellings Projekt ist ein Novum in der Schweiz und würde die konventionelle Bebauung entlang von Autobahnen revolutionieren. «Wir klagen über Lärm, Gestank und die Verödung ganzer Landstriche. Doch das Einzige, was wir dagegen unternehmen, ist ein paar Lärmschutzwände und Lärmschutzhügel hinzustellen», beklagt er sich im «Beobachter».

Doch jetzt soll mit den Ideen der beiden Architekten Bewegung in die architektonische Landschaft der Schweiz kommen. Zusammen mit David Spycher, dem Organisator im Team, wollen die beiden Planer Schoch und Schelling mit ihren Projekten dem Rückbau der Schweiz und der Rückeroberung des Landes zum Durchbruch verhelfen. Beim Bundesamt für Strassen (Astra) zeigt man sich interessiert: «Die Idee ist bestechend, nicht zuletzt aus raumplanerischer Sicht», sagt Sprecher Thomas Rohrbach dem «Beobachter». «Wir sind grundsätzlich positiv eingestellt gegenüber der Doppelnutzung des Autobahnareals.» Auch Investoren stehen bereit. Vor allem gemeinnützige und selbsttragende Genossenschaften zeigen grosses Interesse. Und trotz hoher Baukosten: einen grossen Vorteil haben die Autobahnüberbauungen, denn sie können auf Gratisland errichtet werden. «Wir haben das Land ja bereits bezahlt und stellen es dem Bauherrn nicht nochmals in Rechnung», so Rohrbach.

Gemeinde Wallisellen stellt sich dagegen

Trotzdem kann im Falle der Autobahn-Überbauung beim Glattzentrum nicht mit der Projektierung begonnen werden. «Beim Bund stösst das Projekt auf volle Akzeptanz, der Kanton Zürich findet die Idee auch sehr gut, doch die Gemeinde Wallisellen stellt sich dagegen», sagt Claude Schelling. Der Gemeindepräsident wolle eine revidierte Bau- und Zonenordnung durch die Gemeindeversammlung schicken. Ausserdem entstehe zurzeit auf dem Richti-Areal in Wallisellen bereits Wohnraum für rund 1200 Menschen. «Wahrscheinlich fürchtet sich der Gemeindepräsident vor der Zuwanderung, die das Autobahnprojekt mit sich bringen würde.»

Auch wenn die Chancen, das Projekt in Wallisellen zu realisieren, im Moment eher gering sind, bleibt der 73-Jährige optimistisch. «Der Kanton hat uns bereits verschiedene alternative Autobahnstücke empfohlen. Vielleicht tut sich ja schon bald eine andere Tür auf», gibt sich Schelling kämpferisch. In Wallisellen jedenfalls scheint die Zeit noch nicht reif zu sein. «Die Politiker denken immer, die Überbauung des Autobahnteilstücks wäre eine weitere Belastung für die Gemeinde und sehen nicht, dass das Projekt die ganze Region aufwerten würde.»

Zur Person

Claude Schelling hat an der ETH in Zürich Architektur studiert. Zuvor hat er eine Ausbildung zum Bauzeichner absolviert. Er ist Kopf des Architekturbüros Claude Schelling & Partner in Zürich, das vor allem auf den Siedlungs- und Wohnbau spezialisiert ist. Der 73-jährige Zürcher ist verheiratet und hat vier Kinder.

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