Überhitzter Immo-Markt: Wohnungssuchende bezahlen für Besichtigung
Aktualisiert

Überhitzter Immo-MarktWohnungssuchende bezahlen für Besichtigung

Bis zu 75 Prozent einer Monatsmiete im Voraus blechen, um bei der Wohnungssuche bessere Chancen zu haben? Eine neue Auktionsplattform machts möglich. Der Mieterverband ist empört.

von
Antonio Fumagalli
Eine Wohnung in Zürich oder Genf zu mieten, ist oft ein langwieriges Unterfangen. Ein Startup-Unternehmen will nun Abhilfe verschaffen - der Zürcher Mietverband ist empört.

Eine Wohnung in Zürich oder Genf zu mieten, ist oft ein langwieriges Unterfangen. Ein Startup-Unternehmen will nun Abhilfe verschaffen - der Zürcher Mietverband ist empört.

Wohnungssuchende in den grossen Schweizer Städten brauchen vor allem drei Dinge: Viel Glück, genügend Geld und ein gutes Beziehungsnetz. Denn die attraktivsten Wohnungen werden oft direkt unter der Hand vergeben – sei es mit einem Rundmail im Freundeskreis oder mit einem Kleininserat auf einschlägigen Portalen. Diese Tatsache will sich seit Mitte März die Auktionsplattform flatfox.ch zunutze machen: «Wir wollen den Wohnungsschattenmarkt öffentlich zugänglich machen», sagt Mattia Regi, einer der vier Inhaber des Zürcher Startup-Unternehmens.

Das Geschäftsmodell sieht folgendermassen aus: Professionelle Vermieter und vor allem Mieter, die einen Nachmieter suchen, schalten auf der Flatfox-Homepage ihr Inserat mitsamt Fotos auf – kostenlos. Interessenten erstellen ein Antwortdossier und untermauern ihre Bewerbung mit einem Gebot, das maximal 75 Prozent der Monatsmiete betragen darf. Nun ist die eigentliche Auktion im Gang: Flatfox überliefert dem Vermieter bzw. Nachmieter-Sucher nur die sieben Inserate mit den höchsten Geboten, wobei die nächste Bewerbung nachrutscht, wenn ein Inserent eine aussortiert. Zur Kasse gebeten wird letztlich derjenige Bewerber, der die Wohnung erhält.

Vormieter kassiert 75 Prozent der Prämie

Für Mieter, die ausserterminlich kündigen und deshalb einen Nachmieter suchen, ist das Angebot verlockend: Entscheidet sich der Vermieter für eines der vorgeschlagenen Dossiers, bekommt der Vormieter 75 Prozent des abgegebenen Gebots – die restlichen 25 Prozent gehen an Flatfox. Anders bei professionellen Vermietern: Weil ihnen mit der Sortierung der Dossiers – auch sie werden nach Höhe des Gebots klassiert – bereits viel Aufwand abgenommen worden sei, würden sie nicht finanziell entschädigt, sagt Regi.

Der Zürcher Mieterverband ist über die neuen Mitstreiter im umkämpften Schweizer Immobilienmarkt empört: «Das sind Trittbrettfahrer, die aus der Wohnungsnot ein Geschäft machen. Bezahlen müssen das die Mieterinnen und Mieter», sagt Sprecher Walter Angst. Die Weitervermietung von Wohnungen sei der Job der Verwaltung, und deren Kosten würden bereits mit dem Mietzins berappt. Aus Gründen der sozialen Durchmischung sei es zudem wünschenswert, dass persönliche Beziehungen bei der Wohnungssuche genutzt werden können.

«Makler-Unwesen» vs. Ernsthaftigkeit

Angst fürchtet Verhältnisse wie in Deutschland, wo das «Makler-Unwesen» weit verbreitet sei: «Das befeuert die Gentrifizierung, also die Verdrängung von Leuten mit kleinerem Geldbeutel, und dient letztlich nur den Gutbetuchten.» Ein Argument, das Flatfox-Mitgründer Regi nicht gelten lassen will: «Ein Gebot ist ein Ausdruck von ernsthaftem Interesse. Wer regelmässig einen Mietzins bezahlen kann, vermag er im Normalfall auch die einmalige Prämie zu berappen.» Dafür wird den Interessenten ein Grossteil der mühseligen Wohnungssuche abgenommen und der maximale Ansatz von 75 Prozent der Monatsmiete werde ohnehin selten erreicht. Das zeigten die Erfahrungen: Bei bisher über 100 Registrationen sei nur zweimal der Höchstpreis geboten worden, der Grossteil der Gebote liege zwischen 0 und 50 Prozent einer Monatsmiete.

Reüssiert die Idee von Flatbox, dürften etablierte Immobilienplattformen, wo die Inserate gegen Bezahlung aufgeschaltet werden, leiden. Branchenleader Homegate fürchtet sich aber noch nicht vor der drohenden Konkurrenz. Sprecher Daniel Bruckhoff: «Wir schauen dem gelassen entgegen. Unser Geschäftsmodell wird deswegen nicht in Frage gestellt.»

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