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Honda Civic RWolf im Wolfspelz

Der neue Honda Civic Type R wirkt extrem. So extrem, dass er trotz seiner 320 PS unter Poser-Verdacht gerät.

von
nve
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Der neue Type R wurde parallel zur 10. Generation des zivilen Honda Civic neu entwickelt.

Der neue Type R wurde parallel zur 10. Generation des zivilen Honda Civic neu entwickelt.

Honda
Der Riesenflügel ist nicht nur Show: Als einziger Fronttriebler erzeugt der Type R echten Abtrieb.

Der Riesenflügel ist nicht nur Show: Als einziger Fronttriebler erzeugt der Type R echten Abtrieb.

Honda
Gegenüber dem Vorgänger ist die Leistung um nur 10 PS gestiegen, das Fahrwerk wurde aber komplett überarbeitet.

Gegenüber dem Vorgänger ist die Leistung um nur 10 PS gestiegen, das Fahrwerk wurde aber komplett überarbeitet.

Honda

«Ei, Auto, was hast du für entsetzliche Spoiler, Schürzen und Schweller?» – «Dass ich dich bei hohen Tempi besser auf die Strasse pressen kann.» «Ei, Auto, was soll die alberne 3-Rohr-Auspuffanlage?» – «Dass ich dich besser anschnauzen kann.» «Ei, Auto, warum überträgst du die 320 PS und 400 Newtonmeter deines 2-Liter-Turbos nicht lieber über ein Doppelkupplungsgetriebe an alle vier Räder?» – «Dass ich dich mit meinem Frontantrieb und Handschaltgetriebe mit extrem kurzen Schaltwegen und automatischer Zwischengasfunktion besser unterhalten kann.» «Aber, Auto, wozu die komplizierte Technik mit Doppellenker-Vorderachse, Mehrlenker-Hinterachse, adaptiven Dämpfern, Vorderachssperre, besonders steifer Karosserie und verbreiterter Spur?» – «Dass ich besser Kurven fressen kann!»

Der Rundenrekord auf der Nordschleife kommt nicht von ungefähr

So gesagt, wechselte das Auto vom angenehmen Comfort- über den straffen Sport- in den brettharten, aggressiven +R-Modus und stürzte sich auf die Rennstrecke. Gerne hätte die Fahrerin noch ein bisschen weitergestichelt («Ei, Auto, was ist denn nun mit dem Anschnauzen? Das können andere emotionaler!» «Ei, Auto, was hast du dir bloss bei dem Bedienkonzept des Infotainment-Systems gedacht?» «Ei, Auto, ein halber Liter Mehrverbrauch gegenüber dem nur 10 PS schwächeren Vorgängermodell ist aber schon heftig!»). Doch kaum legte das 1380-Kilo-Gefährt ohne störende Antriebseinflüsse in der Lenkung los, bremste vor der Kurve stabil ab und schmiss sich lebhaft aber stets berechenbar ums Eck, um mit ungeahnter Vehemenz auf die nächste Kurve zuzustürmen, da war es um das Herz der Fahrerin geschehen.

Und die Moral von der Geschicht? Belächle den neuen Honda Civic Type R nicht – sein Rundenrekord für frontangetriebene Strassenwagen auf der Nürburgring-Nordschleife kommt ja nicht von ungefähr. Oder weniger märchentantenhaft ausgedrückt: Das schon ab 37'300 Franken erhältliche Auto fährt sich genauso böse wie es aussieht.

Honda Civic Type R

Karosserie: 4,56 Meter langer, 5-türiger Kompaktsportwagen.

Antrieb: 2,0-Liter-R4-Turbo mit 320 PS (235 kW) und 400 Nm.

Getriebe: 6-Gang-Handschaltung (serienmässig).

Fahrleistungen: 0-100 km/h in 5,8 Sekunden; 272 km/h Spitze.

Verbrauch: 7,7 L/100 km (Werksangabe).

CO2-Ausstoss: 176 g CO2/km (Werksangabe).

Preis: Ab Fr. 37'300 (Basismodell ab Fr. 19'900).

Infos:www.honda.ch

IN KÜRZE

Der Hersteller sagt:

«Die leichte, hochsteife Karosseriestruktur – Ergebnis innovativer Entwicklungs- und Konstruktionstechniken – sorgt gemeinsam mit dem niedrigen Schwerpunkt und einem neuen, technisch ausgefeilten Aufhängungssystem für eine herausragende Fahrdynamik.»

Wir sagen:

Oh ja! Gerade auf der Rennstrecke spürt man, dass die Honda-Ingenieure nicht einfach einen 320 PS starken Motor in ein gewöhnliches Kompaktmodell gesteckt haben sondern mit viel Liebe zum technischen Detail vorgegangen sind.

Das gefällt:

Dank des neuen Comfort-Modus und der auf 4,56 Meter gestreckten, fünftürigen Karosserie kann der Type R viel alltäglicher als zuvor. Und der Preis ab 37'300 Franken inklusive moderner Sicherheitsausrüstung ist eine Ansage.

Das eher weniger:

Das gewagte Exterieur-Design und der verhaltene Motorsound gehen ja noch als Geschmacksache durch, doch die umständliche Bedienung des Infotainment-Systems kostet richtig Nerven.

Spannendes Detail:

Kurz nach seinem Debut auf dem Genfer Salon 2017 fuhr der Civic Type R auf der Nürburgring-Nordschleife die Bestzeit für Fronttriebler ein. Mit 7:43,8 Minuten war er knapp sieben Sekunden schneller als das Vorgängermodell.

Wer fährt so was?

Keine auf Prestige bedachte Schöngeister – eher preisbewusste Sportwagenkenner.

Alternativen dazu:

VW Golf GTI Performance und GTI Clubsport S, Seat Leon Cupra, Renault Megane RS, Opel GTC OPC und allenfalls noch Allradler wie der VW Golf R und Ford Focus RS.

Am Steuer:

Nina Vetterli-Treml, Mitarbeiterin der Textlab GmbH und Testexpertin in der SRF2-Autosendung «Tacho».

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