Drohendes Verbot: Wollen bald noch mehr Deutsche bei uns sterben?
Aktualisiert

Drohendes VerbotWollen bald noch mehr Deutsche bei uns sterben?

Der deutsche Bundestag entscheidet am Freitag über ein Verbot von Sterbehilfe. Tritt das Gesetz in Kraft, dürfte dies auch für die Schweiz Folgen haben.

von
J. Büchi
Suizidhilfe ist in der Schweiz erlaubt, solange keine selbstsüchtigen Motive hinter der Handlung stehen.

Suizidhilfe ist in der Schweiz erlaubt, solange keine selbstsüchtigen Motive hinter der Handlung stehen.

Keystone/Alessandro Della Bella

«Es muss Aufgabe des Staates sein, dafür zu sorgen, dass seine Bürgerinnen und Bürger in Würde sterben dürfen.» Inserate mit dieser Botschaft hat die Sterbehilfeorganisation Exit am Mittwoch in mehreren grossen Schweizer Tageszeitungen geschaltet. Mit der Kampagne wollen die Verantwortlichen auf eine Debatte aufmerksam machen, die derzeit in Deutschland stattfindet. Am Freitag stimmt das deutsche Parlament über mehrere Vorlagen ab, die die Suizidhilfe unter Strafe stellen wollen.

Laut Beobachtern hat mindestens einer der Vorstösse gute Chancen, im Bundestag eine Mehrheit zu finden: Die Forderung aus CDU- und SPD-Kreisen will «geschäftsmässige Förderung der Selbsttötung» mit bis zu drei Jahren Gefängnis bestrafen. Der begleitete Freitod solle nicht zu einem «Dienstleistungsangebot» werden, heisst es im Gesetzesentwurf. Deutsche Sterbehilfe-Organisationen müssten ihre Tätigkeit bei einer Annahme des Gesetzesentwurfs einstellen.

Sterbetourismus könnte zunehmen

Für Jürg Wiler, Sprecher von Exit, wäre das ein schlechtes Signal: «Genauso wie in der Schweiz will auch in Deutschland ein Grossteil der Bevölkerung ein selbstbestimmtes Lebensende.» Wenn das deutsche Parlament die Sterbehilfe verbiete, stelle es sich gegen den Bürgerwillen. Wiler betont, man wolle sich nicht in die deutsche Politik einmischen. «Wir wollen daran erinnern, dass das Recht auf Selbstbestimmung in der Schweiz nicht leichtfertig aufgegeben werden darf.»

Wiler rechnet damit, dass ein Sterbehilfe-Verbot in Deutschland auch für die Schweiz Auswirkungen hätte. «Es ist absehbar, dass in diesem Fall viele Menschen aus Deutschland für ihre letzte Reise in die Schweiz kämen.» Während Exit selber nur Personen in den Tod begleitet, die entweder das Schweizer Bürgerrecht oder ihren Wohnsitz hier haben, leisten andere Sterbehilfeorganisationen wie Dignitas schon heute auch bei Ausländern Sterbehilfe.

Über 900 Deutsche in den Tod begleitet

In den letzten fünfzehn Jahren hat Dignitas gemäss eigenen Angaben schon über 900 Deutsche in den Tod begleitet, 2014 waren es 80 Personen. Auch mehrere kleinere Organisationen nehmen ausländische Sterbewillige auf. Zum Vergleich: Letztes Jahr sind in der ganzen Schweiz nach Angaben der Sterbehilfe-Organisationen rund 700 Personen mit einem begleiteten Suizid aus dem Leben geschieden. Dignitas-Gründer Ludwig A. Minelli will nicht darüber spekulieren, ob der Sterbetourismus im Falle eines Verbots in Deutschland zunehmen würde. Er sagt: «Ich vertraue darauf, dass die Vernunft im Bundestag siegt.» Ein Verbot der Sterbehilfe sei ohnehin verfassungswidrig und würde deshalb vom Verfassungsgericht wieder aufgehoben, glaubt Minelli.

Für EVP-Präsidentin Marianne Streiff-Feller ist klar: «Wenn der Sterbetourismus in unserem Land weiter zunimmt, müssen wir handeln und dieses makabre Geschäft unterbinden.» Sie werde die Debatte wachsam verfolgen und im Nationalrat bei Bedarf einen entsprechenden Vorstoss einreichen. Dass Sterbehilfe-Organisationen in der Schweiz komplett verboten werden könnten, glaubt sie nicht. «Eine solche Forderung wäre wohl kaum mehrheitsfähig. Die EVP setzt sich stattdessen dafür ein, dass die Palliativmedizin in der Schweiz ausgebaut wird.»

«Respektable Gründe dafür und dagegen»

Ottfried Höffe, Präsident der nationalen Ethikkommission, hat sich intensiv mit der Thematik befasst. Auch er sagt, eine Zunahme des sogenannten Sterbetourismus sei nicht auszuschliessen, sollte die Freitod-Begleitung in Deutschland verboten werden. «Die Schweiz vertritt in dieser Frage eine liberale Haltung. Ich erwarte nicht, dass die Politik den Organisationen verbieten wird, ausländische Sterbewillige in den Tod zu begleiten.»

Aus ethischer Sicht gebe es respektable Gründe für ein Sterbehilfe-Verbot, wie es Deutschland diskutiere. «Ein solcher Entscheid greift aber stark in die persönliche Freiheit ein, weshalb auch gute Argumente dagegen sprechen.» Höffe plädiert dafür, dass die Präventionsanstrengungen verstärkt werden. «Aus der Praxis wissen wir, dass die Betroffenen rückblickend in vielen Fällen dankbar sind, wenn man sie von einem Selbstmord abgehalten hat.»

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