Aktualisiert 18.02.2015 10:25

Schiesserei in Altstätten

Wollte eine Bande die Indoor-Anlage plündern?

Sind die Täter von Altstätten noch auf der Flucht? Die Polizei schliesst dies nicht aus. Laut Experten wird der Kampf im Hanf-Milieu immer härter geführt.

von
ann

Die St. Galler Staatsanwaltschaft hat für einen 45-jährigen und eine 58-jährigen Schweizer U-Haft beantragt. Sie wurden im Zusammenhang mit den Schüssen in einer riesigen professionellen Hanfanlage in Altstätten SG verhaftet, bei der ein 36-jähriger und ein 44-jähriger Schweizer schwer verletzt wurden. Vermutlich handelt es sich bei den Verhafteten um die Besitzer der Anlage.

Gut möglich, dass sie vor Ort gerufen wurden, nachdem ihre Sicherheitsleute von Unbekannten überfallen und bei einem Schusswechsel verletzt worden waren. Nachbarn bestätigen, dass die Anlage immer von zwei Personen bewacht wurde. Die St. Galler Polizei will so ein Szenario weder bestätigen noch dementieren. Klar ist aber: Einer der Verhafteten hat die Polizei gerufen.

Schweizer Plantagenbesitzer steigen aus

Laut dem Zürcher Rechtsanwalt Gregor Münch, der selbst viele Klienten wegen Indoor-Hanfanlagen vertritt, wurde mit dem Vorfall in Altstätten eine neue Stufe der Gewalt erreicht. Es sei zwar bekannt, dass einige Plantagenbetreiber auch Waffen hätten. «Aber diese dienen zur Abschreckung, mit einer Schiesserei rechnet man nicht.»

Ein weiterer auf Verteidigung von Hanfanlagen-Besitzer spezialisierter Anwalt bestätigt anonym, dass der Kampf um den Indoor-Hanf mit immer härteren Bandagen geführt wird. Bisher hätten vor allem Schweizer mit kleineren Betrieben den Markt dominiert. Diesen sei die Hanfproduktion nun nicht mehr geheuer und sie stiegen aus. Übernehmen würden immer öfter Banden, die auch vor schweren Delikten wie Raub nicht zurückschreckten.

Kriminaltouristen lauern Plantagenbesitzern auf

Der Zürcher Rechtsanwalt Oliver Jucker, der ebenfalls Klienten wegen illegaler Hanfanlagen vertritt, kann sich vorstellen, dass Kriminaltouristen die riesige Plantage in Altstätten überfallen haben. Diese könnten mangels Niederlassung in der Schweiz meist keine Liegenschaften mieten und selbst Hanf anbauen. «Ein Diebstahl hingegen kann sich lohnen, weil auch das Risiko klein ist.»

In der Regel fänden die Kriminaltouristen die Betreiber, indem sie die einschlägigen Läden überwachten, in denen das Zubehör für die Anlagen gekauft werde, erzählt ein weiterer Hanf-Anwalt anonym. «Die Betreiber kaufen das Zubehör nicht online, sondern bar in verschiedenen Läden, um so wenig Spuren wie möglich zu hinterlassen.» Entdeckten Kriminaltouristen so eine Anlage, würden sie meist kurz vor der Ernte zuschlagen. «Offenbar schrecken sie dabei mittlerweile auch nicht vor Waffengewalt zurück.»

So wird das Gras verdealt

«An Gras zu kommen ist einfach, man muss nur Kollegen fragen, die kiffen», erzählt ein 16-Jähriger, der regelmässig Cannabis raucht. Er habe meist zwei bis drei Leute, die er für Gras kontaktiere – mittels unverfänglicher Handynachricht. «Dann trifft man sich an einer abgemachten Stelle oder geht zum Dealer nach Hause.» Seine Kontakte seien um die 20 Jahre alt, machten das nebenher und bauten nicht selbst an. «Woher sie die Ware haben, weiss ich nicht.» Ein Gramm Gras koste etwa 12 Franken. «Je stärker der Stoff, desto mehr kostet er.» Meist kaufe man ein «Fufi» – also Cannabis für 50 Franken. Laut Christian Schneider von der Bundeskriminalpolizei ist die Cannabis-Nachfrage in der Schweiz in den letzten Jahren stabil geblieben. Pro Jahr würden 25 bis 35 Tonnen umgesetzt. ann/SDA

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